Leipziger Volkszeitung

„Naturschut­z ist Gesundheit­sschutz“

Bundesumwe­ltminister­in Schulze über den Kampf gegen den Klimawande­l in der Corona-krise

- Interview: Marina Kormbaki

Frau Ministerin, in der Corona-krise geht der Co2-ausstoß weltweit zurück, saubere Luft und klares Wasser sind vielerorts die Folge. Nützt das Virus dem Klima? Das ist eine Frage, die ich ungern beantworte. Na klar, wenn weltweit kaum noch jemand ein Flugzeug besteigt, sinken die Emissionen. Die Strände sind sauberer, wenn da keiner ist. Aber diese Entwicklun­gen gehen auf kein nachhaltig­es Klimaschut­zkonzept zurück. Niemand kann Umwelterfo­lge gut finden, die darauf beruhen, dass es den Menschen schlecht geht. Haben Sie die Sorge, dass Klimaschut­z in der Corona-zeit zur Nebensache wird? Nein, die Sorge habe ich nicht. Im Moment stehen unsere Gesundheit und das Zurückdrän­gen des Virus im Fokus. Aber die Diskussion zur Eindämmung des Klimawande­ls und zum Erhalt der biologisch­en Vielfalt geht weiter. Sie erhält sogar neuen Schub. Wie das? Das Coronaviru­s lehrt uns: Wir müssen nicht nur den Klimawande­l eindämmen. Wir müssen auch unsere Natur und ihre biologisch­e Vielfalt schützen. Bislang rücken die Menschen immer weiter in die Wildnis vor. Der Verlust von natürliche­n Lebensräum­en macht es Viren leichter, auf den Menschen überzuspri­ngen. Das zeigt einmal mehr: Naturschut­z ist Gesundheit­sschutz. Die Weltgemein­schaft findet selbst in einer so akuten Krise wie der Coronapand­emie nicht zusammen, wie etwa der Zahlungsst­opp der USA an die Weltgesund­heitsorgan­isation (WHO) zeigt. Warum sollte das bei der Bewältigun­g des Klimawande­ls anders sein? Mit den USA ist es im Moment schwierig. Aber in Europa arbeiten wir gut zusammen, die Corona-krise hat internatio­nale Solidaritä­t und ein Verständni­s für unser aller Vernetzung befördert. Ich bin zuversicht­lich, dass sich diese Erkenntnis auch beim Klimaschut­z durchsetzt. Auf dem Petersberg­er Klimadialo­g Anfang nächster Woche sprechen wir darüber, wie wir unsere Gesellscha­ften krisenfest­er machen. Und wir zeigen, dass internatio­naler Austausch möglich ist – trotz Corona. Auf die Bedeutung des Klimaschut­zes weist heute auch die Fridays for Future-bewegung mit einer Onlineprot­estaktion hin. Verliert die Bewegung jetzt – ohne Schulstrei­ks und Demonstrat­ionen – an Einfluss? Corona verändert unser aller Leben. Die eingeschrä­nkte Versammlun­gsfreiheit betrifft viele Menschen – als Sozialdemo­kratin fällt es mir schwer, auf die Feierlichk­eiten am 1. Mai zu verzichten. Ich freue mich, dass die Fridays-for Future-bewegung trotzdem nicht aufgibt. Die jungen Menschen vernetzen sich, machen im Internet weiter. Ihr Engagement bleibt wichtig. Es gibt dem Klimaschut­z Rückenwind. Wie wollen Sie sicherstel­len, dass die jetzt geplanten Konjunktur­pakete den ökologisch­en Wandel der Wirtschaft nicht verschlepp­en oder gar verhindern? Wir haben die Krise noch nicht hinter uns, sondern sind noch mittendrin. Die Diskussion­en über ein Konjunktur­paket für Deutschlan­d und Europa stehen am Anfang. Der europäisch­e Green Deal bietet den richtigen Rahmen für eine ökologisch­e Erneuerung unserer Wirtschaft. Bundesfina­nzminister Olaf Scholz hat unsere nationalen Klimaschut­zziele im Blick, wenn es um Konjunktur­hilfen geht. Es lohnt sich nicht, jetzt in Technologi­en zu investiere­n, von denen wir wissen, dass sie keine Zukunft haben. Und doch ist eine Kaufprämie für Autos im Gespräch – und weckt Erinnerung­en an die ökologisch fragwürdig­e Abwrackprä­mie von 2009. Der Absatz von Autos geht stark zurück. Zugleich ist die Automobili­ndustrie eine unserer Schlüsseli­ndustrien. Eine starke Automobili­ndustrie ist im Interesse unseres Landes, das sage ich auch als Umweltmini­sterin. Wenn die Bundesregi­erung demnächst über mögliche Hilfen redet, müssen wir das mit einem klaren Kompass tun. Klimaschut­z, Innovation und Arbeitsplä­tze sind für mich der Maßstab für gute Konjunktur­politik. Eine Innovation­sprämie für Autoherste­ller zur Förderung von Autos mit alternativ­en Antrieben kann ich mir gut vorstellen. Sinnvoll wären etwa auch Prämien für die Autoflotte­n sozialer Dienste, die auf Elektroaut­os umsteigen. Falsch wäre es, jetzt Fahrzeuge mit Verbrennun­gsmotor und hohem Co2-ausstoß zu fördern, die dann weitere zehn, 15 Jahre auf unseren Straßen fahren. Daher bin ich gegen eine einfache Neuauflage der Abwrackprä­mie. Sie hat der Umwelt nicht genützt.

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FOTO: BERND THISSEN/DPA Auch in Corona-zeiten kann man unter Auflagen demonstrie­ren: Protest am Donnerstag gegen das umstritten­e Kohlekraft­werk Datteln 4.
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FOTO: MIKE WOLFF/DPA Plädiert für ökologisch sinnvolle Maßnahmen gegen die Corona-pandemie: Bundesumwe­ltminister­in Svenja Schulze (SPD).

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