Lingener Tagespost

In Got­tes Di­ens­ten

Kris­ti­an Pohl­mann ist ein Exot: Er wird Pries­ter

- Von Ste­fa­nie Wit­te Religion · Osnabruck · diocese · God · Bremen · Alexander the Great · Germany · John the Apostle · Georgsmarienhutte

Ein Fa­mi­li­en­mensch, der kei­ne Fa­mi­lie ha­ben darf. Ein jun­ger Mann, der für den Rest sei­nes Le­bens der Kir­che Ge­hor­sam ver­spricht. Wir ha­ben Kris­ti­an Pohl­mann ein Jahr lang be­glei­tet auf sei­nem Weg zum Pries­ter­amt.

OS­NA­BRÜCK

„Da ist der Pfar­rer!“Die Groß­mut­ter zeigt freu­de­strah­lend auf den jun­gen Mann, der ge­ra­de aus der Sa­kris­tei tritt. Wei­ßes Mess­ge­wand, erns­ter Blick – dass Kris­ti­an Pohl­mann noch gar kein Pfar­rer ist, son­dern Dia­kon, küm­mert die Fa­mi­lie nicht. Es zählt, dass er tau­fen kann.

Zwei Dut­zend Be­su­cher in schwar­zen und grau­en Män­teln neh­men nach und nach in den ers­ten drei Rei­hen der klei­nen Kir­che Platz. Es ist kühl an die­sem Frei­tag im Ja­nu­ar. Be­vor es los­geht, er­klärt Kris­ti­an Pohl­mann El­tern und Pa­ten den Ablauf: „Ich wer­de zwi­schen­durch ein paar Din­ge fra­gen. Aber kei­ne Sor­ge, ich sa­ge Ih­nen ge­nau, was ich hö­ren möch­te.“Im Bug­gy quen­gelt das Ba­by. Pohl­mann be­rührt es sanft und sagt: „Dann wol­len wir dich heu­te mal tau­fen.“

Als der Got­tes­dienst be­ginnt, de­kla­miert der Dia­kon mit der of­fi­zi­el­len Stim­me des Ver­tre­ters ei­ner jahr­tau­sen­de­al­ten In­sti­tu­ti­on: „Mit gro­ßer Freu­de emp­fängt dich die Ge­mein­schaft der Kir­che.“Die El­tern fragt er: „Wi­der­sagt ihr den Ver­lo­ckun­gen des Bö­sen?“„Ich wi­der­sa­ge“, ant­wor­ten bei­de schüch­tern.

Spä­ter, als die Fa­mi­lie schon mit Er­in­ne­rungs­fo­tos be­schäf­tigt ist, ver­neigt sich Pohl­mann vor dem Al­tar und blickt zum Kreuz oben an der Wand. Seit neun Mo­na­ten ar­bei­tet er hier im Os­ten Bre­mens. Mehr als zehn Kin­der hat er in die­ser Zeit in die Ge­mein­schaft der Kir­che auf­ge­nom­men. Für ihn ist die Stadt ei­ne Sta­ti­on auf dem Weg zum Pries­ter­amt. „Ich füh­le mich hier sehr wohl“, sagt Pohl­mann. „Aber mein Herz schlägt doch fürs Länd­li­che, für die Na­tur und Schüt­zen­fes­te. Die Groß­stadt ist auf Dau­er nicht meins.“

Mit sei­nem Be­rufs­ziel ist Pohl­mann heut­zu­ta­ge ein Exot. Seit den 90er-Jah­ren wer­den in der ka­tho­li­schen Kir­che im­mer we­ni­ger neue Pries­ter ge­weiht. 1997 wa­ren es bun­des­weit noch 165. 2017 ge­ra­de ein­mal 74. Zwei Bi­stü­mer muss­ten im ver­gan­ge­nen Jahr kom­plett auf ei­ne Wei­he ver­zich­ten. Ei­nes da­von war Os­na­brück. Zum ers­ten Mal in der neue­ren Ge­schich­te der Diö­ze­se.

