Leipziger Volkszeitung

„Ein bisschen Freude in die Branche hineintrag­en“

Der Deutsche Filmpreis wird in diesem Jahr „ohne Tschingder­assabum“verliehen

- Von Julia Kilian

Wir kennen das jetzt schon. Familientr­effen und Arbeitsges­präche werden von zuhause über Videoschal­ten abgehalten – so ähnlich wird nun auch der Deutsche Filmpreis verliehen. Die Gala mit Hunderten Gästen in Berlin fällt aus. Stattdesse­n werden morgen (22.15 Uhr) in einer Tv-sendung vergeben. Das Erste überträgt live.

Ganz absagen wollten die Veranstalt­er den Abend trotz Corona-krise nicht. „Wir wollten ein Zeichen setzen der Zuversicht, der Solidaritä­t. Und auch ein Zeichen dafür, dass das vergangene Kinojahr großartige Leistungen hervorgebr­acht hat“, sagt der Schauspiel­er Ulrich Matthes, seit einem Jahr Präsident der Filmakadem­ie. Es gebe natürlich auch in der Filmbranch­e Ängste, ökonomisch­e Verwerfung­en: „Es besteht die Gefahr, dass kleinere Produktion­sfirmen die Krise nicht überstehen, dass Kinos eingehen.“Um die Ausbreitun­g des neuartigen Coronaviru­s einzudämme­n, mussten Kinos schließen, und viele Dreharbeit­en ruhen derzeit.

Dass die Preise nun „nicht so glamourös mit Tschingder­assabum und rotem Teppich“verliehen würden, liege auf der Hand, sagte Matthes. Stattdesse­n sollen nur wenige Leute im Fernsehstu­dio sein. Laudatoren wie

Anke Engelke, Charly Hübner und Iris Berben sollen für kurze Besuche vorbeikomm­en oder von zuhause sprechen, kündigte die Akademie an.

Die Lolas gelten als wichtigste nationale Auszeichnu­ng für die Filmbranch­e. Ähnlich wie bei den Oscars in den USA stimmen die rund 2000 Mitglieder der Deutschen Filmakadem­ie über die Gewinner ab. Der Filmpreis wird zum 70. Mal verliehen. Die Preise sind insgesamt mit fast drei Millionen Euro für neue Projekte dotiert, das Geld kommt aus dem Haus von Kulturstaa­tsminister­in Monika Grütters (CDU).

Elf Nominierun­gen hat die Literaturv­erfilmung „Berlin Alexanderp­latz“bekommen. Regisseur Burhan Qurbani verlegt den Roman von Alfred Döblin in die heutige Zeit, macht den Flüchtling Francis zum Protagonis­ten. Der Film mit Welket Bungué, Albrecht Schuch („Bad Banks“) und Jella Haase („Fack ju Göhte“) lief auf der diesjährig­en Berlinale, nach der Corona-krise soll er ins Kino kommen.

Das Drama „Systemspre­nger“kommt auf zehn Nominierun­gen in neun Kategorien. Regisseuri­n Nora Fingscheid­t erzählt darin von einem Mädchen, das zu Gewaltausb­rüchen neigt und immer wieder durch das Raster der Jugendhilf­e fällt. Schauspiel­erin Helena Zengel ist mit gerade mal elf Jahren als beste Hauptdarst­ellerin nominiert.

„Berlin Alexanderp­latz“und „Systemspre­nger“sind als bester Spielfilm vorgeschla­gen – ebenso das Drama „Es gilt das gesprochen­e Wort“von Ilker Çatak, der Musikfilm „Lindenberg! Mach dein Ding“von Hermine Huntgeburt­h, das Großstadtm­ärchen „Undine“von Christian Petzold und das Drama „Lara“von Jan-ole Gerster. Edgar Reitz („Heimat“) soll den Ehrenpreis der Filmakadem­ie bekommen. Die Komödie „Das perfekte Geheimnis“wird als besucherst­ärkster Film ausgezeich­net.

Moderiert wird der Abend von Edin Hasanovic, außerdem sollen laut Ankündigun­g dabei sein: „Ein DJ. Und ein Hund. In einer 2400 qm großen Studiohall­e.“Der Rest sei Überraschu­ng. Matthes: „Ich hoffe, dass wir zumindest in diesen zwei Stunden ein bisschen Freude in die Branche hineintrag­en können.“Sie habe es wie viele andere dringend nötig.

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FOTO: HARALD TITTEL/DPA Egar Reitz erhält den Ehrenpreis der Filmakadem­ie.

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