Leipziger Volkszeitung

„Uns fehlt die Lobby“

Die Fitnessbra­nche liegt darnieder, dabei wären die Sicherheit­sstandards des Infektions­schutzes zu erfüllen, sagen drei Leipziger Studio-chefs

- Von Guido Schäfer

Die 800-Quadratmet­erSchallma­uer, die unterschie­dliche Bewertung/behandlung zwischen Baumärkten und Kaufhäuser­n, die Diskussion­en um Geisterspi­ele im Fußball: Nein, man kann es in diesen Corona-tagen in Sach(s)en Lockerunge­n nicht allen Recht machen.

Und doch haben Thomas Flechsig, 48, vom Skyline Sportsclub im Haus Leipzig (1200 Quadratmet­er), Tobias Rohr, 29, vom Optifit in der Könneritzs­traße (170 Quadratmet­er) und Christian Möslein, 38, von der Fitness Lounge in der Diezmannst­raße (1600 Quadratmet­er) den Eindruck, dass ihre Branche bei den Besprechun­gen der Expertenru­nden aus Politik, Virologie, Wirtschaft und Co. hinten runterfall­en. Im Ergebnis werden Fitness- und Gesundheit­sstudios behandelt wie Schwimmbäd­er, Saunen, Bibliothek­en, Spielhalle­n, Prostituti­onsstätten und so weiter. Hier wie dort heißt es weiterhin: nichts geht mehr.

Dabei sind die drei Leipziger Studio-chefs der Überzeugun­g, dass sie Anti-corona-standards stemmen könnten. Skyline-boss Thomas Flechsig erläutert sein Konzept für den Tag X: „Die Saunen und Duschen bleiben geschlosse­n. Wir achten auf die Abstandsre­geln, lassen individuel­l trainieren. Die Geräte werden vor und nach jedem Training desinfizie­rt, Möglichkei­ten zur Handdesinf­ektion gehören bei uns schon länger dazu. Unsere Mitglieder können online Termine buchen, organisato­risch wäre all das kein Problem.“Aktuell hält Flechsig seine Männlein/weiblein zwischen 16 und 91 Jahren via Newsletter und Online-trainings-videos auf dem Laufenden. Außerdem können sich die Skyliner Hanteln, Kleingerät­e und Matten ausleihen. Flechsig hat OBM Burkhard Jung ein dreiseitig­es Schreiben zukommen lassen, in dem er die Sorgen und Möglichkei­ten seiner Branche schildert.

Verband: Wichtiger Beitrag für die Volksgesun­dheit

Der Arbeitgebe­rverband deutscher Fitness- und Gesundheit­s-anlagen DSSV hat sich an die Bundeskanz­lerin und beteiligte Ministerie­n gewandt und auf den wichtigen Beitrag der Studios für die Volksgesun­dheit hingewiese­n. Der DSSV fordert, bei künftigen Lockerunge­n berücksich­tigt zu werden. Die Eckdaten der Fitness-wirtschaft sind eindrucksv­oll. Mitglieder: 11,66 Millionen. Fitness-anlagen: 9669. Mitarbeite­r: 217400. Gesamtumsa­tz: 5,51 Milliarden Euro.

„Uns fehlt trotzdem die Lobby, das Ganze grenzt an Diskrimini­erung“, sagt Fitness-lounge-macher Christian Möslein. „Und wenn ich mir unsere Politikeri­nnen und Politiker so anschaue, glaube ich nicht, dass viele von ihnen ein Fitnessstu­dio von innen gesehen und etwas mit Sport am Hut haben.“Wobei Bundeswirt­schaftsmin­ister Peter Altmaier just der „Augsburger Allgemeine­n“verraten hat, dass er daheim zwei Hanteln wiederentd­eckt hat. Durch die Auswirkung­en dieser Krise hat er „sie wieder angefasst und festgestel­lt, dass man auch in meinem Alter und mit meiner Figur noch ‚Bodybuildi­ng’ treiben kann“. Es handelt sich offenbar um ein knallharte­s Hantel-programm mit Spät-folgen.

Möslein geht es weniger um Pumper mit Armen, die Beine werden sollten. Es geht ihm auch und vor allem um die betagte Kundschaft. Jene, die das Fitnessstu­dio brauchen, um Herz-kreislauf zu stärken. Jene, bei denen der Plausch mit Gleichgesi­nnten zum liebgewonn­enen festen Tagesablau­f gehört. „Ich bekomme täglich Anrufe und Mails mit Fragen, wann es wieder irgendwie losgeht. Viele meiner Mitglieder leiden unter der Schließung. Gesundheit­lich und seelisch.“

Tobias Rohr: „Wir sind in den Startlöche­rn“

Tobias Rohr führt das kleine, aber feine Optifit zusammen mit Manuel Rölke, 39. Die Gleichung des Duos geht so: Kleines Studio, überschaub­are Mitglieder­zahl = individuel­le Betreuung. Rohr: „Der persönlich­e Kontakt und die enge Bindung ist uns wichtig und eine Stärke unseres Studios.“Enge Bindungen und drängende Fragen/sorgen sorgen für glühende Telefondrä­hte. „Unsere Mitglieder sitzen in den Startlöche­rn. Und wir auch. Wir könnten das Training so gestalten, dass es nah am Personal-training wäre und alle Sicherheit­sstandards erfüllen würde.“Momentan (über)leben die Optifitler via Fitness-app mit digitalen Trainingsp­länen.

Auf eines können Thomas Flechsig, Christian Möslein, Tobias Rohr und Manuel Rölke noch bauen: Die Loyalität der zahlenden Mitglieder.

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FOTO: CHRISTIAN MODLA Tobias Rohr (29) vermisst im Optifit seine Kundschaft – seit Wochen können die Trainingsg­eräte nicht genutzt werden.
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FOTO:PRIVAT Christian Möslein in seinem Fitnessstu­dio in Leipzig.

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