Es eilt

Co­ro­na­vi­rus: Leip­zi­ger Pe­ti­ti­on zur Ret­tung von Frei­be­ruf­lern be­reits rund 200 000 Mal un­ter­zeich­net, Mu­sik­rat for­dert be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - Von Pe­ter Korf­ma­cher www.open­pe­ti­ti­on.de/pe­ti­ti­on/sta­tis­tik/hil­fen-fu­er-frei­be­ruf­ler-und-ku­enst­ler­wa­eh­rend-des-co­ro­na-shut­downs-2

Das ging schnell: Am Mitt­woch der ver­gan­ge­nen Wo­che stell­te Da­vid Er­ler, Jahrgang 1981, sei­ne Pe­ti­ti­on on­line, ges­tern Mit­tag zähl­te er be­reits knapp 200 000 Un­ter­zeich­ner. Das zeigt: Der Hil­fe­ruf des Leip­zi­ger Coun­ter­te­nors in Zei­ten der Co­ro­na­vi­rus-pan­de­mie geht vie­le an.

„Ich for­de­re von der Bun­des- und den Lan­des­re­gie­run­gen“, heißt es dar­in, „sich bei den an­ge­dach­ten Fi­nanz­hil­fen und Un­ter­stüt­zun­gen nicht nur auf Un­ter­neh­men und Fir­men so­wie de­ren An­ge­stell­te, al­so vor al­lem ab­hän­gig Be­schäf­tig­te zu kon­zen­trie­ren, son­dern vor al­lem auch die mit­un­ter we­sent­lich pre­kä­re­re La­ge der Frei­be­ruf­ler/kunst­schaf­fen­den zu be­rück­sich­ti­gen, die Fi­nanz­hil­fen mit­hin aus­drück­lich auch auf die­se aus­zu­wei­ten und dies so un­bü­ro­kra­tisch wie mög­lich.“

Es eilt. Denn die Ab­sa­gen von Fes­ti­vals und Kon­zer­ten, von Fest­ak­ten, ja selbst von Fa­mi­li­en­fei­ern tref­fen frei­be­ruf­li­che Mu­si­ker oh­ne Vor­war­nung, mit vol­ler Macht und zum denk­bar schlech­tes­ten Zeit­punkt: Die nach­weih­nacht­li­che Sau­re-gur­ken-zeit im Kon­zert­be­trieb ist ge­ra­de erst vor­über, die Vor­rä­te der Jah­res­end-sai­son sind weit­ge­hend auf­ge­braucht, die nun ins Haus ste­hen­de Pas­si­ons­zeit mit ih­ren vie­len Kon­zer­ten und Got­tes­diens­ten müss­te ei­gent­lich das Fun­da­ment le­gen für den Rest des Jah­res. Statt­des­sen sind Ein­nah­men der weit­aus meis­ten frei­be­ruf­lich Kul­tur­schaf­fen­den von ei­nem Tag auf den an­de­ren auf Null ge­fal­len, die Aus­ga­ben lau­fen wei­ter. Und ein En­de der Si­tua­ti­on ist nicht in Sicht.

Sie be­trifft Frei­be­ruf­ler al­ler Cou­leur, die Er­ler in sei­ne Pe­ti­ti­on mit ein­be­zo­gen hat. Und sie ma­chen ei­nen gro­ßen Teil der Un­ter­zeich­ner aus. Da­zu kom­men An­ge­hö­ri­ge, aber auch po­ten­zi­el­les Pu­bli­kum. Men­schen, die zu­recht fürch­ten, dass, ist das Vi­rus wie­der ge­gan­gen, es ei­nen gro­ßen Teil un­se­res Kul­tur­le­bens mit sich ge­ris­sen ha­ben wird.

