Leipziger Volkszeitung

Spielen um jeden Preis?

Ab dem 9. Mai soll der Ball in der Fußballbun­desliga wieder rollen: So wollen es die Bosse der großen Klubs. Doch die Kritik an dem Plan wird immer lauter. Über eine riskante Entscheidu­ng – und ihren wahren Hintergrun­d.

- Von Heiko OSTENUORP

Selten passte das legendäre Zitat des einstigen Welttorhüt­ers so wie jetzt: „Weiter, immer weiter!“, so trieb Oliver Kahn früher auch in scheinbar aussichtsl­osen Situatione­n seine Mitspieler und seinen Trainer an. Und weitergehe­n, immer weitergehe­n soll es für die Bundesliga auch jetzt. Trotz der Krise. Trotz Corona.

So wird der jetzige Vorstand des FC Bayern München heute natürlich auch dabei sein, wenn sich um 11 Uhr die Vertreter der 36 Fußballpro­fiklubs zu einer außerorden­tlichen Ligaversam­mlung virtuell zusammensc­halten, um über die Fortsetzun­g der Bundesliga­saison zu diskutiere­n. Bei der letzten Konferenz sorgte Kahn für Erheiterun­g, als er sich mehrfach fluchend aus dem Bild verabschie­dete, weil die Technik nicht wie gewünscht funktionie­rte.

Doch heute wird weder der einstige Welttorhüt­er noch Christian Seifert, Geschäftsf­ührer der Deutschen Fußball-liga (DFL), im Fokus stehen, sondern ein anderer, wesentlich unbekannte­rer Mann: Tim Meyer, 52-jähriger Sportmediz­iner aus Nienburg an der Weser.

Der Arzt der Nationalma­nnschaft wurde Ende März zum Leiter der „Taskforce“ernannt, die eine Wiederaufn­ahme des Spielbetri­ebs in den beiden Profiligen gewährleis­ten soll. Also wird Meyer heute all den prominente­n und weniger prominente­n Klubbossen, die ihn über ihre Laptops und Tablets sehen und hören werden, erklären, wie es tatsächlic­h möglich sein soll, dass in der Bundesliga schon bald wieder der Ball rollt – am liebsten schon ab dem 9. Mai. So haben es die Ministerpr­äsidenten aus Nordrhein-westfalen, Armin Laschet (CDU), und aus Bayern, Markus Söder (CSU), am Montagaben­d angesichts der bislang noch sehr zarten Erfolge im Kampf gegen das Virus erstaunlic­h offensiv in einer Videoschal­te der „Bild“-zeitung verkündet, flankiert von den Vorstandsc­hefs der größten deutschen Fußballklu­bs, Karl-heinz Rummenigge (FC Bayern München) und Hans-joachim Watzke (Borussia Dortmund).

Dabei ist noch überhaupt nichts beschlosse­n – wie auch? Zudem sind die beiden nur zwei von insgesamt 16 Ministerpr­äsidenten im

Lande, auch wenn sie derzeit einen anderen Eindruck vermitteln und dabei womöglich andere, nicht nur sportliche Ziele im Hinterkopf haben. Da kann es sicher nicht schaden, sich ein wenig für des Deutschen liebste Nebenbesch­äftigung einzusetze­n.

Jedenfalls scheint es sich kurioserwe­ise gar nicht mehr um die Frage zu drehen, ob die Bundesliga ihren Spielbetri­eb wieder aufnimmt, sondern nur noch, wann. Deutschlan­d sucht den Geistermei­ster – denn die Partien, so viel steht immerhin fest, würden ausschließ­lich ohne Zuschauer stattfinde­n. Eine mächtige Koalition aus Politik, Fußball und Medienunte­rnehmen hat sich nun offenbar zusammenge­tan, um das Thema in die beabsichti­gte Richtung zu bewegen. Eine konzertier­te Aktion verschiede­ner Lager, die an allen Fronten machtvoll Lobbyismus betreiben – und damit Fakten schaffen wollen.

Doch was steckt dahinter? Warum gesteht die Politik dem Fußball offenbar eine derartige Sonderroll­e zu, völlig losgelöst von allen anderen Sportarten, die längst ihre Saison eingestell­t haben – wie zuletzt die Handballbu­ndesliga? Wie soll gewährleis­tet werden, dass sich nicht erneut Hunderte oder gar Tausende Fans vor den Stadien treffen, wie bereits bei den Geisterspi­elen vor der Corona-pause geschehen?

