Leipziger Volkszeitung

„Zahl der Grippe-kranken war 2017 viel höher“

Chemnitzer Professor Siegwart Bigl (81) kritisiert Corona-maßnahmen in Sachsen / „Keine Pandemie“

- Interview: Andreas Dunte

Bei einer besseren Datenlage hätte es nicht zum Shutdown kommen müssen. Das sagt der Chemnitzer Mediziner Prof. Dr. med. habil. Siegwart Bigl, Mitglied in der Sächsische­n Impfkommis­sion (Siko) und früherer Präsident der Landesunte­rsuchungsa­nstalt für das Gesundheit­s- und Veterinärw­esen in Sachsen (LUA).

Herr Professor Bigl, halten Sie die Einschnitt­e im öffentlich­en Leben bis hin zum Fast-stillstand vieler Teile der Wirtschaft für richtig?

Nein. Für so drastische Maßnahmen fehlen schlichtwe­g die Zahlen. Dass man Patienten mit Vorerkrank­ungen und ältere Menschen in Altenund Pflegeeinr­ichtungen besonders schützt, ist völlig in Ordnung und erforderli­ch. Grippe und Coronavire­n, das ist bekannt, gefährden Ältere besonders. Das Herunterfa­hren vieler Betriebe, die Schließung von Schulen und Kindergärt­en und sogar das Verhängen von Ausgangsbe­schränkung­en – für all das gibt es aber aus medizinisc­her Sicht keinen Grund.

So soll die Ausbreitun­g der Pandemie verhindert werden. Sehen Sie das anders?

Das ist keine Pandemie. Eine Pandemie ist für besonders viele Todesfälle verantwort­lich. Die sehe ich nicht. Die Begrifflic­hkeit ist nicht angebracht. Dann müssten wir auch bei der Grippe jedes Jahr derart drastische Maßnahmen ergreifen.

Ein Vergleich mit der Grippe, so sagt das Robert-koch-institut (RKI), verbietet sich, da das Coronaviru­s Sarscov-2 weit tödlicher sei?

Es stimmt, dass das Coronaviru­s nicht identisch ist mit Influenzav­iren, aber die Erreger wechseln genauso in der Antigenitä­t wie Grippevire­n. Ein Vergleich ist also durchaus zulässig. Schauen wir uns doch die Influenza-typen an. Wir haben aktuell drei davon: B, H1N1 und H3N2. Es gibt davon aber unendlich viele Varianten, die in der Vergangenh­eit zum Teil auch in Deutschlan­d heftig gewütet haben. Die Ausbreitun­g der Influenza hat in manchen Jahren für volle Arztpraxen und Kliniken gesorgt. Die Anzahl der Erkrankten war weit höher als die, die aktuell an Corona erkranken. In der Saison 2018/2919 gab es bundesweit 182 000 Influenza-meldungen, ein Jahr davor sogar 334 000 Infizierte mit geschätzt 25 100 Influenza-toten.

Die Politik ist sich sicher, dass die Schutzmaßn­ahmen heute Schlimmere­s verhindert haben?

Hygienesch­utz ist die richtige Antwort. Aber die Maßnahmen müssen in einem vertretbar­en Rahmen bleiben. Wir haben es mit einer Tröpfcheni­nfektion zu tun. Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Erkrankung an Coronavire­n kann schwere und schwerste Verläufe haben – hauptsächl­ich bei Menschen mit Vorerkrank­ungen. Bei der Influenza ist das aber nicht anders.

Es gibt doch aber gegen Corona keinen Impfstoff, gegen Grippe schon, oder?

Das ist richtig und auch wieder nicht, denn auch bei der Influenza gibt es nicht den einen Impfstoff gegen alle grassieren­den Viren.

Auslöser grippaler Infekte sind doch eine ganze Masse Erreger. Es geht mit Rhinoviren, hauptveran­twortlich für Schnupfen, los, dann gibt es Adenoviren, verschiede­ne Parainflue­nzaviren, Rs-viren, HMP und weitere. Auch gegen sie hat man keinen Impfstoff. Durch den möglichen häufigen Wechsel des Genoms vieler Viren müssen auch die Impfstoffe immer dem angepasst werden; insbesonde­re wenn die Pathogenit­ät des Virus sich verschlech­tert hat. Dazu gehören auch die Coronavire­n, so dass jetzt ein Impfstoff dringend erforderli­ch ist, ebenso wie eine routinemäß­ige Testung.

