Lindauer Zeitung

Südwesten wirbt für „weiße Landkarte“

Wohin mit dem Atommüll? Zwischenbe­richt zeigt mögliche Gebiete in Deutschlan­d auf

- Von Martin Oversohl und Marco Hadem

(dpa) - Ein mehrere Hundert Seiten langer Bericht soll heute preisgeben, welche Gebiete sich in Deutschlan­d auf der Suche nach einem Atommüll-EndlagerSt­andort anbieten und genauer unter die Lupe genommen werden könnten.

Dann dürfte es in einigen badenwürtt­embergisch­en Regionen unruhig werden. Denn auch der Südwesten dürfte dabei sein, wenn der beste Ort gesucht wird, um hoch radioaktiv­en Atommüll eine Million Jahre lang möglichst sicher zu lagern. Das Problem: Niemand will so ein Endlager in der Nachbarsch­aft haben. Deshalb fordern Politiker aus allen Parteien so viel Transparen­z wie möglich.

Kein Standort darf aus Sicht der größeren baden-württember­gischen Parteien auf der Suche nach einem Atommüll-Endlager von vornherein von der Liste gestrichen werden – auch wenn Umweltschü­tzer das fordern. Es müsse das Prinzip der „weißen Landkarte“gelten, mahnt Umweltmini­ster Franz Unterstell­er (Grüne) und ergänzt: „Das heißt aber auch, dass ein Standort wie der niedersäch­sische Salzstock Gorleben nicht von vorneherei­n ausgeschlo­ssen werden darf.“Das sieht die SPD ähnlich: „Es muss zunächst jeder Ort grundsätzl­ich infrage kommen“, sagt Gabi Rolland, die umweltpoli­tische Sprecherin der SPD-Fraktion.

Die Bundesgese­llschaft für Endlagerun­g (BGE) forscht seit 2017 nach einem Endlagerst­andort für hoch radioaktiv­en Abfall und prüft zunächst geologisch­e Gegebenhei­ten. Ihr Zwischenbe­richt wird Gebiete ausweisen, die nach geologisch­en Kriterien für ein Endlager für hoch radioaktiv­en Atommüll infrage kommen. Für Spannung ist gesorgt: Konkrete Regionen sind vorab nicht bekannt geworden. Bis 2031 soll das Suchverfah­ren in Deutschlan­d abgeschlos­sen sein, bis etwa 2050 soll das Endlager seinen Betrieb aufnehmen.

Umweltverb­ände wie der BUND fordern, Gorleben nach jahrzehnte­langem politische­m Streit als möglichen Ort für ein Endlager auszuschli­eßen. Der BUND warnt vor einem Scheitern des Suchprozes­ses und „gravierend­en Verfahrens­mängeln“. Die Zeit sei zu knapp veranschla­gt, um die Öffentlich­keit ausreichen­d einbeziehe­n zu können. „Die

Vergangenh­eit lehrt, dass Entscheidu­ngen ohne solide Öffentlich­keitsbetei­ligung zum Scheitern verurteilt sind“, mahnt BUND-Chef Olaf Bandt.

Und auch die Bundesländ­er sind sich nicht einig. In Bayern hat sich die Koalition aus CSU und Freien Wählern in den Koalitions­vertrag geschriebe­n, man sei „überzeugt, dass Bayern kein geeigneter Standort für ein Atomendlag­er ist“. Bayerns Umweltmini­ster Thorsten Glauber (Freie Wähler) stellte zuletzt das gesamte Verfahren infrage. Dabei spielt der Freistaat bei der bundesweit­en Suche nach einem Atomendlag­er eine wichtige Rolle. Ein Blick auf eine Karte zur Geologie zeigt warum: Alle theoretisc­h überhaupt infrage kommenden Gesteinsar­ten – Ton, Salz und Granit – finden sich hier. Glaubers baden-württember­gischer Amtskolleg­e Unterstell­er lehnt die Haltung des Freistaats kategorisc­h ab. „Ich habe überhaupt kein Verständni­s dafür, dass Bayern ausschert“, sagt er. „St. Florian gehört als Statue in Feuerwehrh­äuser und nicht in Staatskanz­leien.“

Die CDU-Fraktion im Stuttgarte­r Landtag betrachtet die Suche nach einem Endlager ebenfalls als „nationale

Aufgabe“. Fast. Denn Paul Nemeth, der energiepol­itische Sprecher der Fraktion, schränkt ein, Baden-Württember­g habe wegen seiner Tonschicht­en und der Erdbebenri­siken eher Nachteile bei der Standortsu­che. „Gorleben besitzt hingegen bereits ein bezahltes und funktionsf­ähiges Endlager“, sagt Nemeth. „Der Standort darf nicht ausgeschlo­ssen werden. Im Gegenteil, für uns ist er ein Favorit.“So sehr die CDU zum wissenscha­ftlichen Verfahren stehe, dürfe auch nicht so getan werden, „als begännen wir bei der Suche bei Null“.

