Lindauer Zeitung

Als die Pfinngstfl­ut nicht nur die Insel üüberschwe­mmte

Vor genau 20 Jahren, an Pfingsten 1999, hie elt das Jahrhunder­t-Hochwasser die Lindauer in Atem

- Von Dirk Augustin

LINDAU - Innerhalb einer Nacht ist der Wasserstan­d des Bodensees um fast 80 Zentimeter gestiegen. Da sowieso schon viel Wasser im See war, ging das über die Ufer. Damit begannen an Pfingsten 1999 vier Wochen Ausnahmezu­stand.

Bis auf 5,68 Meter ist der Wasserstan­d im Bodensee vor 20 Jahren in der Nacht zum Pfingstson­ntag angestiege­n. 300 Retter von Feuerwehr und THW waren über Tage im Dauereinsa­tz. Später kamen Helfer der Bundeswehr dazu. Weil unklar war, ob es weiter regnet, gab es Pläne für eine weitgehend­e Evakuierun­g der Insel. Doch zum Glück hörte der Regen rechtzeiti­g wieder auf.

1999 litten die Lindauer unter einem extrem nassen Frühjahr. Schon im Februar gab es ein erstes Hochwasser. Zum Regen kam noch die Schmelze der Schneemass­e in den Bergen. Darauf stieg der Wasserstan­d im Bodensee stark. Eine Woche vor Pfingsten baute das THW deshalb vorsichtsh­alber den Badesteg des Römerbads ab, außerdem mussten die Helfer entlang der Ach Bäume fällen, die unterspült worden waren und umzustürze­n drohten.

Am 19. Mai sprachen Wetterfach­leute davon, es sei kein Regen zu erwarten, die Lage am Bodensee werde sich entschärfe­n. Probleme werde es geben, weil der Pegel im See nur langsam sinkt, aus den Bergen im Juni aber noch viel Schmelzwas­ser zu erwarten sei. Doch dann ging alles viel schneller, denn am 20. Mai begann es wie aus Eimern zu schütten. In der Nacht danach lief die Baustelle für die Seebrücke voll. Hochwasser­einsätze der Feuerwehr gab es an diesem Tag aber vor allem im Westallgäu und in Wangen.

Am nächsten Morgen riefen seine Kameraden Lindaus Feuerwehrk­ommandant Robert Kainz, weil das Wasser im Kleinen See so hoch stand, dass es bis an die Mauern des MariaMarth­a-Stifts heranreich­te. Die Feuerwehr errichtete einen Sandsackwa­ll. Schnell stellte sich heraus, dass solche Einsätze an vielen Stellen auf der Insel und auf dem Festland nötig waren. Feuerwehr, THW und Bauhof setzten alle verfügbare­n Kräfte in Bewegung.

Der Krisenstab stand kurz davor, Teile der Insel zu evakuieren

Weil die Kanäle überliefen, standen schnell auch Alter Schulplatz, Paradiespl­atz und andere tief liegende Bereiche der Insel unter Wasser. Dazu kamen viele Hilferufe wegen vollgelauf­ener Keller und Tiefgarage­n. Als sich der Pegel der Fünf-Meter-Marke näherte, tagte in Lindau der Krisenstab. Helfer füllten Sandsäcke. Bewohner der hochwasser­gefährdete­n Bereiche sollten ihre Keller aufräumen und Öltanks sichern.

Doch dass es so schlimm kommen würde, damit hatte wirklich niemand gerechnet: Am Pfingstson­ntag steigt der Pegel plötzlich bis auf über 5,60

Meter – uund es regnete immer weiter. Die 33Helfer füllen weiter Sandsäerri­chten cke und damit Dämme und dichten Gebäude ab. Sie pumpen Straßenzzü­ge frei, sperren gefährlich­e Bereiche und bauen Holzstege über überschwem­mte Plätze und Wege. Zeitweis se sperrt die Polizei die Insel für Autos, denn wegen des Brückenbt baus gibes nur einen aufgeschüt­temm, ten Damder unterspült wurde.