Grün­de für den Rück­gang

Woran liegt das? „Der ent­schei­den­de Punkt ist der Zö­li­bat“, sagt Re­li­gi­ons­so­zio­lo­ge Det­lef Pol­lack. Der Pries­ter­man­gel ha­be auch mit ei­ner Wer­te­ver­schie­bung zu tun. „Frü­her wa­ren El­tern stolz dar­auf, wenn ein Kind aus der Fa­mi­lie Pries­ter wur­de. Da die Bin­dung ans ka­tho­li­sche Mi­lieu stark ab­ge­nom­men hat, fin­det sich ei­ne sol­che Hal­tung heu­te kaum noch.“

In Kris­ti­an Pohl­manns Fa­mi­lie, die aus Georgsmari­enhütte stammt, ist das an­ders. Hier ge­hört zum Sonn­tag die Mes­se. Als Kind war Pohl­mann erst Mess­die­ner, dann Grup­pen­lei­ter. Selbst sein Hob­by passt: Er spielt Or­gel. „Das ist mei­ne Be­ru­fung, mein Her­zens­wunsch. Ich ha­be mei­nen Traum­be­ruf ge­wählt“, sagt der 27-Jäh­ri­ge. „Das be­schäf­tigt mich seit dem Kin­der­gar­ten. Als ich mich beim Bis­tum be­wor­ben ha­be, ha­ben mei­ne Freun­de ge­sagt: Gott sei Dank – du wirst Pas­tor.“

Ei­ner, der ge­wis­ser­ma­ßen an der Pfor­te zum Pries­ter­le­ben steht, ist der Os­na­brü­cker Re­gens Thi­lo Wil­helm. Er ist für die Aus­bil­dung im Bis­tum ver­ant­wort­lich. Im Ge­spräch lobt er Dia­kon Kris­ti­an Pohl­mann: „Ich bin sehr zu­ver­sicht­lich, dass er ei­nen gu­ten Weg geht. Al­le we­sent­li­chen Kri­te­ri­en er­füllt er.“Im Ge­spräch über die Zu­las­sung zum Pries­ter­amt fällt im­mer wie­der der Be­griff „mensch­li­che Rei­fe“. Wil­helm sagt: „Wir be­kom­men er­heb­lich mehr Be­wer­bun­gen, als wir An­wär­ter an­neh­men. Wenn man bei der Aus­wahl nicht gut auf­passt, kann im Nach­hin­ein gro­ßer Scha­den ent­ste­hen.“Der Kan­di­dat müs­se be­reit sein, sich dem Le­ben als Pries­ter voll hin­zu­ge­ben.

In Bre­men steht das Pfarr­haus di­rekt ne­ben der Kir­che. Hier hängt im Zim­mer des Dia­kons ein gro­ßes Holz­kreuz an der Wand. Dar­un­ter meh­re­re Ker­zen, Hei­li­gen­bil­der und ein klei­ner Kak­tus. Ei­ne der Hei­li­gen­fi­gu­ren hat ihm sein ver­stor­be­ner Hei­mat­pfar­rer ver­erbt. „Ich kom­me aus ei­nem sehr be­hü­te­ten Glau­bens­um­feld“, sagt Pohl­mann. „Ich selbst ha­be Kir­che im­mer po­si­tiv er­lebt.“

Im Bre­mer Os­ten kennt man ihn mitt­ler­wei­le. Als Pohl­mann ei­nes Tages mit ei­nem Eis in der Hand durch die Nach­bar­schaft lief, rief ei­ne äl­te­re Da­me aus dem Fens­ter: „Na, schmeckt’ s? Als Dia­kon darf man sich ja auch mal ein Eis gön­nen, was?“

Drei Mo­na­te spä­ter, im April, steht der Dia­kon hin­ter dem stei­ner­nen Al­tar der Klei­nen Kir­che in Os­na­brück. Pohl­mann hält ei­ne gro­ße Hos­tie in die Hö­he. „Das ist mein Leib…“, trägt er vor, als hät­te er sein Le­ben lang nichts an­de­res ge­tan. Da­bei blickt er kurz zu ei­nem Mann in den Vier­zi­gern mit mo­der­ner Un­der­cut-Fri­sur hin­über, der in der ers­ten Ban­k­rei­he sitzt und, oh­ne auf­zu­bli­cken, in ein schwar­zes No­tiz­buch schreibt.