Er­ler: „Bei mei­ner Pe­ti­ti­on ging es mir vor al­lem dar­um, Auf­merk­sam­keit zu er­zeu­gen, zu zei­gen, wie groß der Kreis der Be­trof­fe­nen ist, dass er so groß ist, die Aus­wir­kun­gen so be­droh­lich, dass man die­se Pro­ble­me nicht igno­rie­ren kann.“Das scheint ge­lun­gen. Von Ver­tre­tern un­ter­schied­li­cher Par­tei­en hat Er­ler be­reits vor Er­rei­chen der 250 000er-pe­ti­ti­ons­gren­ze Zu­spruch er­fah­ren und das Ver­spre­chen be­kom­men, sein An­sin­nen am 25. März mit in die nächs­te Sit­zung des Kul­tur­aus­schus­ses des Bun­des­tags zu tra­gen. „Das freut mich na­tür­lich“, sagt der Sän­ger, „aber dann ist es zu spät“. Denn wenn Hil­fe für Kul­tur­schaf­fen­de und an­de­re

Frei­be­ruf­ler erst in zwei Wo­chen ih­ren wei­ten Weg durch die In­stan­zen an­tre­ten soll­te, wüss­ten vie­le längst nicht mehr, wo­von sie ih­re Mie­te zah­len sol­len oder ih­re Fa­mi­lie er­näh­ren.

Un­ab­hän­gig von der Fra­ge nach der Ge­schwin­dig­keit stellt sich auch die, wie sie aus­se­hen soll, die schnel­le und un­bü­ro­kra­ti­sche Hil­fe vom Bund und/oder vom Land. Er­ler macht in sei­ner Pe­ti­ti­on ei­nen kon­kre­ten Vor­schlag, der ent­waff­nend un­kom­pli­ziert scheint: Im PS schreibt er: „Die aus mei­ner Sicht am schnells­ten wirk­sa­me Maß­nah­me wä­re ei­ne (even­tu­ell auch nur zeit­lich be­grenz­te) Ein­füh­rung des be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens.“

In die­ses Horn stößt auch der Deut­sche Mu­sik­rat (DMR), des­sen Ge­ne­ral­se­kre­tär Chris­ti­an Höpp­ner ges­tern ver­laut­bar­te: „Der DMR for­dert ein auf sechs Mo­na­te be­fris­te­tes Grund­ein­kom­men in Hö­he von 1000 Eu­ro für al­le frei­be­ruf­li­chen

Da­vid Er­ler,

Sän­ger und Pe­tent

Krea­tiv­schaf­fen­den. Die Ein­kom­men der frei­be­ruf­li­chen Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker, sei es im Ver­an­stal­tungs­be­reich wie in den mu­sik­päd­ago­gi­schen Be­rufs­fel­dern, bre­chen mit dem bun­des­wei­ten Shut­down so­fort weg, wäh­rend die Kos­ten wei­ter­lau­fen.“

Die For­de­rung scheint an­ge­sichts der oh­ne­hin pre­kä­ren fi­nan­zi­el­len Si­tua­ti­on vie­ler Be­troff­ner um so dring­li­cher: Bei ei­nem „durch­schnitt­li­chen Brut­to­jah­res­ein­kom­men frei­be­ruf­li­cher Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker von 13 000 Eu­ro ist kein Spiel­raum für Rück­la­gen ge­ge­ben. Das hat auch die ers­te Zwi­schen­aus­wer­tung der noch bis zum 31. März lau­fen­den Um­fra­ge des Deut­schen Mu­sik­ra­tes zu den Aus­wir­kun­gen der Co­ro­na­kri­se auf den Mu­sik­be­reich er­ge­ben“.

