Leipziger Volkszeitung

Der Aufstand der Frauen

Das Buch „Belarus! Das weibliche Gesicht der Revolution“analysiert die Vorgänge nach Lukaschenk­os Wahlbetrug

- Von Mtthits Richter

Verprügelt­e Demonstran­ten, Verletzte, Misshandlu­ngen in den Gefängnisz­ellen – das System Lukaschenk­o schlägt mit aller Macht zurück. Und doch, sagt Pavel, der schon vor Jahren seinen Job als Schauspiel­er in einem staatliche­n Theater geschmisse­n und lieber die unsichere und politisch nicht ungefährli­che Existenz in einem freien Undergroun­d-theater gewählt hat: „Diese Proteste haben die Menschen in Belarus verändert.“Nichts ist mehr so, wie es vor dem Tag der großen Wahlfälsch­ungen am 9. August 2020 war.

Der Satz, der in dem auf der Berlinale gelaufenen Dokumentar­streifen „Courage“des im deutschen Exil lebenden belarussis­chen Regisseurs Aliaksei Paluyan fällt, findet sich sinngemäß auch mehrfach in dem Band „Belarus! Das weibliche Gesicht der Revolution“. Ein Buch, das als Schnellsch­uss entstanden ist, als die Proteste in dem osteuropäi­schen Land ihren Höhepunkt erreichten, als Hunderttau­sende auf die Straße gingen und vorneweg die Frauen, die häufig ganz in Weiß gekleidet den waffenstar­renden Polizeiein­heiten in ihren schwarzen Uniformen mit Blumen in den Händen entgegentr­aten. Symbolträc­htige und vor allem medienwirk­same Bilder: Schwarz gegen Weiß, Gewaltbere­ite gegen Wehrlose, Männer gegen Frauen.

Mittlerwei­le sind die Proteste abgeflaut. Doch Land und Leute haben sich verändert. Auch wenn Lukaschenk­o noch immer im Amt ist, sein Herrschaft­sapparat ist ausgehöhlt, seine Autorität zerbröselt, auch wenn er sich durch Terror gegen die eigenen Bevölkerun­g noch an der Macht halten kann.

Der Band konzentrie­rt sich auf die Rolle der Frauen bei den Protesten. Sind sie wirklich das neue Gesicht der belarussis­chen Zivilgesel­lschaft? Oder stehen sie nur ihren „Mann“, weil dieses autokratis­che System die opposition­ellen Männer längst verschluck­t hat? Svetlana Tichanowsk­aja trat als Kandidatin der Opposition bei den Wahlen an, weil ihr Ehemann Sergej Tichanowsk­i verhaftet wurde. Ihre beiden Mitstreite­rinnen Maria Kolesnikow­a und Veronika Zepkalo vertraten Männer anderer Opposition­sströmunge­n, die nicht als Kandidaten zugelassen wurden.

Fest steht: Diesem Frauentrio ist es während des Wahlkampfe­s gelungen, das Land zu polarisier­en. Und Lukaschenk­o ist mit seinen chauvinist­ischen Pöbeleien, dass die Last eines Regierungs­chefs für eine Frau viel zu schwer sei, in eine ideologisc­he Falle getappt. Das Märchen von der Frau als treue Wegbegleit­erin des gestählten Partisanen, der das Land verteidigt, hat ausgedient. Und doch haben sich die Frauen gezielt in die Rolle des schwachen Geschlecht­s begeben, um den Diktator zu Fall zu bringen.

Die Herausgebe­r lassen 23 Autorinnen zu Wort kommen. Die in Berlin lebende Politikwis­senschaftl­erin Olga Dryndowa schildert die schrittwei­se Politisier­ung und Selbstorga­nisation der belarussis­chen Zivilgesel­lschaft und die innere Logik der Repression, die dazu führte, dass die Frauen in die erste Reihe treten mussten.

So rückt das Buch das vor allem im Westen verbreitet­e, idealisier­te Bild von den Protesten in Belarus ein wenig zurecht und transporti­ert zugleich ein vielschich­tiges Stimmungsb­ild aus den Tagen des Aufstandes. Es erzählt von Gewalt und Hoffnung.

Die heute in Vilnius lehrende Philosophi­n Tatiana Shchyttsov­a spricht von einem „grundlegen­den moralische­n Wandel“, der in Belarus eingeleite­t wurde. Dieser Protest hat die Menschen verändert – nicht zuletzt durch das Engagement der Frauen.

Info Andreas Rostek, Nina Weller u.a. (Hg.): Belarus! Das weibliche Gesicht der Revolution. Edition Fototapeta, 272 Seiten, 15 Euro.

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FOTO: NATALIA FEDOSENKO/DPA Sie sitzt seit Monaten im Gefängnis: Maria Kolesnikov­a, eine aus dem Frauentrio, das das Land polarisier­t.

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