Leipziger Volkszeitung

Lockenkopf ohne Position

Rnd-serie über die neuen Superstars im Fußball: Arsenals Mattéo Guendouzi eckt mit seinem Selbstbewu­sstsein auch mal an

- Von Tim Lüddecke

Wer bis zum 12. Januar 2019 noch nicht auf Mattéo Guendouzi aufmerksam geworden ist, weder wegen seines fußballeri­schen Talents, noch wegen der prachtvoll­en Lockenfris­ur, der wurde es womöglich durch einen Tweet der ehemaligen Pornodarst­ellerin Mia Khalifa. „Du lagst in dem Spiel häufiger flach als ich im Jahr 2014“, schrieb die West-ham-anhängerin also während einer Partie ihres Lieblingst­eams gegen den FC Arsenal, dem Klub des jungen Franzosen. Spätestens da war sein Name bekannt, was ihm gefallen haben dürfte. Der Londoner pflegt ein ausgeprägt­es Selbstbewu­sstsein.

Als Dimitar Berbatow Ende 2018 in einer Tv-show über Guendouzi sagte, er fühle sich von dieser Charaktere­igenschaft genervt, war das allerdings positiv gemeint. „Er ist erst 19, aber er spielt, als wäre er schon immer da gewesen“, befand der ehemalige Bundesliga- und langjährig­e Premier-league-profi. Der Mittelfeld­spieler kickte da frisch beim FC Arsenal, im Sommer war er vom FC Lorient gekommen – und schon Leistungst­räger. Dabei sei der Schritt aus der 2. französisc­hen Liga nach London „ein großer“gewesen, sagt Landsmann Willy Sagnol, der ehemalige Bayernprof­i. Doch mit Herausford­erungen – und Zielen – kennt sich der Sohn eines Marokkaner­s und einer Französin bestens aus.

„Jedes Mal, wenn er sich auf einer höheren Stufe beweisen durfte – in der U16, der U17, der U19 – brauchte er nur wenig Anlaufzeit, bis er der Anführer des Teams wurde – jedes Mal“, erinnert sich Lorient-präsident Loic Fery. Mit 15 war Guendouzi zu dem Klub gekommen, nachdem er, aufgewachs­en in der Stadt Poissy vor den Toren von Paris, zunächst seit seinem sechsten Lebensjahr in der Psg-akademie ausgebilde­t wurde. In Lorient sollte er jedoch schneller an den Männerfußb­all herangefüh­rt werden. Und als

Leader der Jugendteam­s machte der heute 21-Jährige diesen Anspruch auch selbst stets deutlich. Guendouzis erster Profieinsa­tz war insofern folgericht­ig: Mit 17 debütierte er, damals noch in der Ligue1. Sein Trainer Sylvain Ripoll schwärmte von dem Teenager: „Er liebt Fußball, er isst Fußball, trinkt Fußball, schläft Fußball.“Was Ripoll jedoch besonders auffiel, war die ausgeprägt­e Persönlich­keit, die in dem Jungen steckte – und die gepaart mit einer Menge Temperamen­t immer wieder zu Problemen führte. Das Ausnahmeta­lent Guendouzi war derart von sich überzeugt, dass er jedes Mal empört reagierte, wenn jemand nicht seiner Meinung war.

Es dauerte nicht lange, bis es in seiner zweiten Profisaiso­n, nach dem Abstieg in die Ligue2 unter dem neuen Trainer Mickael Landreau, zu Meinungsve­rschiedenh­eiten kam. In der Halbzeitpa­use eines Spiels gegen Valencienn­es führte dies am 24. November 2017 in einem Kabinenkra­ch dazu, dass Guendouzi zur zweiten Hälfte aus dem Spiel genommen wurde – und rund drei Monate nicht zum Einsatz kam. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wollte er den Verein verlassen. Der FC Arsenal schlug für 8 Millionen Euro zu.

Dabei hat Guendouzi ein Problem. „Er hat seine Position noch nicht gefunden“, erklärt Sagnol, „um als Nummer zehn zu spielen, dafür hat er nicht die Technik. Und um als Nummer sechs zu spielen, dafür ist seine Kenntnis vom Fußball noch nicht groß genug.“So bleibt eine Menge Luft nach oben. „Auf dem Platz ist er wie ein Hund. Er läuft nach rechts, nach links. Irgendwann ist er müde und kann sich nicht mehr bewegen“, sagt Sagnol und fordert von dem französisc­hen U21Nationa­lspieler, der noch auf sein A-debüt wartet: „Er muss den Fußball mehr studieren und Dinge erkennen.“Nach gutem Saisonbegi­nn hat Guendouzi vor der Corona-pause seinen Stammplatz verloren. Für Sagnol ein Alarmzeich­en: „Normalerwe­ise geht ein junger Spieler step by step in seiner Karriere. Er hat aber zuletzt zwei Schritte zurück gemacht. Er muss jetzt die Kurve kriegen.“

Nächster Teil: Rodrygo.

„Die neuen Superstars des Fußballs“gibt es als Podcast bei rnd.de, sportbuzze­r.de und allen bekannten Anbietern.

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FOTO: SPORTIMAGE/IMAGO IMAGES „Auf dem Platz ist er wie ein Hund“: Arsenals Mattéo Guendouzi.
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