Auch auf dem Festland kämpfen Helfer a an vielen Orten gegen das Hochwasser: Im Eichwald sind Häuüber ser nur Stege erreichbar. Ach und Rickenbach gehen über die Ufer, die Wackerstra­ße muss gesperrt weril den, weis dort statt der Fahrbahn einen See gibt.

Kainz berichtet heute, dass der Krisenstab einen Plan hatte, denn wenn der See noch um zehn Zentimeieg­en ter gestie wäre, hätte das den Kahenalarm tastroph bedeutet. Die Retter waren vorbereite­t, beide Altenheime sowie alle Hotels auf der Insel zu eva. kuieren. Auch Bewohner vieler Häuen ser hätte ihre vier Wände verlassen müssen. Denn die Stadtwerke hätten den Strom für die ganze Insel abstelsen. len müss Krankenwag­en und Busanz se aus gaSüddeuts­chland standen in Bereit tschaft, um bei der Räumung der Inseel zu helfen. Polizisten waren in Linda au, um denkbare Plünderund­ann gen derleerste­henden Häuser zu verhi indern. Doch dann hörte der Regen in n der Nacht zum Pfingstmon­Glück tag zumauf

Die DDramatik war weg, die Retter

konnten kurz verschnauf­en. Doch sie hatten über Wochen allerhand zu tun. Vor allem mussten sie unermüdlic­h pumpen. Dann waren Spundwände oder andere Vorrichtun­gen gegen das Hochwasser aufzubauen und zu unterhalte­n. Überall am bayerische­n Seeufer lagen kilometerl­ange Schwemmhol­zfelder, mehrere hundert Meter breit, die abzuräumen waren. Erschwert wurden diese Arbeiten durch Massen an Katastroph­enTouriste­n, die aus nächster Nähe sehen wollten, was sie in Zeitungen gelesen oder im Fernsehen gesehen hatten. Teilweise musste die Polizei die Menschenma­ssen zurückweis­en.

Ein Sturm richtet am 2. Juni verheerend­e Schäden an

Und dann kam am 2. Juni die echte Katastroph­e: Ein Sturm fegte mit Windstärke 11 über Lindau und warf mit bis zu vier Meter hohen Wellen Baumstämme gegen das Ufer. Auf dem Bahndamm lagen Unmengen von Baumstämme­n auf den Schienen, in die ein voll besetzter Zug hineinfuhr. Die Feuerwehr musste die Fahrgäste, die teilweise in Panik waren, aus dem Zug retten und in Sicherheit bringen, erinnert sich Kainz.

Der Orkan hatte nicht nur zu Folge, dass erstmals in der Geschichte der deutschen Zugfahrt eine Bahnstreck­e wegen Treibholz nicht befahrbar war. Denn er zerstörte auch das Römerbad komplett, beschädigt­e das Aeschacher Bad und das Lotzbeckhä­uschen erheblich, zerfetzte geradezu den Schiffslan­desteg in Bad Schachen. Hinzu kamen auf der Hinteren Insel schwere Schäden an weiten Teilen der Ufermauer.

Die Schadenshö­he ließ sich nie errechnen. Allein die Stadt Lindau musste mehr als eine Million Euro aufbringen, um die Schäden an ihren Gebäuden und Anlagen zu reparieren. Mithilfe von Spenden setzten Römerbadve­rein und Bund Naturschut­z ihre Anlagen wieder instand. Wie hoch die Schäden von Privaten und Unternehme­n waren, hat nie jemand ausgerechn­et. Hinzu kamen erhebliche Umsatzeinb­ußen der Hotels und Einzelhänd­ler. Aber wie durch ein Wunder wurde in Lindau niemand verletzt.

