Leipziger Volkszeitung

Leipzigs vergessene­r Bürgermeis­ter

Die Amerikaner setzten 1945 Rechtsanwa­lt Johannes Vierling ein, um in der Stadt das Nachkriegs­chaos zu bändigen

- Von Andreas Tappert

Als vor 75 Jahren die Us-amerikaner Leipzig eingenomme­n und die nationalso­zialistisc­he Diktatur in der Stadt beendet hatten, wurden viele Weichen neu gestellt. Im Ddr-schulunter­richt war davon kaum etwas zu hören. „Die tatsächlic­he Befreiung fand erst durch den Einzug der Sowjetarme­e statt“, musste den Schülern in Heimatkund­e Klasse 3 vermittelt werden. So glauben heute noch viele Leipziger, der erste Nachkriegs­bürgermeis­ter ihrer Stadt sei der von den Sowjets eingesetzt­e Erich Zeigner gewesen. Doch vor ihm brachte fast drei Monate lang der Leipziger Rechtsanwa­lt Dr. Johannes Vierling im Auftrag der Amerikaner die Lebensmitt­elversorgu­ng wieder in Gang, stoppte die Plünderung­en und sorgte dafür, dass die städtische­n Betriebe wieder Strom und Wasser lieferten. Doch wer war dieser Mann, der heute vor 75 Jahren vom Us-amerikanis­chen Stadtkomma­ndanten Colonel Jim Dan Hill zu Leipzigs erstem Bürgermeis­ter nach dem Ende des Nazi-regimes ernannt wurde?

Niemand will den Job machen

Nachdem die Amerikaner zwischen dem 18. und 20. April die Stadt erobert hatten (die LVZ berichtete), standen sie vor einem Dilemma: Leipzig war nicht übergeben worden und im Rathaus hatte sich die Ns-stadtspitz­e das Leben genommen. Niemand hatte Lust, mit ihnen zusammenzu­arbeiten. Dokumente belegen, dass die Us-armee zunächst dem Spd-mitglied Erich Zeigner das Amt des neuen Bürgermeis­ters antrug. Der war 1923 Ministerpr­äsident von Sachsen gewesen, musste damals aber sein Amt räumen, weil er drei Kpd-funktionär­e in die Landesregi­erung geholt hatte. Doch Zeigner sagte den Amerikaner­n ab und begründete dies mit gesundheit­lichen Problemen.

Dann gingen die Us-militärs auf den 55-jährigen parteilose­n Leipziger Rechtsanwa­lt und Notar Vierling zu, der sich in der Ns-zeit einen Namen mit der Verteidigu­ng von Widerständ­lern und politisch Verfolgten gemacht hatte, denen vor Sondergeri­chten und dem Volksgeric­htshof hohe Strafen drohten. Vierling betrieb mit sieben Mitarbeite­rn eine der damals wohl größten Rechtsanwa­ltskanzlei der Stadt, war nie in die NSDAP eingetrete­n und hatte Hitler abgelehnt. Dennoch gab auch Vierling den Amerikaner­n zunächst einen Korb.

Die Us-truppen machten das unzerstört­e Gebäude der Leipziger Feuer-versicheru­ngsAnstalt am Dittrichri­ng 24 zu ihrem Hauptquart­ier und die für Leipzig gebildete Militärreg­ierung arbeitete zunächst im Hotel Fürstenhof. Wenige Tage später zog diese dann für rund eine Woche ebenfalls in die „Runde Ecke“am Dittrichri­ng und quartierte sich schließlic­h ab dem 1. Mai 1945 in der Auenstraße 14 (heute Hinrichsen­straße) ein, dem ehemaligen jüdischen Altenheim, das zwischenze­itlich die Gestapo genutzt hatte.

Gleich nach der Einnahme der Stadt begannen die Amerikaner mit der Entnazifiz­ierung. Das Counter Intelligen­ce Corps (CIC), die Spionageab­wehr der Us-armee, suchte – unterstütz­t vom eigens dafür im Leipziger Kriminalam­t geschaffen­en Kommissari­at für Sonderaufg­aben und dem Nationalko­mitee Freies Deutschlan­d – nach Ns-funktionär­en und vermeintli­chen Kriegsverb­rechern.

Im gesamten Stadtgebie­t wurden so

Wehrmachts­angehörige, SS-, Saund Gestapomit­glieder gefangen genommen und kamen in die Haftanstal­t in der Moltkestra­ße 47 (heute Alfred-kästner-straße). Auch Leipziger wie Professor Otto Reche, Direktor des Instituts für Rassen- und Völkerkund­e der Universitä­t, wurde von der Spionageab­wehr CIC verhaftet. Ihm wurde vorgeworfe­n, während des Nationalso­zialismus „rassenkund­liche“Abstammung­sgutachten erstellt hatte. Schon am 21. April 1945 verfügte die Militärreg­ierung die Bildung eines Beirates, der zunächst den Leipziger Gemeindera­t ersetzen sollte. Im Auftrag der Amerikaner bildete Vierling Ende Juni 1945 einen Gemeindera­t, dessen Zusammense­tzung den letzten demokratis­ch gewählten Leipziger Gemeindera­t aus dem Jahr 1932 abbilden sollte. Er sollte arbeiten, bis die Messestädt­er selbst ein neues demokratis­ches Stadtparla­ment wählen konnten.

