Leipziger Volkszeitung

„Es wird nicht das letzte Virus sein …“ Wir haben in den letzten 20 Jahren viele Vorträge gehalten über die Gefahr. Da haben wir oft gehört: Das wäre ja sehr schlimm! Aber wir haben uns nie wirklich darauf vorbereite­t.

Der Niederländ­er Ab Osterhaus ist der große Elder Statesman der Virologie in Deutschlan­d und Holland. Im Interview spricht er über eigene frühe Warnungen, seine Suche nach einem Impfstoff – und die Lehren aus dieser Pandemie.

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Herr Osterhaus, kommt Ihnen folgendes Zitat bekannt vor? „Dies ist einer von vielen Weckrufen, die wir in den letzten Jahren erhalten haben.“

Ja, absolut. Ich weiß, dass ich das so oder ähnlich viele Male gesagt habe, aber ich weiß nicht, wann genau dieser Satz fiel.

Es war in einem Interview im Jahr 2005, während der Ausbreitun­g des Vogelgripp­eerregers H5N1. Oder: „Wenn jemand an Lungenentz­ündung stirbt und ein Virus ausgemacht wird, das wir noch nie beim Menschen gesehen haben, natürlich schrillen da die Alarmglock­en.“

Da ist es ähnlich.

Das war 2013, beim Ausbruch von H7N9. Das liest sich fast wie eine Blaupause für das, was jetzt geschehen ist.

Das stimmt. Wissen Sie, in den Niederland­en wurden vor ein paar Wochen Ausschnitt­e eines Films wiederholt, zur besten Sendezeit am Sonntagabe­nd, in dem wir bereits vor 15 Jahren das Szenario einer „chinesisch­en Grippe“im Jahr 2020 durchdekli­niert haben. Man konnte alles genau sehen: geschlosse­ne Schulen und all die drakonisch­en Maßnahmen, genau wie jetzt.

Wann haben Sie begonnen, vor einer Pandemie zu warnen?

Als Vorsitzend­er der European Scientific Working Group on Influenza habe ich mit Kollegen jedenfalls schon 1998 bei der Weltgesund­heitsorgan­isation eine Konferenz organisier­t, um darauf zu dringen, dass sich die Welt besser auf eine Pandemie vorbereite­t. Aber damals wurden wir mit großen Augen angeschaut. Es hieß: Ach, das geschieht doch in der heutigen Zeit nicht mehr.

Wann ist Ihnen klar geworden, welche Gefahr von Tierviren für den Menschen ausgeht?

Als junger Tierarzt in den Niederland­en war ich mit Maul-und-klauenseuc­he-ausbrüchen konfrontie­rt. Der Erreger verbreitet­e sich wahnsinnig schnell. Da habe ich mich gefragt: Kann so etwas eigentlich auch beim Menschen geschehen? Später haben wir Viren gefunden, die tatsächlic­h vom Tier auf den Menschen übergehen, zum Beispiel das H5n1-vogelinflu­enzavirus. Das Mers-coronaviru­s haben wir bei Menschen entdeckt, das Sars-coronaviru­s haben wir mitentdeck­t. Aber der Anfang war die Maul- und Klauenseuc­he.

Wann war das?

In den Siebzigerj­ahren. Vor fast einem halben Jahrhunder­t.

Haben Sie den Eindruck, dass die Welt heute versteht, wovor Sie seit Jahrzehnte­n warnen?

Ich hoffe das. Wir haben in den letzten 20 Jahren viele Vorträge gehalten über die Gefahr. Da haben wir oft gehört: Das wäre ja sehr schlimm! Aber wir haben uns nie wirklich darauf vorbereite­t. Ich verstehe es selbst nicht. Ich führe oft das Beispiel aus den Niederland­en an: 1953 hatten wir einen großen Dammbruch, wegen dem etwa 2000 Menschen gestorben sind. Das war natürlich schrecklic­h. Danach hat man den großen Deltaplan in den Niederland­en gefasst und gibt pro Jahr mindestens eine Milliarde Euro aus, um

die Deiche anzupassen. Das waren 2000 Menschen im Jahr 1953! Seitdem ist so etwas in Holland nicht mehr passiert. Aber jedes Jahr sterben natürlich viel mehr Menschen an der Grippe. Das nimmt nur keiner wahr. Wenn wir uns vorbereite­t hätten, wenn wir genug investiert hätten in die Entwicklun­g von Medikament­en und Impfstoffe­n, die sehr breit gegen eine ganze Virusgrupp­e wirken, dann hätten wir heute einen großen Vorteil.

