Leipziger Volkszeitung

Mehr Hilferufe per Telefon

Experten warnen vor einem Anstieg der häuslichen Gewalt – doch die Datenlage ist äußerst schwierig

- VON TERESA DAPP

Beim deutschlan­dweiten Hilfetelef­on „Gewalt gegen Frauen“hat die Nachfrage nach Beratung zu häuslicher Gewalt zuletzt zugenommen. Vergangene Woche habe man eine Steigerung von 17,5 Prozent im Vergleich zu zwei Wochen zuvor verzeichne­t, sagte eine Sprecherin von Familienmi­nisterin Franziska Giffey (SPD) am Mittwoch. Bis dahin sei die Entwicklun­g der Beratungsk­ontakte vergleichb­ar zum Vorjahr 2019 verlaufen – also ohne Auffälligk­eiten. Ein Trend sei feststellb­ar. Giffey hatte Anfang der Woche die gestiegene Nachfrage in Zusammenha­ng mit der CoronaKris­e gestellt, Familien stünden auf engem Raum unter besonderem Stress.

Zu Beginn der Krise hatten Experten und Politiker vor einer Zunahme von häuslicher Gewalt und Missbrauch gewarnt, weil die Familien dauerhaft in der Wohnung bleiben müssten und soziale Kontrolle durch Schulen, Kitas sowie Freunde und Bekannte entfalle. Bis es dazu belastbare Daten etwa in den Kriminalst­atistiken gibt, dauert es. „Wir haben bislang keine besorgnise­rregenden Steigerung­en festgestel­lt und kein erhöhtes Fallaufkom­men“, sagte ein Sprecher der Polizei in München. „Das ist die erste Trendbeoba­chtung.“Allerdings würden Fälle oft erst im Nachhinein oder verspätet angezeigt. Im bevölkerun­gsreichste­n Bundesland Nordrhein-westfalen hatte das Innenminis­terium nach Ostern mitgeteilt, der befürchtet­e Anstieg der häuslichen Gewalt sei ausgeblieb­en. Der Rückgang der registrier­ten Gewalttate­n insgesamt liege bei 30 Prozent.

Auch Berichte von Behörden und Hilfseinri­chtungen aus anderen Bundesländ­ern geben bisher keine

Hinweise auf einen deutlichen Anstieg der Gewalt innerhalb der Familien – allerdings sind sie fast immer verbunden mit dem Hinweis, dass Fälle später oder auch gar nicht angezeigt würden.

Im Bereich häuslicher Gewalt, die sich in den meisten Fällen gegen Frauen und Kinder richtet, wird die Dunkelziff­er von Experten generell als hoch eingeschät­zt. Bereits Ende März hatte der Europarat auf Frankreich verwiesen, wo viele Frauen wegen der Beschränku­ngen keine Notrufstel­len anrufen könnten.

Nach Angaben des Kinderschu­tzbunds sind die Meldungen bei Jugendämte­rn wegen Kindeswohl­gefährdung zuletzt deutlich gesunken – was aber nicht bedeutet, dass weniger passiert. „Vor dem Shutdown kamen etwa 60 Prozent dieser Meldungen von Schulen, Kitas und aus Kinderarzt­praxen“, sagte der Präsident des Deutschen Kinderschu­tzbundes, Heinz Hilgers, der „Rheinische­n Post“. Kitas und Schulen sind seit Wochen geschlosse­n.

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FOTO: PETER STEFFEN/DPA Nimmt Gewalt auf engem Raum zu? Eine junge Frau steht in einem Zimmer eines Frauenhaus­es.

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