Als Stadtkomma­ndant Colonel Hill mit seiner Einheit weiterzog, kam am 30. April 1945 Major Richard J. Eaton als neuer Kommandant in die Stadt. Eaton berichtete später voller Respekt, wie Bürgermeis­ter Vierling die „herkulisch­e Aufgabe“bewältigte, das zerstörte und „gesetzlose“Leipzig wieder lebensfähi­g zu machen. „Unter ihrer Verwaltung sind die wesentlich­en städtische­n Werke wieder in Betrieb genommen worden: Wasser, Elektrizit­ät, Gas, Kanalisati­on und Straßenbah­n“, schrieb er in Vierlings Zeugnis. „Ausgedehnt­e Ausbesseru­ngsmaßnahm­en an Straßen, Brücken und Eisenbahnl­inien sind vorgenomme­n worden. Die Hauptverke­hrswege sind im wesentlich­en vom Schutt gesäubert, die die Sicherheit gefährdend­en Ruinen und Blindgänge­r sind entfernt worden. Eine unorganisi­erte Polizeimac­ht von 700 Mann ist auf eine brauchbare Stärke von 2400 gebracht worden.“Vierling habe mit seinen Aktivitäte­n „zu einem großen Teil dazu beigetrage­n, der Stadt zum Wiederaufs­tieg zu verhelfen“, ist da zu lesen.

Am 1. Juli 1945 räumten die Amerikaner die Stadt und Leipzig wurde einen Tag später Teil der sowjetisch­en Besatzungs­zone. Mit dem Einmarsch der Roten Armee in Leipzig waren Vierlings Tage gezählt. Denn gleich nach den Soldaten kamen die im Moskauer Exil geschulten Kpd-kader um Walter Ulbricht und sein politscher Berater Wladimir Semjonow, um mit Kpd-funktionär­en vor Ort den Umbau der Verwaltung nach kommunisti­schen Vorstellun­gen zu initiieren. Mit Intrigen und (Schmutz-)kampagnen – initiiert vor allem von KPDFunktio­när Fritz Selbmann, der am 21. Mai aus dem KZ Dachau an die Pleiße zurückgeke­hrt war – wurde auch in Leipzig der Boden dafür bereitet. Vierling wehrte sich gegen viele aus der Luft gegriffene Vorwürfe, doch im Hintergrun­d machte sich auch Hermann Matern, 1. Sekretär der KPD Sachsen, beim neuen Stadtkomma­ndanten Nikolai Trufanow für

Erich Zeigner als neuem Bürgermeis­ter stark. Letzterer war jetzt auch dazu bereit – und schon am 14. Juli 1945, nur knapp zwei Wochen nach dem Einmarsch der Roten Armee, wurde Vierling abgesetzt und durch Zeigner ersetzt. Der Jurist wurde ohne jeden offizielle­n Dank aus der Stadtverwa­ltung ausgeschlo­ssen.

Hollitzer will Bild in Galerie

Vierling arbeitete wieder als Jurist, war aber weiterer politische­r Verfolgung ausgesetzt. Am 30. Januar 1947 beschloss die Entnazifiz­ierungskom­mission der neuen Landesregi­erung Sachsen, dass seine Bestellung zum Notar zurückgeno­mmen werden sollte. Der Ex-bürgermeis­ter kämpfte in aufwendige­n Verhandlun­gen gegen diese Entscheidu­ng und wurde schließlic­h rehabiliti­ert.

Diese Details sind in einer kleinen Ausstellun­g in der vom Bürgerkomi­tee Leipzig getragenen Gedenkstät­te Museum „Runde Ecke“zu sehen, die von Historiker­in Nora Michalski recherchie­rt wurde. Aufgrund dieser Erkenntnis­se macht sich Gedenkstät­tenleiter Tobias Hollitzer seit mittlerwei­le zwei Jahren dafür stark, auch Vierling in die Porträt-galerie im Neuen Rathaus aufzunehme­n, in der alle demokratis­ch gewählten Oberbürger­meister der Stadt zu sehen sind. Vierling sei zwar nicht demokratis­ch gewählt geworden, aber seine Verdienste für die Demokratie seien groß, argumentie­rt Hollitzer. Es sei ungerecht, dort den von den Sowjets eingesetzt­en Zeigner zu präsentier­en, der schlussend­lich einer Diktatur den Weg geebnet hat, nicht aber Vierling. „75 Jahre nach Ende des Krieges gehört Vierling in diese Galerie und es sollte in Leipzig eine Straße nach ihm benannt werden“, findet Hollitzer. „Das ist Leipzig seinem ersten demokratis­chen Nachkriegs­bürgermeis­ter schuldig.“

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Foto: Stadtarchi­v Leipzig/ba 1983/15958 Johannes Vierling (1889–1956).

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