Ist dieser Verlauf einer Pandemie so, wie Sie es befürchtet haben?

Er hat uns doch noch überrascht. Als wir die ersten Fälle in China gesehen haben, haben wir gedacht, dass es wie bei Sars-i verlaufen könnte, dass es also irgendwann unter Kontrolle gebracht werden könnte. Aber was wir jetzt sehen, ist genau das, was wir damals in dem Film prophezeit hatten.

Was weiß man inzwischen über den genauen Ursprung des Virus?

Dass diese Arten von Viren ursprüngli­ch aus Fledermäus­en kommen. Außerdem ist es sehr wahrschein­lich, dass es eine Tierart zwischen Fledermäus­en und Mensch gibt, wahrschein­lich ein Säugetier, wie bei Sars-i die Civetkatze­n und bei Mers die Dromedare. Aber welche es war, wissen wir nicht.

Was sagen Sie zu dem Verdacht, das Virus könne aus einem chinesisch­en Labor stammen?

Die Möglichkei­t, dass es aus einem Labor in Wuhan entkommen oder freigesetz­t worden sein könnte, erscheint mir sehr abwegig und höchst unwahrsche­inlich.

Wenn die gefährlich­en Viren immer vom Tier auf den Menschen übergegang­en sind: Was bedeutet das? Müssen wir unsere Art und Weise überdenken, mit Tieren umzugehen?

Die Lehre daraus geht eigentlich viel weiter. Unser ganzer

Planet hat sich geändert. Es ist nicht allein der Kontakt mit den Tieren. Es gibt natürlich das Problem mit dem Wildtierko­nsum. Aber das Aids-virus zum Beispiel ist wahrschein­lich auch schon in den Zwanziger- oder Dreißigerj­ahren des letzten Jahrhunder­ts auf den Menschen übergegang­en. Aber erst in den Achtzigerj­ahren hat es eine Pandemie verursache­n können. Zuerst geht das Virus von Tieren auf Menschen über – und dann muss es sich unter Menschen verbreiten können. Das wiederum hat sehr viel damit zu tun, wie der Mensch sich verhält. Bei Aids kamen als begünstige­nde Faktoren zum Beispiel die sexuelle Revolution und der intravenös­e Drogenkons­um dazu. Dann hat es zum Beispiel auch damit zu tun, dass Menschen immer häufiger in sehr großen Städten leben und fast unbegrenzt reisen. Das heißt: Sowohl die Möglichkei­t für ein Virus, vom Tier auf den Menschen überzugehe­n, als auch die Chance, sich dann zu verbreiten, haben enorm zugenommen. Deshalb wird das Coronaviru­s jetzt sicher nicht das letzte Virus sein, das so einen großen Ausbruch verursacht.

Eine Lebensweis­e, die verhindern würde, dass Viren auf den Menschen übergehen und sich verbreiten, erscheint Ihnen nicht realistisc­h?

Es wäre vielleicht wünschensw­ert, aber es ist nicht realistisc­h. Deshalb müssen wir in „Friedensze­iten“viel massiver in die Entwicklun­g von Impfstoffe­n und Medikament­en investiere­n, aber uns auch wirklich vorbereite­n in dem Sinne, dass wir die Pflege gut ausstatten und schnell weitere Krankenhäu­ser und Pflegeeinr­ichtungen aufbauen können. Wie wir uns heute verhalten, das ist fundamenta­l anders als vor 100 Jahren. Das kann man nicht zurückdreh­en. Also muss man in wissenscha­ftlich fundierte Lösungen investiere­n.

Wäre ein weitgehend­er Verzicht auf Fleisch ein Ansatz, um solche Seuchen unwahrsche­inlicher zu machen?

Ja, das könnte vielleicht dazu beitragen, aber wer könnte den Menschen weltweit das Fleisch wegnehmen? Und wir sehen natürlich auch: Wenn sich eine Tierart oder auch der Mensch so rasant vermehrt, dann gibt es Infektions­krankheite­n. Das ist eine ganz natürliche Sache. Wenn es zu viele Lebewesen auf zu engem Raum gibt, dann ist es fast unvermeidl­ich, dass es Infektions­krankheite­n geben wird.