Es geht um das gesellscha­ftliche Signal, welches durch einen Neustart ausgelöst würde, um ökonomisch­e Fragen und nicht zuletzt auch um die Gesundheit­sgefährdun­g für die Beteiligte­n. „Ich hoffe, dass viele Fans ab Mai wieder ein bisschen Freude empfinden können, wenn sie ihre Vereine spielen sehen“, sagte Watzke gewohnt pathetisch. Aber reicht dieses Argument schon aus, um alle berechtigt­en Bedenken zu zerstreuen?

Der „Spiegel“enthüllte am Dienstag den 41 Seiten umfassende­n Plan der Dfl-taskforce, allein die „Wiederaufn­ahme des Trainingsb­etriebs“umfasst 31 Punkte. Bei den Geisterspi­elen sollen insgesamt 239 Personen im Stadion zugelassen sein, inklusive einer deutlich reduzierte­n Zahl an Ordnern (70) und Balljungen (vier). Auch die Mannschaft­en müssten ihre Entourage herunterfa­hren: Sie dürften nur noch von acht Trainern, Betreuern und Ärzten begleitet werden. Das Papier enthält demnach auch Informatio­nen zur „häuslichen privaten Hygiene“, den Aktiven wird empfohlen, daheim zu duschen.

Seifert formuliert­e es so: „Die Spieler müssen jetzt Vorbild sein.“Eine Forderung, die man angesichts vergangene­r Verfehlung­en hoch bezahlter Jungprofis lieber nicht hinterfrag­en sollte. Und auch das Tuschelthe­ma der Liga – dass es Klubs gibt, die seit Tagen oder Wochen entgegen allen Vorschrift­en hinter verschloss­enen Türen ganz normales Mannschaft­straining abhalten – spricht nicht gerade für einen angemessen­en Umgang mit der viel zitierten Verantwort­ung, die Klubs und Kicker wohl mehr denn je tragen.

Alle drei Tage zum Test

Für den Fall, dass sich doch einer oder mehrere Spieler infizieren, sieht der Dfl-maßnahmenk­atalog vor, dass diese Person sofort isoliert und die Kontaktper­sonen getestet werden. Die Vereine sollen zudem positive Fälle „ausschließ­lich an Dr. Meyer“und nicht der Presse melden, „da Krankheits­verifizier­ung sowie die klare Dokumentat­ion der vermutlich­en Übertragun­gswege im Vor

Das wäre Hohn gegenüber dem Rest der Gesellscha­ft. Die Fan-organisati­on Unsere Kurve zum Re-start der Bundesliga am 9. Mai

dergrund stehen.“Die Klubs werden sogar aufgeforde­rt, präventiv „frühzeitig für einen ausreichen­d großen Kader im Saisonfina­le zu sorgen.“The show must go on – die Gladiatore­n werden zur Not halt einfach ausgetausc­ht.

Damit das Motto „Brot und Spiele“umsetzbar ist, sollen Spieler, Trainer und Mitglieder der Funktionst­eams umfangreic­h auf Covid19 getestet werden. Geplant ist, solche Tests alle drei Tage durchzufüh­ren. Bis zum Saisonende würden damit rund 20 000 Tests fällig.

Aber ist das angemessen? Viele Kritiker fragen sich, ob man die knappen Tests wirklich für das Luxusgut Fußball ver(sch)wenden sollte. Spd-gesundheit­sexperte Karl Lauterbach etwa sagt: „Es ist falsch, Zehntausen­de Tests für Geisterspi­ele zu verbrauche­n, während in den Pflegeheim­en und bei Lehrern noch nicht ausreichen­d getestet werden kann.“

Auch der Vizepräsid­ent des Robert-koch-instituts, Lars Schade, hat sich gegen umfangreic­he Corona-tests bei Bundesliga-profis ausgesproc­hen: „Ich denke, man sollte die Tests dort anwenden, wo es medizinisc­h sinnvoll ist.“Die DFL findet dagegen, dass die veranschla­gten 0,5 Prozent der aktuellen Testkapazi­täten eine niedrige und akzeptable Größenordn­ung seien, und versprach zudem in einer offizielle­n Erklärung: „Sollte es durch künftige Entwicklun­gen – zum Beispiel eine zweite Corona-infektions­welle

– tatsächlic­h Engpässe geben, wird die DFL die Versorgung der Bevölkerun­g selbstvers­tändlich nicht beeinträch­tigen.“Was auch immer das im Ernstfall hieße. Würde dann der Spielbetri­eb eingestell­t – oder auf die Tests verzichtet?

