An­woh­ner müs­sen nicht mehr zah­len

Druck der Frei­en Wäh­ler trägt Früch­te – Stich­tags­re­gel dürf­te neu­en Är­ger brin­gen

Lindauer Zeitung - - ERSTE SEITE - Von Ralf Mül­ler

MÜN­CHEN (lby) - Baye­ri­sche Kom­mu­nen dür­fen Haus- und Woh­nungs­be­sit­zer in Bay­ern nicht mehr für die Sa­nie­rung von Ge­mein­de­stra­ßen zur Kas­se bit­ten. Vier Mo­na­te vor der Land­tags­wahl schaff­te die CSU-Mehr­heit im Par­la­ment am Don­ners­tag die um­strit­te­nen Stra­ßen­aus­bau­bei­trä­ge rück­wir­kend zum 1. Ja­nu­ar ab. Die Kom­mu­nen sol­len als Er­satz 100 Mil­lio­nen Eu­ro be­kom­men. Die Frei­en Wäh­ler hat­ten ein Volks­be­geh­ren zu die­ser Fra­ge auf den Weg ge­bracht – das hat sich nun er­üb­rigt.

MÜN­CHEN - Die Stra­ßen­aus­bau­bei­trä­ge, die seit Jahr­zehn­ten für Streit und Un­frie­den in den baye­ri­schen Ge­mein­den sor­gen, ge­hö­ren der Ver­gan­gen­heit an. Mit den Stim­men der CSU, der SPD und der Frei­en Wäh­ler ver­ab­schie­de­te der Land­tag in Mün­chen am Don­ners­tag ei­ne Ge­set­zes­än­de­rung, wo­nach die Kom­mu­nen Haus- und Grund­be­sit­zer nicht mehr für die Sa­nie­rung von Ge­mein­de­stra­ßen zur Kas­se bit­ten dür­fen. Nur die Grü­nen und der Forch­hei­mer CSULand­tags­ab­ge­ord­ne­te Micha­el Hof­mann ent­hiel­ten sich bei der Ab­stim­mung.

Der Vor­sit­zen­de der Frei­en Wäh­ler (FW), Hu­bert Ai­wan­ger, fei­er­te die Ab­schaf­fung als „größ­ten Be­frei­ungs­schlag für die Bür­ger in die­ser Le­gis­la­tur­pe­ri­ode“. Ob­wohl letzt­lich ein CSU-Ge­setz­ent­wurf an­ge­nom­men und Än­de­rungs­an­trä­ge der FW ab­ge­lehnt wur­den, ver­buch­te Ai­wan­ger die Ab­schaf­fung als Er­folg sei­ner Par­tei. Dass in nur sie­ben Wo­chen 350 000 Un­ter­schrif­ten für ein von den FW in­iti­ier­tes Volks­be­geh­ren zu­sam­men­ge­kom­men sei­en, zei­ge, wie un­ge­recht und un­so­zi­al die „Strabs“ge­nann­ten Stra­ßen­aus­bau­bei­trä­ge emp­fun­den wur­den, sag­te Ai­wan­ger.

We­nig Be­geis­te­rung bei der CSU

Im Re­de­bei­trag des CSU-Kom­mu­nal­ex­per­ten Man­fred Länd­ner schwang hin­ge­gen kei­ne Be­geis­te­rung über die „klei­ne his­to­ri­sche St­un­de“mit. Ja, die Ge­rich­te hät­ten sich jahr­zehn­te­lang mit den Stra­ßen­aus­bau­bei­trä­gen be­schäf­ti­gen müs­sen, aber das The­ma wer­de den Land­tag auch in Zu­kunft be­glei­ten, mein­te Länd­ner.

Der CSU-Po­li­ti­ker sprach da­mit die fort­be­ste­hen­den Dif­fe­ren­zen über den Stich­tag an. Nach dem Mot­to „Be­scheid ist Be­scheid“und „be­zahlt ist be­zahlt“sol­len Be­schei­de, die vor dem 1. Ja­nu­ar die­ses Jah­res zu­ge­stellt wur­den, ih­re Gül­tig­keit be­hal­ten. Entrich­te­te Be­trä­ge vor die­sem Stich­tag wer­den nicht zu­rück­er­stat­tet. Dem CSU-Par­la­men­ta­ri­er Länd­ner schwant wei­te­rer Är­ger – „viel­leicht mehr als wir oh­ne Ab­schaf­fung ge­habt hät­ten“. Här­ten hät­ten sich nicht nur durch die Zah­lungs­be­schei­de der Ge­mein­den er­ge­ben, son­dern auch jetzt, da die Bei­trä­ge ab­ge­schafft sei­en.

