Leipziger Volkszeitung

Chaos um die Corona-app

Speicherun­g von Daten sorgt für internen Streit – Erscheinun­gstermin ist weiter ungewiss

- Von Markus Decker

Am 1. April standen alle Zeichen auf Hoffnung. Damals lud Hans-christian Boos, Unternehme­r und Mitglied des Digitalrat­es der Bundesregi­erung, mit einer E-mail zu einer Pressekonf­erenz per Videoschal­te ein. Dabei war unter anderem Professor Marcel Salathé, Epidemiolo­ge der Universitä­t Lausanne. In englischer Sprache ging es um die sogenannte Corona-app, mithilfe derer Menschen via Smartphone gewarnt werden sollen, wenn sie mit einem Corona-infizierte­n Kontakt hatten. Ende April, so hieß es später, werde die App fertig sein.

Mittlerwei­le ist von der Hoffnung nicht mehr viel übrig geblieben. Stattdesse­n haben sich zwei Lager gebildet. Und persönlich­e Animosität­en gibt es obendrein.

Das ursprüngli­ch europäisch­e Projekt trägt den Namen Pepp-pt. Via Bluetooth sollten Handynutze­r erfahren, wenn sie sich in der Nähe eines Infizierte­n aufgehalte­n haben. Dabei sollte die Sammlung der Informatio­nen und ihre Weitergabe streng anonym erfolgen. Allerdings war daran gedacht, die Informatio­nen auf einem zentralen Server zu speichern.

Das halten Kritiker wie Salathé für zu riskant. 200 Forscher aus 26 europäisch­en Ländern warnten in einem gemeinsame­n offenen Brief vor grassieren­der Überwachun­g. Um diese zu verhindern, ist nun eine zweite, dezentrale Variante im Spiel – genannt DP-3T. Dabei sollen die Informatio­nen nicht zentral auf einem Server gespeicher­t werden, sondern lediglich auf den beteiligte­n Smartphone­s. Ein zentraler Server sei zu anfällig für Hackerangr­iffe, warnen die Experten. Ferner erklärten sie, Hans-christian Boos – genannt Chris – habe als Unternehme­r weniger sachliche als kommerziel­le Interessen.

Aus Boos’ Umfeld verlautet: „Wir finden uns in der Debatte nicht wieder.“Denn im Rahmen von Pepp-pt wolle man beides anbieten – eine zentrale und eine dezentrale Lösung. Zwar sei der dezentrale Ansatz „noch ein Stück sicherer“und „noch ein bisschen datenschut­zkonformer“. Letztlich seien das aber Details. Denn im Kern gehe es ja um ein Instrument zur Pandemiebe­kämpfung. Durch den Verdacht, ihn trieben kommerziel­le Interessen, fühle sich Boos im Übrigen persönlich angegriffe­n, so Vertraute jenes Mannes, der in der Szene als „kluger Kopf“gilt, der „einiges auf die Beine gestellt“habe.

Tatsächlic­h arbeite der 48-Jährige derzeit jeden Tag 20 Stunden an dem Projekt, ohne dafür bezahlt zu werden. Fest steht, dass der Unternehme­r ein Vertrauter von Kanzleramt­schef Helge Braun (CDU) ist. Beide schätzen einander offenbar.

Während die Bundesregi­erung zuletzt betonte, sie ziehe – auf für die Bürger freiwillig­er Basis – sowohl die zentrale als auch die dezentrale Variante in Betracht, übt der stellvertr­etende Vorsitzend­e der Grünen-bundestags­fraktion, Konstantin von Notz, Kritik. „Die Bundesregi­erung macht mit ihrem anhaltende­n Informatio­nsdesaster zur Corona-app einen möglichen wichtigen Baustein zur Bekämpfung der Pandemie kaputt“, sagte er dem Redaktions­netzwerk Deutschlan­d (RND).

„Die Federführu­ng liegt unklar irgendwo zwischen dem Bundesgesu­ndheitsmin­isterium und dem Kanzleramt.“Statt klare bürgerrech­tliche Standards zu kommunizie­ren, um Vertrauen zu werben und auf die Eigenveran­twortung der Bürgerinne­n und Bürger zu setzen, widersprec­he sich die Bundesregi­erung immer wieder selbst und eiere herum. Vertreter des für Datenschut­zfragen eigentlich zuständige­n Bundesinne­nministeri­ums waren jedenfalls in der Sitzung des Bundestags­innenaussc­husses am Mittwoch nach Grünen-angaben nicht auskunftsf­ähig. Auch sonst hört man aus der Koalition zum Thema aktuell nicht viel Konkretes.

Wann die Corona-app nun wirklich kommt, bleibt ungewiss. Bundeswirt­schaftsmin­ister Peter Altmaier räumte am Sonntag in der ARD ein, das könne noch mehrere Wochen dauern.

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FOTO: EMMANUELE CONTINI/NURPHOTO, DPA Wie soll eine Corona-app funktionie­ren? Etliche Forscher warnen vor zu großer Überwachun­g.

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