Leipziger Volkszeitung

Spiele wider die Vernunft

- Von MNRKUS Decker

Könnte es etwas Schöneres geben, als an einem dieser sonnigen Frühlingst­age abends einmal wieder den Fernseher einzuschal­ten und ein Spiel der Fußballbun­desliga zu gucken? Vielleicht mit Freunden im Garten. Irgendjema­nd schmeißt den Grill an. Und alle jubeln, wenn – sagen wir – Erling Braut Haaland den Lederhosen­bayern den Ball rechts oben in den Winkel donnert, unhaltbar für Manuel Neuer. Für 90 Minuten dieses ganze Coronading bei einem kalten Bier vergessen – das wär’s.

So weit der Traum. In Wirklichke­it darf es genau das nicht geben. Sicher, wenn das runde Leder neun Spieltage wieder rollen könnte, dann würde damit womöglich der ein oder andere von insgesamt 13 existenzbe­drohten Ligaklubs vor der Insolvenz bewahrt. Es würde obendrein ein wenig Normalität simuliert in einer Welt, in der es gerade verdammt wenig Normalität gibt. Doch es geht hier nicht um Fußball. Es geht um Vernunft. Und um Gerechtigk­eit.

Das Prinzip der Vernunft sagt, dass wir jetzt bitteschön alle noch zu Hause bleiben sollen. Dieses Prinzip wird mittlerwei­le aber längst von vielen Seiten durchlöche­rt. Nachdem zunächst nur von der Öffnung der Autohäuser die Rede war, sollten es bald auch die Möbelhäuse­r sein. Gottesdien­ste, sagen Kirchenver­treter, müssten ebenfalls wieder stattfinde­n. So wird das neue Prinzip der Vernunft dem alten Prinzip der Partikular­interessen geopfert und verliert an Überzeugun­gskraft.

Für 90 Minuten dieses ganze Corona-ding bei einem kalten Bier vergessen – das wär’s.

Man kann das im vorliegend­en Fall sehr schön an jenen Ministerpr­äsidenten sehen, die sich für eine Fortsetzun­g der Bundesliga-saison stark machen. Sie kommen aus Bayern, Nordrhein-westfalen und Sachsen – und damit exakt aus jenen Ländern, in denen die ersten fünf der Bundesliga-tabelle beheimatet sind. Das ist weniger als die ganze Erklärung. Aber es ist gewiss mehr als reiner Zufall.

Womit wir bei der Gerechtigk­eit wären. Wer will einer alleinerzi­ehenden Mutter erklären, dass sie sich weiter daheim um ihre kleine Tochter kümmern muss, weil die Kita geschlosse­n bleibt – während ausgerechn­et Fußball-millionäre wieder ihrer Arbeit nachgehen dürfen? Wer vor allem will rechtferti­gen, dass die Bundesliga­klubs bis zu 20 000 Coronatest­s verbrauche­n dürften, obwohl diese Tests weiter knapp sind. 20 000 Tests sollen jetzt in den Altenheime­n des Saarlandes gemacht werden, wo es bereits 48 Corona-tote gab.

Das passt nicht zusammen. Zu diesem Schluss tragen die Profi-fußballer selbst bei. Dieser Tage stand zu lesen, dass der eingangs erwähnte Bayern-torwart Manuel Neuer künftig 20 Millionen Euro verdienen wolle – pro Jahr. Das ist nicht vernünftig. Das ist auch nicht gerecht. Das ist in Zeiten, in denen es auf die Beachtung von Vernunft und Gerechtigk­eit mehr denn je ankommt, untragbar.

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