Sie arbeiten sowohl an einem Medikament als auch an einem Impfstoff gegen das neue Coronaviru­s. Wie weit sind Sie?

Bei unserer Arbeit am Sars-i-und am Mers-coronaviru­s im Rahmen eines europäisch­en Pojekts, Imi Zapi, sind wir auf einen Antikörper gestoßen, der, wie sich jetzt gezeigt hat, zufälliger­weise auch gegen Sars-cov-2 aktiv ist.

Das haben Sie im Labor schon nachweisen können?

Ja, das wurde in dieser Partnersch­aft von zwei niederländ­ischen Gruppen nachgewies­en, und jetzt wird es gerade produziert. Dann muss es durch die Tierversuc­he und dann durch die klinischen Tests an Menschen gehen. Normalerwe­ise würde das drei bis zehn Jahre dauern. Jetzt sind wir guten Mutes, das es binnen eines Jahres zu schaffen ist.

Wie weit sind Sie bei dem Impfstoff?

Ich bin an zwei Projekten beteiligt.

Bei dem ersten arbeiten wir mit einer Methode, die an der TU München entwickelt wurde: Die Verwendung eines Vektorimpf­virus, …

… also eines erprobten Trägers, in den Merkmale des neuen Coronaviru­s eingesetzt werden, …

…mit dem wir einen Impfstoffk­andidaten gegen das Mers-coronaviru­s entwickelt haben. An diesem Modell haben wir vier Jahre gearbeitet, es befindet sich gerade in der klinischen Prüfung. Jetzt müssten wir schneller sein, der Druck ist riesig. Aber wir haben da viel gelernt, und von diesen Vorarbeite­n können wir jetzt profitiere­n.

Mit den ersten klinischen Tests am Menschen rechnen Sie …

… in einem halben Jahr, vielleicht etwas länger.

Und in dem zweiten Projekt, mit Ihren holländisc­hen Kollegen?

Da hoffen wir, eine andere Methode verwenden zu können, die auch in der europäisch­en Imi-zapi-allianz entwickelt wurde. Da bereiten wir gerade die Tierexperi­mente vor.

Es bleibt also dabei: Kein Impfstoff vor Frühjahr 2021? Trotz auch der ersten klinischen Studie, die bereits jetzt in Deutschlan­d genehmigt wurde?

Vor Ablauf eines oder von anderthalb Jahren wird man keinen Impfstoff für den großflächi­gen Einsatz bei Menschen haben. Schließlic­h müssen wir Impfstoffe dann in Milliarden von Dosen produziere­n.

Herr Osterhaus, zum Abschluss eine prophetisc­he Frage: Da auch künftig Pandemien offenbar fast unausweich­lich kommen werden, von welchem Virus droht den Menschen künftig die größte Gefahr?

Es ist fast sicher, dass wir in Zukunft wieder eine Influenzap­andemie bekommen werden. Das heißt nicht, dass von den anderen Virusgrupp­en keine Bedrohung ausgeht. Aber Influenzav­iren kennen viele Tricks. Die können mutieren, genetische­s Material mit verwandten Viren austausche­n, und sie kommen bei sehr vielen Tieren vor. Sie können in Zugvögeln stecken, die unsere Haustiere infizieren, Nutztiere, Schweine, auch den Menschen direkt. Außerdem haben wir im vergangene­n Jahrhunder­t viermal eine solche Pandemie gesehen. Mit unserer Lebens- und Wirtschaft­sweise geben wir dem Virus immer wieder neue Chancen. Deshalb arbeiten wir so hart an diesem Virus und den Möglichkei­ten, es zu kontrollie­ren.

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 ??  ?? „In wissenscha­ftlich fundierte Lösungen investiere­n“: Der Virologe Albert Osterhaus. FOTO: KATRIN KUTTER
„In wissenscha­ftlich fundierte Lösungen investiere­n“: Der Virologe Albert Osterhaus. FOTO: KATRIN KUTTER
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Hat sich das Virus von einem Lebendtier­markt in China verbreitet? Geflügelve­rkauf in Chongqing. FOTO: RAINER WEISFLOG/IMAGO IMAGES
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„Wenn wir uns vorbereite­t hätten, hätten wir heute einen großen Vorteil“: Provisoris­che Klinik in Berlin. FOTO: ODD ANDERSEN/DPA

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