Mit fei­er­li­chem Ernst brei­tet Pohl­mann sei­ne Hän­de aus, hebt sie zur De­cke und schließt mit ei­nem „Jetzt und in al­le Ewig­keit“. „Amen“, mur­melt der Mann in der ers­ten Bank und fügt hin­zu: „Ja, vie­len Dank. Wann kön­nen Sie bei uns an­fan­gen?“

Im­mer und im­mer wie­der ha­ben Kris­ti­an Pohl­mann und wei­te­re Pries­ter­amtskan­di­da­ten an die­sem Mon­tag den Ablauf der hei­li­gen Mes­se ge­übt. Am En­de je­des Durch­laufs schät­zen sich die Kol­le­gen ge­gen­sei­tig ein. Bei Pohl­mann sind sie voll des Lo­bes. „Das war ganz schön pro­fes­sio­nell“, sagt ei­ner. Pohl­mann beißt ein we­nig auf sei­ner Lip­pe her­um. Übungs­lei­ter Alex­an­der Ber­gel sagt: „Das war ein sehr sou­ve­rä­ner Auf­tritt.“Hier und da ge­be es aber doch noch et­was zu ver­bes­sern. „Du hast an man­chen Stel­len die Leu­te an­ge­schaut. Mach das nicht. Das gan­ze Ge­bet rich­tet sich an den Va­ter“, sagt Ber­gel und holt dann wei­ter aus. „Das Hoch­ge­bet wird häu­fig als Tief­punkt der Mes­se wahr­ge­nom­men“, warnt er sei­ne Schütz­lin­ge, und klingt da­bei ein we­nig wie Mo­de­de­si­gner und TV-Mo­de­ra­tor Gui­do Ma­ria Kret­sch­mer, der ei­ne sei­ner Show­kan­di­da­tin­nen be­hut­sam da­mit kon­fron­tiert, dass ihr Qu­er­strei­fen so gar nicht ste­hen. „Die meis­ten Ge­mein­de­mit­glie­der wis­sen, was kommt, da­durch ist es für vie­le so emo­tio­nal wie ein Bus­fahr­plan. Aber man kann das durch sei­ne Stim­me be­ein­flus­sen.“Au­ßer­dem sol­len die Kan­di­da­ten dar­auf ach­ten, ih­re Dau­men an­zu­le­gen, wenn sie die Ar­me aus­brei­ten. Das se­he ein­fach bes­ser aus.

We­ni­ge Wo­chen vor dem Wei­he­termin sitzt Kris­ti­an Pohl­mann vor ei­ner Piz­za Ton­no auf dem Os­na­brü­cker Marktplatz. Er spricht er über den Miss­brauchsska­n­dal („Das wi­dert mich bis heu­te an. Aber ich bin sehr froh, dass es auf­ge­deckt wur­de und dass es ge­ra­de in Deutsch­land nicht mehr so ver­tuscht wird.“) und über den Zö­li­bat.

Pohl­mann er­zählt häu­fig von sei­ner Fa­mi­lie, sei­nen Groß­el­tern, Ge­schwis­tern. „Das wer­de ich nie ha­ben“, sagt er mit erns­ter Mie­ne. „Und das tat auch schon mal weh. Man ist ja ein Mensch. Der Wunsch da­nach wird nicht ein­fach weg­ge­weiht. Aber ich ha­be mei­ne Ent­schei­dung nie be­reut.“Die zö­li­batä­re Le­bens­form hält er für an­ge­mes­sen für sein Le­ben als Pries­ter. Selbst wenn es ka­tho­li­schen Pfar­rern ir­gend­wann frei­ge­stellt wer­den soll­te, ei­ne Fa­mi­lie zu grün­den, will Pohl­mann bei sei­nem Ent­schluss blei­ben. „Der Zö­li­bat ist mei­ne Be­ru­fung, kein Zwang. Ich ha­be mich be­wusst da­für ent­schie­den.“

Und dann er­zählt er von dem Mäd­chen, das er wäh­rend des Theo­lo­gie­stu­di­ums ken­nen­ge­lernt hat. Im Pries­ter­se­mi­nar in Münster ha­be man ihm ge­sagt: „Wir sind da­für da, dass Sie mit ei­ner glück­li­chen Le­bens­ent­schei­dung hier raus­ge­hen.“Ein paar Mal Eis­es­sen, dann hat­te sich das Aus­pro­bie­ren er­le­digt. „Ich ha­be ge­merkt: Das ist nicht meins. Aber ich muss­te das für mich klä­ren“, sagt Pohl­mann. „Ich ha­be im Ge­bet mit Gott dar­über ge­spro­chen. Und es war gut, die­se Er­fah­rung ge­macht zu ha­ben. Da merkt man: Man ist auch ein nor­ma­ler Mensch.“

