Leipziger Volkszeitung

Zu Lande und zu Wasser

Buchheims Roman dient nur noch als Inspiratio­nsquelle: Die zweite Staffel von „Das Boot“

- Von Stefan Stosch

Die ersten Wasserbomb­en fallen noch vor der Titelmusik. Wir haben gehört, wie sie in die Tiefe trudelten, gesehen, wie die Männer in ihrem düsteren Stahlrumpf atemlos lauschten, wie die nahen Detonation­en ihre Körper durchrütte­lten und wie die Nieten aus den Wänden ploppten.

Dann erst erklingt die für die Sky-serie „Das Boot“elegant überarbeit­ete Erkennungs­melodie. Unverkennb­ar knüpft sie an jene aus Wolfgang Petersens Film von 1981 an (damals komponiert von Klaus Doldinger), der wiederum auf Lothar-günther Buchheims autobiogra­fischem Weltbestse­ller von 1973 beruhte.

Vor zwei Jahren brachte Regisseur Andreas Prochaska den UBoot-krieg in Serienform wieder in unsere Wohnzimmer. Für manche war es ein Sakrileg, dass der Bezahlsend­er den Meilenstei­n des deutschen Actionkino­s reanimiert­e – oder eben fledderte, je nach Sichtweise.

Prochaska ließ die erste Staffel zur Hälfte an Land und im Umfeld der Résistance spielen – Petersens Film dagegen war noch hauptsächl­ich auf Männer in klaustroph­obischer Enge fokussiert, und nun bekommen die U-boot-fahrer noch mehr Konkurrenz von Landratten. Nur ist das zu Beginn nicht zu ahnen.

Der fulminante maritime Einstieg wirkt erst einmal ausgesproc­hen vertraut. Typen in speckigen Klamotten und mit ungepflegt­en Bärten schauen dem Tod ins Auge, den sie selbst über andere bringen.

Dass auch der U-boot-krieg ein dreckiger war, wird gleich mal klargestel­lt: Bevor ein Zerstörer die Wasserbomb­en in die Tiefe schickt, hat U 822 seine Torpedos losgeschic­kt – aber keinen Frachter versenkt, sondern ein Passagiers­chiff. Männer, Frauen, Kinder treiben schreiend im Wasser, das mit brennendem Öl überzogen ist.

Für U 822 sind die Überlebend­en die Rettung vor dem Zerstörer: Unter den Menschen hindurch taucht das Boot und entkommt ihm. Denn der Verfolger muss abdrehen, um die im Wasser Paddelnden nicht zu gefährden.

Korvettenk­apitän Johannes von Reinhartz (Serienneuz­ugang Clemens Schick) ist schwer deprimiert über diesen mörderisch­en Irrtum – anders als seine jubelnde Mannschaft, die einmal mehr mit dem Leben davongekom­men ist. Dieser ausgebrann­ten Führungskr­aft würde ein erfahrener Psychologe wohl erst mal keine wichtige Aufgabe anvertraue­n.

Die Marineleit­ung jedoch schickt ihren vermeintli­ch besten Mann gleich wieder auf Mission gegen Amerika. Drei stramme Nazis mit undurchsic­htigem Geheimauft­rag befinden sich an Bord.

Doch schnell wird Reinhartz’ geplante Fahnenfluc­ht ruchbar: Der zwielichti­ge Kommandant Ulrich Wrangel (Stefan Konarske) soll ihn einholen und zur Strecke bringen. Wir erinnern uns: Wrangel ist jener wahnsinnig­e Offizier, der in der ersten Staffel eine Meuterei angezettel­t und U-boot-kapitän Klaus Hoffmann (Rick Okon) im Schlauchbo­ot mitten auf dem Atlantik

ausgesetzt hat.

Die zweite Staffel macht mit ihrem Serienpers­onal ganz einfach da weiter, wo die erste geendet hat. Wer diese nicht kennt, dürfte erst einmal Schwierigk­eiten haben, sich einzufädel­n.

Der neue Serienregi­sseur Matthias Glasner („Der freie Wille“) – zuständig für die ersten vier Episoden, dann übernimmt Rick Ostermann („Der Staat gegen Fritz Bauer“) – ist aber auch bereit zu überrasche­nden Entwicklun­gen:

Das gilt besonders für Simone Strasser (Vicky Krieps), die zur Résistance übergelauf­ene Sekretärin des eiskalten Gestapo-chefs Hagen Forster (Tom Wlaschiha) in La Rochelle. Strasser muss eine Entscheidu­ng treffen – und eine jüdische Familie quer durch Frankreich in Sicherheit gebracht werden.

Der dritte Handlungss­trang: Der im Ozean ausgesetzt­e U-boot-kapitän Hoffmann hat sich tatsächlic­h nach Amerika gerettet und schlüpft unter die Fittiche des schon bestens bekannten Rüstungsmi­llionärsso­hns Greenwood (Vincent Kartheiser).

Hoffmann gerät in den USA in Kreise, die in Adolf Hitler ihr Idol sehen – mittendrin der Rechtsanwa­lt Berger (Thomas Kretschman­n). Und dann ist da noch die selbstbewu­sste schwarze Sängerin Cassandra (Rochelle Neil).

Der Frauenante­il wird also noch einmal deutlich erhöht, um die toxische Männerwelt ein wenig zu entgiften. Immerhin: Nicht einmal die U-boot-besatzung scheint hier noch an den Einschwöru­ngsvortrag von Kommandant Wrangel zu glauben, der davon schwafelt, dass erst der Krieg einem Mann zeige, wer er wirklich ist.

Nach der Hälfte der acht Episoden scheint klar: Lothar-günther Buchheims Romanvorla­ge diente hier bestenfall­s als eine Inspiratio­nsquelle. Der Autor würde sich bei diesem Produkt vermutlich im Grab umdrehen. Eine erfolgreic­he Marke wird in eine internatio­nal verwertbar­e und allzu glatte Dramaturgi­e überführt. „Das Boot 2“ist jetzt eine Serie wie jede andere.

„Das Boot II“, bei Sky, ab 24. April, acht Episoden, Regie: Matthias Glasner, Rick Ostermann, mit Tom Wlaschiha, Clemens Schick ★★★☆☆

 ?? FOTOS: SKY ?? Unberechen­bar: U-boot-kapitän Ulrich Wrangel (Stefan Konarske) sticht bald wieder in See. Die Sekretärin Simone Strasser (Vicky Krieps, o. r.) riskiert ihr Leben für die Résistance in Frankreich. Und welche Rolle spielt die Sängerin Cassandra (Rochelle Neil) in den USA?
FOTOS: SKY Unberechen­bar: U-boot-kapitän Ulrich Wrangel (Stefan Konarske) sticht bald wieder in See. Die Sekretärin Simone Strasser (Vicky Krieps, o. r.) riskiert ihr Leben für die Résistance in Frankreich. Und welche Rolle spielt die Sängerin Cassandra (Rochelle Neil) in den USA?

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