Auch die Ver­an­stal­te­ter mel­de­ten sich ges­tern mit ei­nem dra­ma­ti­schen Ap­pell zu Wort: Die im Bun­des­ver­band der Kon­zert-ver­an­stal­tungs­wirt­schaft (BDKV) zu­sam­men­ge­schlos­se­nen rund 450 Un­ter­neh­men „be­grü­ßen den von der Bun­des­re­gie­rung am 13. März 2020 ver­öf­fent­lich­ten Maß­nah­men­ka­ta­log zur Ab­fe­de­rung der wirt­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen des Co­ro­na Vi­rus“. Lei­der sei­en „ins­be­son­de­re er­leich­ter­te Kre­dit­ver­ga­ben so­wie die Fle­xi­bi­li­sie­rung des Kurz­ar­bei­ter­gel­des nicht ge­eig­net, die durch mehr­wö­chi­gen Ver­an­stal­tungs­aus­fall weg­bre­chen­den Ein­nah­men so­wie vor al­lem die be­reits in­ves­tier­ten Vor­kos­ten von ge­plan­ten Kon­zer­ten und Tour­ne­en zu kom­pen­sie­ren.“Dar­um regt der BDKV zu­sätz­li­che Maß­nah­men an: Der Käu­fer ei­ner Ein­tritts­kar­te sol­le „ei­nen An­spruch auf Rück­er­stat­tung des Kar­ten­prei­ses erst ha­ben, so­fern der Ver­an­stal­ter die Nach­ho­lung der Ver­an­stal­tung nicht in­ner­halb von 365 Ta­gen ge­währ­leis­ten kann“. Fin­de über­dies „kei­ne Nach­ho­lung der Ver­an­stal­tung statt und ist ei­ne Rück­nah­me von Ein­tritts­kar­ten un­um­gäng­lich, so soll­te es dem Ver­an­stal­ter vor­be­hal­ten blei­ben, an­statt ei­ner Ba­rer­stat­tung des Kar­ten­prei­ses ei­nen Gut­schein in Hö­he des Kar­ten­prei­ses aus­zu­hän­di­gen“.

Un­ab­hän­gig von sol­chen kon­kre­ten Vor­schlä­gen stell­te sich Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Mo­ni­ka Grüt­ters be­reits zum Wo­che­n­en­de hin­ter die von der Pan­de­mie be­son­ders hart ge­trof­fe­nen Kul­tur­ein­rich­tun­gen, Künst­le­rin­nen und Künst­ler: „Mir ist be­wusst, dass die­se Si­tua­ti­on ei­ne gro­ße Be­las­tung für die Kul­turund Krea­tiv­wirt­schaft be­deu­tet und ins­be­son­de­re klei­ne­re Ein­rich­tun­gen und freie Künst­le­rin­nen und Künst­ler in er­heb­li­che Be­dräng­nis brin­gen kann.“Künst­ler und Kul­tur­ein­rich­tun­gen könn­ten sich auf Un­ter­stüt­zung ver­las­sen. Mit ei­ner Brut­to­wert­schöp­fung von mehr als 100 Mil­li­ar­den Eu­ro sei die Bran­che „ei­ner der größ­ten Wirt­schafts­zwei­ge in Deutsch­land – noch vor der che­mi­schen In­dus­trie, Ener­gie­ver­sor­gern und Fi­nanz­dienst­leis­tern“, und „was im Kul­tur- und Me­dien­be­reich an ge­wach­se­nen Struk­tu­ren ein­mal weg­bricht, lässt sich so schnell nicht wie­der­auf­bau­en“. Dar­um will Grüt­ters die Hilfs­pro­gram­me so um­set­zen, dass sie auch und be­son­ders den Kul­tur­schaf­fen­den zu­gu­te­kom­men. So sol­le bei­spiels­wei­se bei vor­zei­ti­gem Ab­bruch oder bei Ab­sa­ge von öf­fent­lich ge­för­der­ten Kul­tur­pro­jek­ten auf­grund des Co­ro­na­vi­rus „auf die Rück­for­de­rung be­reits zur Pro­jekt­durch­füh­rung ver­aus­gab­ter För­der­mit­tel teil­wei­se ver­zich­tet“wer­den kön­nen.

„Ich las­se Sie nicht im Stich“, ver­sprach voll­mun­dig die Mi­nis­te­rin.

Die aus mei­ner Sicht am schnells­ten wirk­sa­me Maß­nah­me wä­re ei­ne Ein­füh­rung des be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens.

FO­TO: AN­DRÉ KEMPNER

Da­vid Er­ler, Frei­be­ruf­li­cher Coun­ter­te­nor und Pe­tent aus Leip­zig.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.