Der Frei­staat will nun die Kos­ten für die Sa­nie­rung der Ge­mein­de­stra­ßen über­neh­men. Bis­lang ent­rich­te­ten die be­trof­fe­nen Haus- und Grund­be­sit­zer über den Bei­trag et­wa 60 bis 65 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr. Die Staats­re­gie­rung rech­net in Zu­kunft mit ei­nem deut­lich hö­he­ren Auf­wand, weil die Be­gehr­lich­kei­ten zu­neh­men wür­den, wenn man für die Aus­bes­se­run­gen nicht mehr selbst auf­kom­men muss. Jähr­lich 100 Mil­lio­nen Eu­ro sind für die­sen Zweck zu­nächst im Staats­haus­halt ein­ge­plant.

Jetzt zahlt die All­ge­mein­heit

Nicht nur der CSU, auch der SPD war es bei der Ab­schaf­fung der Bei­trä­ge nicht ganz wohl. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten hat­ten sich in den bis­he­ri­gen par­la­men­ta­ri­schen Be­ra­tun­gen zur Ab­schaf­fung der Bei­trä­ge ent­hal­ten. Jetzt stim­me man schwe­ren Her­zens zu, da­mit das The­ma „end­lich vom Tisch ist“, sag­te der SPD-Par­la­men­ta­ri­er Klaus Adelt. Die SPD wer­de dar­auf ach­ten, dass die Kom­mu­nen im Zu­ge der Um­stel­lung nicht auf Kos­ten sit­zen blie­ben. Die Auf­wen­dun­gen ver­schwän­den nicht ein­fach, be­ton­te der Grü­nen-Ab­ge­ord­ne­te Jür­gen Mis­tol. Die Kos­ten wür­den nur auf die All­ge­mein­heit ab­ge­wälzt.

Trei­ben­de Kraft bei der Ab­schaf­fung der Bei­trä­ge wa­ren die Frei­en Wäh­ler. Sie grif­fen den ver­brei­te­ten Un­mut auf, der ent­stand, wenn den Bür­gern bei der Sa­nie­rung von Ge­mein­de­stra­ßen bis zu fünf­stel­li­ge Rech­nun­gen ih­rer Ge­mein­de­ver­wal­tun­gen ins Haus flat­ter­ten. Vie­le konn­ten die­se nur mit Mü­he be­glei­chen.

Au­ßer­dem wa­ren die Ein­woh­ner wohl­ha­ben­der Kom­mu­nen pri­vi­le­giert: Wäh­rend in Mün­chen Stra­ßen­aus­bau­bei­trä­ge bis heu­te un­be­kannt sind, muss­ten be­son­ders ar­me Ge­mein­den ih­re Bür­ger zur Kas­se bit­ten. Un­ter dem Druck des von den FW in Gang ge­setz­ten Volks­be­geh­rens rang sich die CSU-Frak­ti­on im ver­gan­ge­nen Ja­nu­ar zu ei­nem Kurs­wech­sel durch.

Das Volks­be­geh­ren ha­be sich er­le­digt, sag­te FW-Chef Ai­wan­ger nach der Land­tags­sit­zung. Die Frei­en Wäh­ler hät­ten al­ler­dings auch je­ne Bür­ger im Blick ge­habt, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren noch mit Zah­lungs­be­schei­den er­wischt wor­den sei­en. Des­halb, so Ai­wan­ger, soll­ten die Bei­trä­ge bis 1. Ja­nu­ar 2014 zu­rück­er­stat­tet wer­den. Laut Ai­wan­ger geht es da­bei lan­des­weit um rund 200 Mil­lio­nen Eu­ro. Man wol­le sich dar­um nach der Land­tags­wahl wie­der küm­mern.

Ein Ab­weich­ler in der CSU

Der Forch­hei­mer CSU-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Micha­el Hof­mann hat­te zu viel Bauch­weh, um dem Ge­set­zes­ent­wurf sei­ner Frak­ti­on zu­zu­stim­men. In ei­ner per­sön­li­chen Er­klä­rung ver­wies er auf die Vor­gän­ge in sei­ner Hei­mat­ge­mein­de Eber­mann­stadt, wo man auf staat­li­chen Zwang hin 2015 die Aus­bau­bei­trä­ge ein­ge­führt ha­be, um sie jetzt wie­der ab­zu­schaf­fen. Das Ver­trau­en der Be­völ­ke­rung sei „er­schüt­tert, ei­gent­lich zer­stört“, mein­te Hof­mann mit Blick auf die­je­ni­gen, die bis zum 31. De­zem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res zur Kas­se ge­be­ten wur­den.

FO­TO: DPA

Die Kom­mu­nen dür­fen Haus- und Woh­nungs­be­sit­zer in Bay­ern nicht mehr für die Sa­nie­rung von Ge­mein­de­stra­ßen zur Kas­se bit­ten.

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