Leipziger Volkszeitung

Wurzen: Tod eines 17-Jährigen wirft Fragen auf

Junger Boxer wurde in der Nacht zum Freitag erstochen / 21-jähriger Tatverdäch­tiger in Haft

- Von Haig Latchinian

Bei einer blutigen Auseinande­rsetzung am frühen Freitagmor­gen war ein 17-Jähriger so schwer verletzt worden, dass er im Wurzener Krankenhau­s starb. Dieser tragische Fall hat in Wurzen viele Fragen aufgeworfe­n. Jetzt gibt es erste Hintergrün­de zur Tat, ein 21-jähriger Verdächtig­er sitzt in Untersuchu­ngshaft.

Wurzen. Horst Kästner, Box-legende aus Wurzen, kann den Tod des 17-jährigen C. aus seiner Stadt noch immer nicht fassen. „Er war bis zuletzt Mitglied in unserem Verein“, sagt der 82-Jährige. Ein Trainerkol­lege habe ihn angerufen und die schlimme Nachricht überbracht. „Ich will mich einfach nicht damit abfinden, dass ein so junger Mensch, eigentlich ja noch ein Kind, in unserer Stadt ums Leben kommt“, sagt Kästner.

In der Nacht nach Himmelfahr­t waren in Wurzen mehrere Personen, allesamt Deutsche, in heftigen Streit geraten. Dabei erlitt C. so schwere Stichverle­tzungen, dass für ihn auch im Wurzener Krankenhau­s jede Hilfe schon zu spät kam. Zwei junge Männer wurden noch am Freitag festgenomm­en – ein ebenfalls 17-Jähriger und ein 21Jähriger.

Ein Verdächtig­er wieder frei

Einer der beiden jungen Männer ist inzwischen wieder auf freiem Fuß. „Gegen den 17-Jährigen liegt kein Haftgrund vor“, teilte die Staatsanwa­ltschaft mit. Er soll aber an dem nächtliche­n Gewaltexze­ss in Wurzen beteiligt gewesen sein. „Die Ermittlung­en gegen ihn wegen gefährlich­er Körperverl­etzung werden fortgesetz­t“, sagt Polizeispr­echerin Sandra Freitag. Der 21-jährige zweite Festgenomm­ene sei dagegen bereits hinter Gittern. Er muss sich nun wegen des Vorwurfs Totschlag verantwort­en, so Andreas Ricken, Sprecher der Staatsanwa­ltschaft Leipzig.

Unterdesse­n haben Freunde von C. am Tatort Blumen und Kerzen aufgestell­t. Zu den Vorgängen wollten sie sich nicht äußern. Im Netz werden Spenden gesammelt, um die Beerdigung zu finanziere­n.

Was genau in der Nacht passiert sein könnte, dazu hüllt sich Oberstaats­anwalt Ricardo Schulz noch in Schweigen: „Wir müssen erst Licht ins Dunkel bringen.“Nach Lvz-recherchen gab es eine Feier im Vorgarten des Hauses Dresdener-/ Ecke Rosa-luxemburgS­traße. Gegen 1.45 Uhr kam es zu einer gewaltsame­n Auseinande­rsetzung mit einer hinzu gestoßenen Gruppe, zu der auch das Opfer sowie jener 17

Jährige gehört haben, gegen den wegen gefährlich­er Körperverl­etzung ermittelt werde.

C. sei noch auf der Festverans­taltung „60 Jahre Boxen in Wurzen“dabei gewesen, erinnert sich Box-senior Kästner. „Alles lief gut, wir freuten uns über etliche neue junge Mitglieder. Bis Corona kam und damit die Zwangspaus­e.“Der Trainingsb­etrieb ruhe nach wie vor. Fairness sei oberstes Gebot der

Boxer. Tätlichkei­ten außerhalb des Ringes seien tabu. Das mache er seinen Sportlern immer wieder klar, so Kästner weiter.

„Ich war am Vormittag bei meiner Frau auf dem Friedhof und kam zufällig in der Gegend vorbei“, sagt Kästner. „Da hatte ich die vielen Polizisten mit ihren Hunden gesehen und dachte, hier wird doch wohl nichts Schlimmes passiert sein.“Als sein Trainerkol­lege angerufen hatte, zählte er eins und eins zusammen: „Es ist das erste Mal, dass in Wurzen ein Boxer auf so eine Art und Weise zu Tode kommt.“

Der 82-Jährige ist eine Institutio­n in der Stadt: Kästner wurde Vize-juniorenme­ister der DDR, Dritter mit der Mannschaft und schließlic­h Armee-champion. Bei Länderkämp­fen gegen die Tschechosl­owakei und Dänemark holte er Gold und Silber. 1960 bereitete er sich an der Seite von Wolfgang Behrendt und Werner Kirsch auf die Olympische­n Spiele in Rom vor. Noch immer trainiert Kästner dienstags und donnerstag­s den Wurzener Boxernachw­uchs.

Mutter trainierte mit

„C. trat schon als Kind in unseren Verein ein“, sagt Kästner. „Regelmäßig erschien er zu den Übungsstun­den. Sein Elternhaus stand voll hinter ihm. Die Mutter trainierte in der allgemeine­n Sportgrupp­e sogar selber mit.“Überhaupt habe die Familie den Boxsport in Wurzen stets unterstütz­t: „In Vorbereitu­ng auf unsere großen Boxnächte half sie oft beim Ringaufbau.“auch früher seien die jungen Leute mitunter aneinander geraten, erinnert sich Kästner. Aber an eine Eskalation­en wie jetzt sei nicht zu denken gewesen. Er wisse nicht, was in jener Nacht passiert sei. Es sei allerdings durch nichts zu rechtferti­gen.

Olaf Nicolaus ist Mieter in einem Haus in Tatortnähe. In jener Nacht sei er aus dem Schlaf geweckt worden. „Wir bekamen drei Kleinkinde­r rein gereicht, die bei der Feier anwesend waren und zunächst bei uns Unterschlu­pf fanden.“Nicolaus macht sich nun große Sorgen: „Wir haben Angst“, sagt er. Im Haus wohnt auch die Mutter des 21-jährigen Verdächtig­en, der C. erstochen haben soll.

Kästners Boxclub, der PSV Wurzen, will sich an den Kosten der Trauerfeie­r beteiligen. Ans Aufhören denkt der Oldie nicht. Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlich­en sei – wie die aktuellen Vorkommnis­se zeigten – dringliche­r denn je.

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Fotos (2): haig Latchinian Am Tatort haben Freunde und Angehörige Blumen und Kerzen abgestellt.
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Die Wurzener Boxlegende Horst Kästner (82)

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