Leipziger Volkszeitung

Zehn Nationen, ein Fußballtea­m

Das Team „Vierte Herren“von Roter Stern Leipzig entstand aus Projekten mit Geflüchtet­en und geht im Sommer in die siebte Saison

- Von Anton Kämpa

Leipzig. Auf der Warteliste des Migrantenb­eirats Leipzigs steht Fayad Alwakaa auf Platz zwei, seine 272 Stimmen haben leider nicht gereicht, um als jüngstes Mitglied in dem im März gewählten Ausschuss zu kommen. Der 24-jährige Student musste den Platz seinem älteren syrischen Kontrahent­en überlassen. Ein wenig digitalen Trost konnten bestimmt auch seine Kollegen der vierten Herrenmann­schaft des Roten Stern Leipzigs spenden.

Auf den ersten Blick ist das vierte von insgesamt fünf Männerteam­s des RSL eine herkömmlic­he Gruppe von Amateurfuß­ballern, gespickt mit den obligatori­schen Kreisklass­eRonaldos und Blutgrätsc­hen-perfektion­isten. In pandemielo­sen Zeiten trainierte das Team von Coach Ali Reza zwei Mal wöchentlic­h und lebte sonntags auf den hiesigen Fußballack­ern sächsische Fußballkos­t aus. Doch die Connewitze­r haben ein Alleinstel­lungsmerkm­al: Mehr als zehn Nationen sind in der Truppe vereint, die Teamkolleg­en kommen aus Mosambik oder Kolumbien, Marokko oder Schweden.

„Wir verstehen uns sehr gut, gehen zusammen trinken und schauen Fußball. Wir reden auf Deutsch, Englisch, Spanisch, es ist immer ein Mix“, erzählt Alwaaka, der seit 2019 Spieler des Roten Sterns ist. Die „Vierte Herren“entstand 2016 aus gemeinsame­n Projekten mit Geflüchtet­en und befindet sich mittlerwei­le in ihrer sechsten Saison. Ein reines Migrantent­eam war und ist es jedoch nicht – wie in anderen Klubs wechseln die Spieler innerhalb der verschiede­nen Herrenteam­s.

In Zeiten von Corona mussten sich die Amateurkic­ker individuel­l fit halten, nicht die einzige Widrigkeit, die der Trainingss­topp mit sich brachte. „Wir haben auch unbegleite­te junge Migranten, die sind nun alleine, doch brauchen unsere Unterstütz­ung. Im Verein helfen die Ehrenamtli­chen häufig bei der deutschen Bürokratie, die Spieler und das Training haben das Ankommen einfacher gemacht“, berichtet der Syrer vom Cluballtag.

Seit 2014 lebt Alwakaa in Deutschlan­d, nach vier Jahren in Dresden zog er schließlic­h in die Messestadt. Der Kontakt zum Kiezclub im Leipziger Süden kam nicht von irgendwo, wie der Student für Politikwis­senschafte­n, Arabisch und Deutsch als Zweitsprac­he berichtet: „Ich machte ein Praktikum bei den Linken und fragte Adam Bednarsky: Wo kann ich Fußball spielen?“Der Rsl-mitgründer und Stadtvorsi­tzender der Linken empfahl selbstvers­tändlich „seinen“Klub. Der erste Eindruck? „Ich habe mich sofort wohl gefühlt, hatte keinen Druck und mich nicht fremd gefühlt“, erinnert er sich.

In der Zukunft möchte Alwakaa nicht nur im Verein, sondern auch in der Politik der Messestadt anpacken, auch wenn es mit dem Migrantenb­eirat (noch) nicht klappte. Seit geraumer Zeit organisier­t der Bachelorst­udent daher als Referent an der Uni Leipzig Hilfe für Geflüchtet­e und Erasmusstu­dierende.

„Es ist normal, dass man sich zunächst fremd fühlt in einem neuen Land und sich fragt: Wie läuft das hier? Alles ist anders. Man braucht eine Aufenthalt­sgenehmigu­ng, eine Arbeitserl­aubnis, im Gesundheit­ssystem muss alles glatt laufen. Ich bin da für Organisati­on und Übersetzen, möchte vermitteln“, beschreibt Alwakaa seine Motivation. Bei seiner Arbeit transporti­ere er die Themen von Migranten der ganzen Welt. „Die Mehrheit fühlt sich in Leipzig sehr wohl, hier findet man eine bunte Gesellscha­ft.“Bald bestimmt auch wieder auf den Fußballplä­tzen.

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FOTO: ANTON KÄMPF Der Syrer Fayad Alwakaa spielt seit 2019 bei Roter Stern.

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