Es ist Pfingst­sams­tag. Weih­rauch er­füllt den Os­na­brü­cker Dom. Fern­seh­ka­me­ras sind auf den Al­tar ge­rich­tet. Lei­ses Ge­mur­mel er­füllt das voll be­setz­te Kir­chen­schiff. Weih­bi­schof Jo­han­nes Wüb­be zieht mit sei­nem Ge­fol­ge durch den Mit­tel­gang ein. „Welch ein schö­nes Er­eig­nis, welch ein fest­li­cher Rah­men“, be­ginnt der Weih­bi­schof, der den er­krank­ten Bi­schof Bo­de ver­tritt.

Ehr­furcht und Ge­hor­sam

Als Kris­ti­an Pohl­mann – heu­te im wei­ßen Ge­wand – auf­ge­ru­fen wird, sagt er laut: „Hier bin ich.“Der Re­gens sagt über die Dia­ko­ne, so wie es das Ri­tu­al vor­sieht: „Das Volk und die Ver­ant­wort­li­chen wur­den be­fragt; ich be­zeu­ge, dass sie für wür­dig ge­hal­ten wer­den.“Der Weih­bi­schof spricht über Be­ru­fung und Ver­su­chung. Schließ­lich tre­ten die bei­den Os­na­brü­cker Pries­ter­amtskan­di­da­ten nach­ein­an­der vor ihn. „Ich bin be­reit“, sagt Kris­ti­an Pohl­mann, die Hän­de vor der Brust ge­fal­tet. In die Hand des Bi­schofs ver­spricht er Ehr­furcht und Ge­hor­sam. Am En­de der Mes­se ver­las­sen 75 Pries­ter, die den Got­tes­dienst hin­ter dem Al­tar ver­folgt ha­ben, laut­los ih­re Plät­ze und rei­hen sich ein, um ei­ner nach dem an­de­ren die Hand auf die Stirn der bei­den frisch ge­weih­ten Pries­ter zu le­gen. Im Hin­ter­grund vi­brie­ren lang ge­zo­ge­ne Or­gel­tö­ne. Je­der, der die Stirn der neu­en Pries­ter be­rührt hat, schließt sich den Vor­gän­gern an und stellt sich in die Grup­pe der­je­ni­gen, die sich hin­ter dem Weih­bi­schof ver­sam­melt ha­ben. Vie­le von ih­nen schlie­ßen lä­chelnd die Rei­hen. Aus­bil­der Alex­an­der Ber­gel legt sei­ne Hand mit ge­schlos­se­nen Au­gen auf die Stirn von Kris­ti­an Pohl­mann und schrei­tet dann mit ge­fal­te­ten Hän­den in die letz­te Rei­he.

Ei­ni­ge Wo­chen zu­vor hat­te Pohl­mann im Ge­spräch auf dem Os­na­brü­cker Marktplatz ge­sagt: „Das ist ei­ne Ge­mein­schaft, in der ich mich ge­tra­gen füh­le, die mir ei­ne ge­wis­se Si­cher­heit gibt.“Schließ­lich um­armt Weih­bi­schof Jo­han­nes Wüb­be den Pries­ter Kris­ti­an Pohl­mann fest. Der lä­chelt. Er und sein Kol­le­ge dür­fen nun erst­mals im Krei­se der Pries­ter hin­ter dem Al­tar sit­zen.

Beim Hö­he­punkt, der Ga­ben­be­rei­tung, le­gen bei­de ih­re Dau­men an, so wie sie es im Li­t­ur­gie­kurs ge­übt ha­ben. Nach zwei St­un­den Got­tes­dienst ap­plau­diert die Ge­mein­de den bei­den frisch ge­weih­ten Pries­tern. Auf dem Weg in den Gar­ten des Bi­schofs­hau­ses zum Emp­fang raunt ein Ge­mein­de­mit­glied dem an­de­ren zu: „Ich glau­be, der Pohl­mann kommt ins Ems­land. Der war jetzt lan­ge ge­nug in der Dia­spo­ra.“

Wäh­rend­des­sen er­fährt Kris­ti­an Pohl­mann hin­ter den ge­schlos­se­nen Tü­ren des Bi­schofs­hau­ses, dass er als Ka­plan nach Lin­gen ge­schickt wird.

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