Lindauer Zeitung

124 Briefe aus der Todeszelle

Eine Allgäuerin und ein verurteilt­er Mörder in den USA schreiben sich seit sieben Jahren

- Von Tobias Schuhwerk

- Seit sieben Jahren erhält Sonja Kiechle (49) Post von einem Mörder. 124 Briefe hat er ihr geschriebe­n. Seitenlang, in gestochene­r Handschrif­t und englischer Sprache. Es sind Botschafte­n aus der Todeszelle des Hochsicher­heitsgefän­gnisses Polunsky Unit im USBundesst­aat Texas. Dort droht Häftling Nummer #999379 die Hinrichtun­g nach 20 Jahren Haft. Durch ihre langjährig­e Brieffreun­dschaft kennt Sonja Kiechle den Menschen hinter der Zahl.

Sie tut alles, um die für 19. Mai angesetzte Exekution des geständige­n Mörders Quintin Jones (41) in letzter Minute zu verhindern. Der US-Amerikaner hat im Alter von 20 Jahren seine Großtante im Drogenraus­ch erschlagen. „Er hat die Tat gestanden und bereut sie zutiefst. Er ist heute ein völlig anderer Mensch, als er es zum Zeitpunkt des Verbrechen­s war. Geordnet, höflich, bescheiden und emphatisch. Er liest viel, nimmt in jedem Brief Anteil an meinem Leben. Er ist ein echter Freund für mich geworden“, sagt Sonja Kiechle, die mit ihrem Lebensgefä­hrten in Kempten wohnt. Ihre Partnersch­aft hat sie gleich im ersten Brief an Jones erwähnt. Sie wollte damit zum Ausdruck bringen, dass sie an einer Brieffreun­dschaft interessie­rt ist, aber keinerlei romantisch­e Absichten hat. Auf der Internetse­ite der „Initiative gegen die Todesstraf­e“hatte sie gelesen, dass er sich über eine Brieffreun­dschaft freuen würde. Anfang 2014 schrieb sie ihm ein paar Zeilen. Zu ihrer Überraschu­ng bekam sie einen mehrseitig­en Brief zurück. Seither befinden sich die beiden im Dialog, obwohl sie sich nie begegnet sind – und sie auf den ersten Blick Welten trennen. Und damit ist nicht nur die Entfernung von knapp 9000 Kilometern gemeint.

Sonja Kiechle wuchs im Allgäu auf, machte eine kaufmännis­che Ausbildung und arbeitet heute im

Vertrieb eines Unternehme­ns für Naturprodu­kte. Sie liest viel und versorgt Jones mit Büchern. „Der Schwarm“von Frank Schätzing ist darunter. Oder „Der kleine Prinz“von Antoine de Saint-Exupéry. „Speziell dieses Buch hat ihn sehr beeindruck­t“, erzählt Sonja Kiechle. Vielleicht, weil es darin um Menschlich­keit

und Freundscha­ft geht. Quintin Jones hat wenig davon erlebt. Er kam als Kind einer drogensüch­tigen Mutter im County Tarrant im Norden von Texas auf die Welt, erlebte eine traumatisc­he Kindheit, wurde misshandel­t und geriet früh auf die schiefe Bahn. Mit acht nahm er erstmals Drogen, mit 13 begann er zu dealen, rutschte immer tiefer ab. Als andere ihre Ausbildung begannen, konsumiert­e er Crack, später Heroin.

Dann geschah das Unfassbare: Bei einem Raubüberfa­ll erschlug Jones am 11. September 1999 seine Großtante Berthena Bryant (83) mit einem Baseballsc­hläger. Noch am selben Tag wurde er verhaftet, durchlebte einen kalten Entzug im Gefängnis und wurde eineinhalb Jahre später zum Tode verurteilt. Seit 20 Jahren ist er im „Death Row“, dem Todestrakt, des Hochsicher­heitsgefän­gnisses Polunsky Unit inhaftiert. Die Zelle ist kleiner als zehn Quadratmet­er. Darin befinden sich Bett, Toilette und ein Waschbecke­n. Durch ein kleines vergittert­es Fenster kann Jones erkennen, ob es Tag oder Nacht ist. Das war’s. „Andere wären längst verrückt geworden“, sagt Sonja Kiechle. „Doch er erträgt das unglaublic­h tapfer. Quin betont immer wieder, dass er lebenslang als Strafe verdient hat.“Den Tod hingegen wünschen dem geläuterte­n Verbrecher

nicht einmal die Angehörige­n des Mordopfers. Sie haben sich einer Petition zur Umwandlung der Todesstraf­e in eine lebenslang­e Haftstrafe angeschlos­sen. Seine Exekution, so schreiben sie, würde ihnen erneutes Leid zufügen. Sie haben ihm die Tat mit Blick auf seine glaubhafte Wandlung verziehen. Ihre Hoffnungen ruhen nun auf dem republikan­ischen Gouverneur Greg Abbott, der in der Öffentlich­keit gerne seine christlich­en Wurzeln betont.

Wird er die Hinrichtun­g in letzter Minute stoppen? „Ich gebe die Hoffnung nie auf“, sagt die Allgäuerin Sonja Kiechle, die alle 124 Briefe von Quintin Jones säuberlich in einer Box aufbewahrt hat. Deren Farbe ist grün.

Eine Online-Petition gegen die Hinrichtun­g von Quintin Jones läuft unter dem Namen „Clemency for Quin“auf

www.change.org

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FOTO: RALF LIENERT Sonja Kiechle aus Kempten schreibt einem Gefangenen in den USA. Er sitzt in Texas im Todestrakt und soll bald hingericht­et werden.

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