Am 18. Juni, also nach vier Wochen voller Arbeit der Retter, zog die Bundeswehr wieder ab. Das gilt als offizielle­s Ende des Pfingsthoc­hwassers. In der Zeit wurden allein in Lindau über 100 000 Sandsäcke verbaut, über hundert Tonnen Sand und Gestein für den Dammbau verwendet. Im Einsatz waren weit mehr als hundert Pumpen. Die Retter waren zig Tausende Stunden im ehrenamtli­chen Einsatz.

Die Stadt dankte den Helfern später mit einem Festakt, bei dem jeder eine Erinnerung­smedaille erhielt. Doch ausruhen konnten sie sich nur kurz: Denn am zweiten Weihnachts­tag des gleichen Jahres fegte Orkan Lothar auch über Lindau hinweg und richtete nochmal große Schäden an. Aber das ist eine andere Geschichte.

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FOTO: BEATE NÖSER Wo auf der Promenade am Seehafen normalerwe­ise Menschen spazieren oder in einem der Cafés sitzen, stand vor 20 Jahren das Wasser des Bodensees.
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FOTO: THW-ARCHIV Zuerst im strömenden Regen, später bei schwülwarm­er Hitze sind die Retter von THW und Feuerwehr im Dauereinsa­tz.
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FOTO: DAHLHAUS Als das Wasser im Bodensee nach Pfingsten 1999 immer höher stieg, errichtete die Stadt am Hafen eine Schutzmaue­r.
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FOTO: MARIA ZWETTI Der Paradiespl­atz mitten in Lindau wurde vor 20 Jahren zu einem kleinen See.
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FOTO: THW-ARCHIV Es kostet THW und Feuerwehr erhebliche­n Aufwand, um Teile der Altstadt zugänglich zu halten.
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FOTO: PETER BESSERER Feuerwehr und THW haben mit vereinten Kräften die Plätze auf der Insel zugänglich gemacht.
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FOTO: MARINA FÖHR Auch die Spundwände um die Baustelle für die Seebrücke haben vor 20 Jahren den Wassermass­en nicht standgehal­ten, sodass die Maschinen und Geräte plötzlich im See standen.
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Wegen des hoh der Insel Wasse
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Am 2. J Schäde
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FOTO: WALTRAUD HÖRMAN Juni tobt ein gewaltiger Sturm – die hohen Wassermass­en und das darauf schwimmend­e Treibholz richten vor allem, aber nicht nur beim Bahndamm riesige en an.
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FOTO: RENATE LINDNER Auch an der Kalkhütte stand Wasser da, wo normalerwe­ise Menschen laufen oder Autos fahren.
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FOTO: RUDI TRIFLINGER Damit Fußgänger und Radfahrer vom Bahndamm auf die Insel kamen, hat das THW Stege gebaut.
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FOTO: SILVIA UND ROBERT KÖHLER Wer sein Auto im Mai und Juni 1999 trocken parken wollte, musste Stelle finden, die ein wenig höher liegen.
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FOTO: HERMANN EGGEL Auch der tiefer liegende Paradiespl­atz stand vor 20 Jahren unter Wasser. Das THW errichtete Stege, damit Anwohner ihre Häuser betreten konnten.
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FOTO: EILIANE ROST Der Bahnverkeh­r von und nach Lindau war unterbroch­en, bis Arbeiter das Treibholz von den Schienen geräumt hatten. Zum ersten Mal überhaupt in Deutschlan­d war Treibholz die Ursache dafür.
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FOTO: FUNDEL Von einer Hafenkante ist nichts mehr zu sehen. Die Messlatte für den Seepegel reicht kaum aus, das Wasser steigt auf 5,68 Meter.
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FOTO: HANS SCHUPP hen Wasserstan­ds im Bodensee drückte es auf er aus den Kanälen.
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FOTO: SAMMLUNG DAHLHAUS Nach dem Sturm am 2. Juni 1999 liegen mehrere Tonnen Schwemmhol­z auf dem Bahndamm und blockieren die Gleise.

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