„Viel­leicht ge­lingt ei­ne neue Nä­he“

Bünd­nis­se in der Kri­se: Bun­des­prä­si­dent St­ein­mei­er be­sucht in Ber­lin Nach­bar­schafts­in­itia­ti­ven, die den Schwächs­ten Rück­halt ge­ben

Leipziger Volkszeitung - - BLICKPUNKT - Von Jan Stern­berg

Ber­lin. In Zei­ten der Not brau­chen Men­schen Ver­bün­de­te und fin­den sie oft ganz in der Nä­he. Nach­bar­schafts­in­itia­ti­ven hat Bun­des­prä­si­dent Frank-wal­ter St­ein­mei­er an­läss­lich des „Tags der Nach­barn“ges­tern ge­wür­digt: „Wir ha­ben in den letz­ten Jah­ren und Jahr­zehn­ten nie so in­ten­siv wie jetzt er­lebt, was es be­deu­tet, sich auf­ein­an­der ver­las­sen zu kön­nen und für­ein­an­der da zu sein“, sag­te St­ein­mei­er beim Be­such von Ber­li­ner Initia­ti­ven. „Ab­stand hal­ten heißt nicht Nä­he zu ver­lie­ren. Viel­leicht ge­lingt es, ei­ne neue Nä­he auf­zu­bau­en, die es vor der Co­ro­na-zeit gar nicht gab.“

St­ein­mei­er und sei­ne Ehe­frau El­ke Bü­den­be­n­der be­such­ten un­ter an­de­rem die Stif­tung Jo­na in Ber­lin-staa­ken, die sich um so­zi­al be­nach­tei­lig­te Kin­der und Ju­gend­li­che küm­mert. Nor­ma­ler­wei­se kom­men täg­lich 100 Ju­gend­li­che in „Jo­na’s Haus“, in der Co­ro­napan­de­mie muss­te es schlie­ßen. In kür­zes­ter Zeit stell­ten die 30 Mit­ar­bei­ter das An­ge­bot auf On­li­ne­kur­se um. Die Le­bens­mit­tel­aus­ga­be für be­dürf­ti­ge Fa­mi­li­en lief wei­ter. „Die Ta­feln schlos­sen, es gab kein Schu­les­sen mehr, kein Ki­taes­sen und auch bei uns kein Mit­tag­es­sen mehr“, sagt Jo­na-grün­de­rin An­ge­li­ka Bier. „Vie­le aus un­se­ren Fa­mi­li­en ha­ben ih­re Jobs ver­lo­ren und hat­ten gro­ße Pro­ble­me.“

Die päd­ago­gi­sche Lei­te­rin Svet­la­na Na­jel­s­ca­ja be­rich­tet von enor­mer Hilfs­be­reit­schaft: „Da kom­men Nach­barn mit dem Au­to vor­ge­fah­ren und he­ben uns Le­bens­mit­tel­tü­ten über den Zaun: Hier, wir wa­ren ge­ra­de ein­kau­fen, das könnt ihr wei­ter­ge­ben.“

Auch die Us-ame­ri­ka­ni­sche Sän­ge­rin Jo­ce­lyn B. Smith gibt Kur­se in „Jo­na’s Haus“– zur­zeit eben­falls on­line. Sie un­ter­rich­tet Eng­lisch und Mu­sik und geht mit den Kin­dern Song­tex­te durch. „Bei den Vor­le­se­stun­den und Work­shops, die ei­gent­lich für die Kin­der ge­dacht sind, ver­sam­melt sich oft die gan­ze Fa­mi­lie vor dem ein­zi­gen Ta­blet“, be­rich­tet Grün­de­rin Bier. Ge­ra­de bei Fa­mi­li­en Ge­flüch­te­ter sei das oft so: „Dar­aus wer­den gan­ze Fa­mi­li­en­aben­de, das nimmt viel­leicht auch Druck aus der Si­tua­ti­on.“

Denn wie vie­le, die in der Ju­gend­ar­beit tä­tig sind, be­fürch­ten auch die Jo­na-mit­ar­bei­ter, dass Streit und Ge­walt in vie­len Fa­mi­li­en wäh­rend der Co­ro­na-ein­schrän­kun­gen es­ka­liert sind. Die psy­chi­schen Fol­gen für die Kin­der sei­en nicht ab­schätz­bar: „Ich fürch­te, dass vie­le Kin­der gar nicht ver­ste­hen, was um sie her­um pas­siert“, sagt Bier. „Sie wer­den rich­tig sau­er. Ich kann das ver­ste­hen: In die­ser Zeit will ich auch nicht groß wer­den.“

Die ers­ten Fa­mi­li­en stel­len sich zur Es­sens­aus­ga­be an. Es gibt nicht nur To­ast, Nu­deln und Au­ber­gi­nen zu ver­tei­len, son­dern auch Zeit zum Zu­hö­ren, so­gar auf Ara­bisch. „Das ist für vie­le ganz wich­tig, dass wir zei­gen: Ich ha­be ein Ohr für dich, ich hör dir zu“, sagt Bier. „Das wä­re viel­leicht vor der Kri­se auch nö­tig ge­we­sen, doch jetzt fällt es uns mehr auf.“

St­ein­mei­er fällt es auch auf. „Was Sie tun, ist so wert­voll und ein gro­ßes Vor­bild für Em­pa­thie und So­li­da­ri­tät“, sagt er. „Wir hof­fen, dass vie­le sich an die­sem Vor­bild ori­en­tie­ren.“

FO­TO: CLE­MENS BILAN/GET­TY

„Was Sie tun, ist so wert­voll“: Frank-wal­ter St­ein­mei­er und El­ke Bü­den­be­n­der mit Eh­ren­amt­le­rin Jo­ce­lyn Smith.

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