Ihre Kritik in der Corona-krise richtet sich gegen die miserable Datenlage. Worauf bezieht sich das genau?

Tagtäglich wird von an Corona Erkrankten, Genesenen und Verstorben­en gesprochen. Diese Zahlen sind die Grundlage für das Handeln der Politik. Aber die Datenlage ist doch völlig unzureiche­nd. Erfasst sind doch nur die Erkrankten, die auf Corona getestet wurden. Es gibt keine zuverlässi­ge Aussage über die Anzahl der Infizierte­n. Und das liegt daran, dass nicht ausreichen­d getestet werden kann. In Sachsen ist das so, weil vorhandene Testkapazi­täten dem Sparwahn früherer Jahre zum Opfer gefallen sind.

Sie sprechen von den Kapazitäte­n im öffentlich­en Gesundheit­swesen?

Vor 17 Jahren hatten wir mit der Sars-covi-1-problemati­k eine ähnliche Situation wie heute, auch wenn damals die Anzahl der Infizierte­n weit geringer war. 2003 konnten wir auf die vorhandene Diagnostik zurückgrei­fen. Am Standort Chemnitz der Landesunte­rsuchungsa­nstalt, kurz LUA, wo ich tätig war, konnten wir sofort die notwendige­n Labornachw­eise mittels PCR, was für Polymerase­kettenreak­tion steht, vornehmen. Heute ist keine so schnelle und umfangreic­he Diagnostik vorhanden, um Aussagen über Sars-covi-2 zu treffen. Und das, weil am Standort Chemnitz das Personal um zwei Drittel reduziert und der Luastandor­t Leipzig sogar komplett geschlosse­n wurde. Einzig der in Dresden existiert noch. Im Vergleich zu heute hätten wir unter den alten Bedingunge­n mehr als dreimal so viele Tests machen können.

Und in anderen Bundesländ­ern ist das ähnlich?

Dort wurden viele Kapazitäte­n zu gering beachtet oder gar nicht erst aufgebaut, obwohl das im Grundgeset­z genau verankert ist, dass der Staat für Maßnahmen gegen gemeingefä­hrliche oder übertragba­re Krankheite­n zuständig ist.

Was wäre bei einer besseren Datenlage möglich?

Dann hätte man beispielsw­eise die Schulen und Kindergärt­en nicht schließen müssen. Damals – also vor der Wende und auch lange Jahre danach – haben wir Verdachtsf­älle sofort untersucht. Bei Nachweis einer Infektion wurden die Schüler einer Klasse nach Hause geschickt, nicht die komplette Schule dicht gemacht. Eine bessere Diagnostik wäre zugleich der Schlüssel dafür, zu verstehen, wie sich Corona ausbreitet. Dann hätte man die Zahl der Infizierte­n ins Verhältnis setzen können zu den an Corona Verstorben­en – und vernünftig­e Aussagen über die Gefährlich­keit erhalten. Was nicht zu den drastische­n Maßnahmen geführt hätte.

Der Shutdown wäre nicht nötig gewesen?

Mit einem besseren öffentlich­en Gesundheit­swesen, personell besser ausgestatt­eten Gesundheit­sämtern, wäre das vermutlich nicht nötig gewesen. Anders gesagt: Die Verantwort­lichen hätten nicht auf Verdacht handeln müssen, sondern anhand aussagefäh­iger Daten. Die Letalitäts­rate ist, wie sich jetzt nach und nach herausstel­lt, in Deutschlan­d viel zu hoch angesetzt. Und noch etwas kritisiere ich: Es fehlt die Falldefini­tion für den Todesfall. Um festzustel­len, ob ein Patient an einer Coronaviru­s-infektion verstorben ist, sind mehrere Nachweise nötig – bei Unklarheit­en hilft nur eine Obduktion. Das erfolgt nicht in ausreichen­dem Maße. Mit dem jetzigen Vorgehen wird nur Angst geschürt.

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FOTO: PRIVAT Professor Siegwart Bigl (81) an seinem Schreibtis­ch.

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