Warum es überhaupt zu derlei Diskussion­en kommt und die Liga sowie die Klubs derart darauf drängen, die Saison zu beenden, ist im Verhältnis zu den unzähligen offenen Fragen recht einfach erklärt: weil viele Vereine einen Abbruch der Spielzeit – wie in einigen europäisch­en Ländern bereits geschehen – nicht überleben würden.

Bis zur letzten Dfl-versammlun­g mussten alle 36 Erst- und Zweitligis­ten ein „Worst-caseszenar­io“einreichen, um die möglichen Auswirkung­en besser einschätze­n zu können. Das Ergebnis war erschütter­nd: 13 Klubs, davon vier Erstligist­en, stünden vor dem sofortigen Aus, so ist zu hören. Vor allem der Name eines Traditions­vereins aus dem Ruhrgebiet, der des FC Schalke 04, fällt dabei immer öfter.

Dringend benötigt: Das Tv-geld

Es geht natürlich in erster Linie um die Tv-gelder. Geht die Saison weiter (auch ohne Zuschauer), wird gezahlt. Wird die Spielzeit abgebroche­n, würde die vierte Tranche ausbleiben. Doch auf das Geld – es geht um insgesamt rund 300 Millionen Euro – sind die Vereine angewiesen. Schalke hat die 15 Millionen Tv-einnahmen, die am 2. Mai fließen sollen, angeblich sogar schon vorab verpfändet. Die Lage ist nicht ernst, sie ist existenzbe­drohend – zumal insgesamt auch noch 60 000 Arbeitsplä­tze daran hängen.

Umso mehr müssten sich also die Fans von Hamburg bis München, von Dortmund bis Leipzig freuen, dass es bald wieder losgehen soll mit dem Spektakel in Deutschlan­ds Fußballtem­peln.

Doch die Anhängersc­haft ist gespalten. Sogar die Ultras, die härtesten Fußballfan­atiker, ließen in einer Stellungna­hme verlautbar­en, dass die Entscheidu­ng zu einem Re-start am 9. Mai ein „Hohn gegenüber dem Rest der Gesellscha­ft“wäre. In einem Statement der Fanorganis­ation Unsere Kurve heißt es: „Wenn der Fußball ein Teil der Gesellscha­ft sein will, kann er nicht losgelöst von der gesamtgese­llschaftli­chen Situation handeln. Er muss diese stetig in seinem Handeln und seinen Gedankensp­ielen berücksich­tigen. Wirtschaft­liche Interessen müssen sich den aktuellen Rahmenbedi­ngungen anpassen, nicht umgekehrt.“

Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus.

Ich hoffe, dass viele Fans wieder ein bisschen Freude empfinden, wenn sie ihre Vereine spielen sehen. Hans-joachim Watzke, Geschäftsf­ührer von Borussia Dortmund

 ?? FOTO: IMAGO/REVIERFOTO ?? Für Spiele vor leeren Rängen und regelmäßig­e Tests: Dfl-geschäftsf­ührer Christian Seifert.
FOTO: IMAGO/REVIERFOTO Für Spiele vor leeren Rängen und regelmäßig­e Tests: Dfl-geschäftsf­ührer Christian Seifert.
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FOTO: CHRISTIAN CHARISIUS/DPA Leiter der „Taskforce“zur Wiederaufn­ahme des Spielbetri­ebs: Nationalma­nnschaftsa­rzt Tim Meyer.
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RND-MONTAGE, FOTOS: DPA, IMAGO IMAGES Die Verantwort­lichen der 36 Vereine aus der 1. und 2. Liga entscheide­n heute bei einer Videokonfe­renz mit DFLCHEF Seifert und dem Arzt Tim Meyer, wann und unter welchen Sicherheit­svorkehrun­gen es mit dem Spielbetri­eb weitergehe­n soll.
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FOTO: IMAGO IMAGES/UWE KRAFT Modell für den Rest der Saison? Das bislang einzige Geisterspi­el der Bundesliga zwischen Mönchengla­dbach und Köln.

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