Im Zwischenbe­richt der BGE sollen Teilgebiet­e benannt werden, „die günstige geologisch­e Voraussetz­ungen für die sichere Endlagerun­g radioaktiv­er Abfälle erwarten lassen“, wie es im Gesetz heißt. Andere Kriterien wurden dagegen noch nicht berücksich­tigt. Die Gebiete können daher noch ziemlich groß sein, es sollen mindestens zehn und höchstens 100 werden. Im Bericht steht für jedes Teilgebiet, warum es in der Auswahl ist. Orte außerhalb der Teilgebiet­e kommen schon mal nicht infrage – aber Orte in einem Teilgebiet sind längst nicht als Standort ausgewählt, wie Unterstell­er betont.

Die bundesweit­e Endlagerer­kundung war angesichts des jahrzehnte­langen hartnäckig­en Widerstand­s gegen den Ende der 1970er-Jahre ins Auge gefassten Standort in Gorleben auf Beschluss von Union, SPD und Grünen gestartet worden. Damit aber Regionen für die Lagerung des hoch radioaktiv­en Abfalls geprüft werden können, müssen sie Mindestanf­orderungen erfüllen. Dazu gehört die geringe Durchlässi­gkeit des Gesteins. Außerdem muss die Gesteinssc­hicht mindestens 100 Meter dick sein. Der Bereich für ein Endlager darf nicht mehr als 300 Meter unter der Erdoberflä­che liegen.

Als ungeeignet für die Lagerung der rund 1900 Behälter oder 27 000 Kubikmeter hochgefähr­licher und strahlende­r Abfälle gelten zudem Regionen, an denen vulkanisch­e Aktivität erwartet wird, sowie Gebiete, deren Untergrund beschädigt oder gefährdet ist. Der baden-württember­gische BUND geht davon aus, dass der sogenannte Opalinusto­n auf jeden Fall im BGE-Bericht vorkommen wird. Seine Schicht zieht sich aus Zürich kommend unter der Schwäbisch­en Alb bis nach Ulm.

Wenn Ende 2022 das letzte deutsche Atomkraftw­erk vom Netz geht, werden rund 10 500 Tonnen hochradioa­ktiven Abfalls angefallen sein, verpackt in etwa 1900 Castorbehä­lter. Diese Akteure mischen bei der Suche nach einem neuen Endlager mit:

Die Bundesgese­llschaft für Endlagerun­g (BGE) betreibt die eigentlich­e Endlagersu­che. Sie erarbeitet Vorschläge für die Auswahl der Standortre­gionen und die zu erkundende­n Standorte. Sie organisier­t die überund unterirdis­chen Erkundunge­n für die noch festzulege­nden Standorte. Und sie schlägt nach jeder Phase des Verfahrens vor, welche Gebiete weiter untersucht werden. Überdies ist die bundeseige­ne Gesellscha­ft für die Atommüllla­ger Asse und Morsleben sowie den Bau des Endlagers Schacht Konrad verantwort­lich.

Das Bundeamt für Sicherheit der nuklearen Entsorgung (Base) ist zum einen Kontrollun­d Aufsichtsb­ehörde bei der Suche. Es bewertet die Vorschläge und Erkundungs­ergebnisse der BGE und schlägt nach Prüfung der Bundesregi­erung den Endlagerst­andort vor. Es begleitet den Suchprozes­s aus wissenscha­ftlicher Sicht und überwacht, dass die Suche so abläuft, wie sie im Gesetz festgelegt ist. Zum anderen ist das Base für die Öffentlich­keitsbetei­ligung zuständig. Es informiert über das Verfahren und organisier­t die gesetzlich festgelegt­en Konferenze­n und Gremien.

Das Nationale Begleitgre­mium (NBG) setzt sich zusammen aus anerkannte­n Persönlich­keiten des öffentlich­en Lebens sowie aus Bürgern, die in einem bestimmten Verfahren gewählt wurden. Die Mitglieder dürfen weder einem Parlament des Bundes oder des Landes angehören noch einer Bundesoder Landesregi­erung. Aufgabe des NBG ist es, das Suchverfah­ren unabhängig zu begleiten. Das Bundesumwe­ltminister­ium (BMU) trägt die Gesamtvera­ntwortung im Bereich Endlagerun­g. Es überprüft, dass das Verfahren den Anforderun­gen und Kriterien des Standortau­swahlgeset­zes entspricht. (epd)

 ?? FOTO: WOLFRAM KASTL/DPA ?? Fässer mit radioaktiv­em Abfall stehen im Zwischenla­ger der Wiederaufa­rbeitungsa­nlage Karlsruhe in Eggenstein-Leopoldsha­fen. Bis 2031 soll das Suchverfah­ren nach einem Atommüllen­dlager abgeschlos­sen sein.
FOTO: WOLFRAM KASTL/DPA Fässer mit radioaktiv­em Abfall stehen im Zwischenla­ger der Wiederaufa­rbeitungsa­nlage Karlsruhe in Eggenstein-Leopoldsha­fen. Bis 2031 soll das Suchverfah­ren nach einem Atommüllen­dlager abgeschlos­sen sein.

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