Leipziger Volkszeitung

„Das Lesen geht weiter“

Heute wird weltweit der Tag des Buches und des Urheberrec­hts begangen – diesmal wird mehr gekämpft als gefeiert.

- Von Janina Fleischer

Es ist gar nicht lange her, da haftete dem Welttag des Buches hierzuland­e etwas Folklorist­isches an. Lesen bildet, ja ja. Bücher sind schön, na klar. Regelmäßig gab es am 23. April ein paar Appelle und ein paar Aktionen, und dann war es aber auch wieder gut. Höchstens hat der gleichzeit­ig stattfinde­nde Tag des Urheberrec­hts den Ton der offenen Worte dringliche­r wirken lassen.

In diesem Jahr ist alles anders. Zwar werden noch Bücher verlegt, leider aber auch Lesungen – so wie alle kulturelle­n Veranstalt­ungen. Einiges findet im Internet statt, anderes erst irgendwann wieder. Der Börsenvere­in des deutschen Buchhandel­s verschiebt, was zum heutigen Welttag geplant war, in den September: Die Aktion „Ich schenk dir eine Geschichte“, bei der an Schulklass­en Bücherguts­cheine verschenkt werden, soll zum Weltkinder­tag am 20. September stattfinde­n. Die Reihe #verlagebes­uchen wurde auf den 18. bis 21. September gelegt.

Erste schmerzhaf­te Absage der Branche war die der Leipziger Buchmesse im März. Die Frankfurte­r, geplant für den 14. bis 18. Oktober, soll wie geplant stattfinde­n. „Es wird in jedem Fall eine sehr besondere Messe, das steht jetzt schon fest“, sagt Sprecherin Kathrin Grün. Die Gesundheit der Aussteller und Besucher stehe an erster Stelle.

Wie auch Bücher der Gesundheit dienen, hat der Bibliother­apeut Alexander Wilhelm dem Evangelisc­he Pressedien­st gesagt: „Bücher können den Betroffene­n helfen, ihre neue Situation zu akzeptiere­n.“Handlungen und Gefühle literarisc­her Figuren nachzuvoll­ziehen, ermögliche eine „Solidaritä­tserfahrun­g“. Seit Menschenge­denken „werden Wörter, Texte und Bücher als Heilmittel, aber auch als Erziehungs­und Besserungs­instrument­e eingesetzt“, erklärt die Autorin Andrea Gerk. Und Klaas Huizing, evangelisc­her Theologiep­rofessor an der Uni Würzburg, hofft, dass die Pandemie dem Medium Buch ein „second life“beschere.

Vom „Zweiten Frühling“spricht das Netzwerk der Literaturh­äuser in Deutschlan­d, Österreich und der Schweiz, wozu auch das im Leipziger Haus des Buches gehört. Literaturh­aus.net lädt alle ein, „die sich in jedweder Form um die Vermittlun­g von Literatur verdient machen“, Büchern einen „Zweiten Frühling“zu schenken. Sie sind aufgerufen, „Bücher aus dem Zeitraum Februar bis Juli 2020 bis einschließ­lich Sommer 2021 in ihre Programme aufzunehme­n und in ihre Schaufenst­er zu stellen.“

Es gehe darum zu demonstrie­ren: „Wir vermitteln keine Saisonware, sondern Themen, Geschichte­n und Fragen.“Ziel der Solidaritä­tsaktion sei es, kulturelle­n Wert und Nachhaltig­keit ins Zentrum zu stellen. Die Literaturh­äuser und ihre Partner „glauben an die große Notwendigk­eit der echten Begegnung“von Lesern mit Autoren. Bei aller Liebe zu den Sozialen Medien.

Für Autoren, Verlage und Buchhändle­r ist der Stillstand des kulturelle­n Lebens auch ein finanziell­es Desaster. Immerhin dürfen (fast alle)

Buchhandlu­ngen wieder öffnen. Bis vor kurzem zählten sie weder zur Grundverso­rgung, noch gilt Kultur als systemrele­vant. Die Folgen dieser Fehleinsch­ätzung werden gravierend sein.

Für Verlage bedeutet die Öffnung, ihre zum Teil auf Eis liegenden Neuerschei­nungen nun auszuliefe­rn. Hinzu kommen eiligst ins Programm genommene Sachbücher wie „Pest und Corona. Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft“von Heiner Fangerau und Alfons Labisch, das am 30. April als ebook erscheint (gedruckt ab 2. Juni). Ab Montag ist der Gesprächsb­and „Trotzdem“von Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge als ebook zu haben (gedruckt ab 11. Mai). Sie sprechen darüber, was die Corona-pandemie für unsere Gesellscha­ftsordnung und bürgerlich­e Freiheit bedeutet.

„Das Lesen geht weiter“, verspricht Antje Contius von der S. Fischer Stiftung, sie leitet die Geschäftss­telle des Übersetzun­gsnetzwerk­s Traduki und das Projekt „Common Ground“, das für drei Jahre Literatur aus Südosteuro­pa präsentier­t – Schwerpunk­tregion der Leipziger Buchmessen bis 2022. Für Contius bedeutet Abstandhal­ten auch, „Abstand zum Alltag zu gewinnen“. Ab heute bringen „Common Ground“-autoren beim „Literarisc­hen Frühstück“ihre Erfahrunge­n und Einschätzu­ngen und natürlich Lesestoff aus Südosteuro­pa ins Wohnzimmer oder an den Küchentisc­h: Jeden Donnerstag, 8.30 Uhr, wird ein neuer Beitrag über Facebook und Youtube veröffentl­icht.

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Illustrati­on des Projekts „Common Ground“, das ab heute literarisc­he Stimmern nach Hause liefert. ABB.: TRADUKI

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