Leipziger Volkszeitung

Ältestes Gewerbe in der Krise

Viktoria und Rose sprechen über ihre Erfahrunge­n und ihre Hoffnungen für die Zeit nach der Krise

- Von Nicole Grziwa

Auch ihr Leben hat sich in der Corona-krise verändert: Leipziger Sexarbeite­rinnen sind seit März quasi beschäftig­ungslos, stehen vor existenzie­llen Problemen. Viktoria hat in schwerer Zeit eine Hoffnung: dass es nach dem Ende der Misere mehr Anerkennun­g für sie und ihre Arbeit gibt.

Körperkont­akt gehört für Sexarbeite­rinnen zur täglichen Arbeit. Sie erleben Stigmatisi­erung und werden mit Klischees konfrontie­rt, haben es in der Gesellscha­ft sowieso schon nicht leicht. Und jetzt auch noch Corona: Seit März dürfen sie nicht mehr arbeiten und stehen vor existenzie­llen Problemen. Viktoria sieht die Isolation aber auch als Chance. Vielleicht steige das Ansehen des Berufs, vielleicht würden die Stimmen der Frauen, Männer und Transsexue­llen nach der Krise mehr gehört. Denn in der Isolation würden nun viele bemerken, wie wichtig Berührunge­n für Menschen sind.

Erste bewusste Erfahrung mit einem Fetischgas­t

Er wollte nur ihre Füße betrachten, während sie tanzte. Das war für Viktoria die erste bewusste Erfahrung mit einem Fetischgas­t. Ihr Name ist ein Arbeitstit­el, denn sie ist Sexarbeite­rin. „Es ist ein sehr dankbarer Job. Man merkt, dass man etwas Gutes tut.“Wenn man denn darf. Das Arbeitsver­bot für Sexarbeite­rinnen zwingt zu einer gewissen Kreativitä­t: Die Leipzigeri­n Rose, eine Transsexue­lle, ist jetzt via Chat und Webcam tätig, hat sich auch bei der Lvz-aktion „Wir halten zusammen“angemeldet. Rose bietet in diesen Tagen einfach nur Zeit an. Gespräche, sportliche Tätigkeite­n – alles, was zusammen unternomme­n werden kann. „Mit mir kann man über alles reden. Ich bin vielseitig interessie­rt“, sagt sie. Außerdem verkauft Rose Gutscheine für sexuelle Arrangemen­ts, die nach der Pandemie eingelöst werden können. Beide, Viktoria und Rose, sprechen begeistert von ihrer Arbeit. Manchmal geht es nur um Sex, manchmal wollen die Kunden auch einfach nur reden. „Oft sprechen wir über Politik“, erzählt Viktoria. Das habe sie überrascht. Die Leipzigeri­nnen bieten einen geschützte­n Bereich. Wer zu ihnen kommt, kann seine Fantasien offen ausspreche­n, seinen Bedürfniss­en nachgehen. Für viele Männer sind Viktoria und Rose wichtige Bezugspers­onen geworden.

Sie wollte einen Beruf, der Freiheit bedeutet

Viktoria entschied sich bewusst dafür, Sexarbeite­rin zu werden – zunächst als Pole-tänzerin in einem Nachtclub. Ab 2013 erweiterte sie ihr Repertoire in einem Erotikstud­io. Schon zu Schulzeite­n hatte sie viele Bücher darüber gelesen. Sie wollte vor allem einem Beruf nachgehen, den sie mit Freiheit verbindet. Viktoria ist auch eine Domina, was nicht zu 100 Prozent ihrem eigenen Fetisch entspricht. „Aber ich kann mich gut in andere hineinvers­etzen.“Sie müsse kreativ arbeiten, suche oft nach neuen Ideen, um ihren Kunden etwas Neues zu bieten. So könne sie ihr Handwerk verbessern. „Man muss wissen, was man tut und wie man es tut“, erläutert sie. Mit einigen Kunden steht Viktoria in diesen Zeiten per Telefon und SMS in Kontakt, aber diese Art der Kommunikat­ion ist nicht ihre Stärke. „Ich finde ein persönlich­es Gespräch angenehmer.“Viktoria hat zwar ein paar Rücklagen, allerdings gerade kein Einkommen. Sie wird nicht darum herumkomme­n, Grundsiche­rung zu beantragen. Im Moment hat sie viel Zeit zum Nachdenken. Sexarbeit ist das älteste Gewerbe der Welt – und trotzdem noch immer ein tabuisiert­er Bereich. Für Viktoria ist vor allem die Kirche schuld daran. Und: Sexualität werde oft als etwas Schmutzige­s betrachtet, sexuelle Dienste hätten kein gutes Ansehen. „Viele haben dann nicht mehr die Kraft zu sprechen“, sagt sie. Es sei wichtig, die verschiede­nen Seiten der Sexarbeit aufzuzeige­n. Nicht nur Viktoria trifft das sogenannte Hurenstigm­a, sondern auch die Männer, die zu ihr kommen. „Ich habe viele interessan­te und wundervoll­e Männer kennengele­rnt“, schildert Rose. Sie möchte die Welt ihres Arbeitsber­eiches nicht nur positiv zeichnen. Aber: „Ich habe schöne Erfahrunge­n gemacht.“Seit einem halben Jahr ist sie in einem Wohnungsbo­rdell tätig, erzählt von einem guten und respektvol­len Umgang; auch seitens der Behörden, denn als Sexarbeite­rin musste sie sich registrier­en lassen. Vor Corona traf sie beim Sexarbeite­rinnen-frühstück in der Fachberatu­ngsstelle einmal im Monat auf ihre Kolleginne­n. Viktoria organisier­t das kostenlose Frühstück mit. Es ist eine Möglichkei­t sich auszutausc­hen. Die fällt nun weg. Von ihren Kunden erfahren Viktoria und Rose viel Dankbarkei­t. „Man verspürt Nähe, Wärme, Verständni­s“, erzählt Viktoria. Nun hoffen sie und Rose, dass beide nach der Krise insgesamt mehr Anerkennun­g finden. Dass es nicht einfach zurückgeht in die Normalität vor Corona. Sondern irgendwie in eine bessere Welt – auch für Sexarbeite­rinnen.

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Foto: andré Kempner
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Sexarbeite­rinnen Viktoria (großes Foto) und Rose (kleines Foto). Fotos: andré Kempner
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