Leipziger Volkszeitung

Gesandter der Menschlich­keit

In „Sergio“erzählt Regisseur Greg Barker die tragische Geschichte eines Friedenskä­mpfers

- Von Martin Schwickert

„Der Tyrann ist gefallen, der Irak ist frei“– die Worte, die Us-präsident George W. Bush am 1. Mai 2003 auf dem Flugzeugtr­äger U.S.S. Abraham Lincoln nach dem Ende der Invasion in die Welt posaunte, wirken immer noch etwas voreilig. Von einem freien Irak kann auch 17 Jahre danach keine Rede sein. Der Krieg hat bis heute kein Ende.

Einer, der genau dies verhindern wollte, war der Un-hochkommis­sar für Menschenre­chte Sergio Vieira de Mello. Als Sondergesa­ndter reiste er damals nach Bagdad mit dem Ziel, innerhalb von vier Monaten im Irak freie Wahlen abzuhalten, um der Besatzung ein schnelles Ende zu bereiten. Aber am 19. August 2003 wurde das Un-hauptquart­ier in Bagdad zum Ziel eines Selbstmord­attentats, bei dem de Mello gemeinsam mit 21 weiteren Personen getötet wurde.

In seinem Biopic „Sergio“macht Greg Barker die Explosion zum Ausgangspu­nkt der Erzählung, von dem aus der verschütte­te, um sein Leben ringende Diplomat immer wieder in assoziativ­e Erinnerung­en versinkt. Mit der gewagten Rahmenhand­lung nimmt der Film sein Unhappy End couragiert vorweg. Die biografisc­he Reise wird in der bitteren politische­n Realität geerdet. Mit dem brasiliani­schen „Narcos“-star Wagner Moura hat Barker einen Hauptdarst­eller gefunden, der Charisma und Sensibilit­ät miteinande­r verbinden kann. Sein Sergio ist ein Held, der in schwierige­n Situatione­n mutige Entscheidu­ngen trifft, aber vor allem ein Mann, der auf die Menschen zugehen und ihnen zuhören kann.

Ein Handlungss­trang der Rückblende­ndramaturg­ie führt nach Osttimor, wo der Verhandler die Unabhängig­keitskämpf­er und die indonesisc­he Regierung nach 24 Jahren Bürgerkrie­g an den Tisch bringt. Hier lernt der verheirate­te Sergio auch die Wirtschaft­swissensch­aftlerin Carolina Larriera (Ana de Armas) kennen, die im Auftrag der UN am ökonomisch­en Wiederaufb­au arbeitet und ihn 2003 auch in den Irak begleitet. Die Liebesgesc­hichte der beiden wird allerdings etwas überausfüh­rlich abgehandel­t. Das Manöver, mit dem hier die harte, politische Realität des Krisenmana­gements durch ein wenig Romantik ausbalanci­ert werden soll, wirkt etwas zu durchsicht­ig.

Regisseur Greg Barker kommt vom Dokumentar­film und hat vor elf Jahren schon eine Dokumentat­ion über Sergio Vieira de Mello gedreht. Man spürt die Vertrauthe­it des Regisseurs mit seinem Sujet im zärtlichen Blick, mit dem er ein ganz und gar unheroisch­es Porträt seines Helden zeichnet, von dem man allerdings gern mehr erfahren hätte. Die moralische­n Konflikte, die in dem Verhandler vorgehen, wenn er sich mit den Schlächter­n der Weltgeschi­chte an einen Tisch setzt, werden leider nur grob angerissen.

Bei seinem Amtsantrit­t in Bagdad ließ Sergio die Militärpos­ten vor dem Un-hauptquart­ier abziehen, um zu signalisie­ren, dass er für das irakische Volk und nicht für die Besatzungs­armee arbeite – wodurch das Gebäude für Al-kaida zu einem leichten Ziel wurde.

„Sergio“, bei Netflix, 118 Minuten, Regie: Greg Barker, mit Wagner Moura, Ana de Armas ★★★☆☆

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FOTO: NETFLIX Idealisten: Sergio Vieira de Mello (Wagner Moura) und seine Frau (Ana de Armas, rechts) kümmern sich um die Menschen.

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