Kampf um Mer­kels Er­be

Kopf-an-Kopf-Ren­nen auf dem CDU-Par­tei­tag er­war­tet / Nach Schäu­b­le kommt auch auch Alt­mai­er aus der De­ckung

Lingener Tagespost - - POLITIK - Ei­nen Li­ve-Ti­cker zum CDU-Par­tei­tag fin­den Sie auf noz.de Von Bea­te Ten­fel­de

Nur we­ni­ge St­un­den vor dem Fi­na­le im Macht­kampf um den CDU-Par­tei­vor­sitz pas­siert genau das, was die Schwarz­se­her be­fürch­tet ha­ben: Der schö­ne Schwung der Uni­on ver­flüch­tigt sich. Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le geht aufs Gan­ze – und pro­vo­ziert durch sein kla­res Vo­tum für Fried­rich Merz als CDU-Chef Streit.

„Es wä­re das Bes­te für das Land, wenn Fried­rich Merz ei­ne Mehr­heit auf dem Par­tei­tag er­hiel­te“, hat­te Schäu­b­le der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung“ge­sagt – und so sehr kon­kret ei­ne Wahl­emp­feh­lung aus­ge­ge­ben für den CDU-Bun­des­par­tei­tag in Ham­burg, auf dem heu­te die 1001 De­le­gier­ten über die Nach­fol­ge von An­ge­la Mer­kel an der Spit­ze der Christ­lich De­mo­kra­ti­schen Uni­on ent­schei­den. Bun­des­kanz­le­rin will Mer­kel noch bis 2021 blei­ben.

„Das Bes­te für das Land“– welch gro­ße Wor­te! Der 76jäh­ri­ge Schäu­b­le will am En­de sei­ner Kar­rie­re of­fen­kun­dig nichts an­bren­nen las­sen und die Din­ge steu­ern – nach sei­nem Kurs. Bis­her hat Mer­kel ihm die Be­din­gun­gen dik­tiert: Zum Bei­spiel hat sie Schäu­b­le zwei­mal nicht als Bun­des­prä­si­den­ten vor­ge­schla­gen, ob­wohl er dar­auf hoff­te und die Chan­ce da­zu be­stand.

Nun al­so will Schäu­b­le das Spiel ma­chen, in­dem er dem Wirt­schafts­an­walt und Fi­nanz­ex­per­ten Merz Schub gibt. Der ist auf dem po­li­ti­schen Par­kett nach zehn Jah­ren Aus­zeit nicht im­mer ganz tritt­si­cher. Den Mann, den Mer­kel 2002 als Uni­ons­Frak­ti­ons­chef ver­dräng­te, will Schäu­b­le jetzt auf dem CDU-Chef­pos­ten und ab­seh­bar auch als Kanz­ler se­hen. Aber der al­te Fuchs Schäu­b­le spürt, dass der „My­thos Merz“star­ke Kon­kur­renz be­kom­men hat. Die streb­sa­me Saar­län­de­rin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er hat ei­nen un­er­war­tet gu­ten Lauf. Al­so wirft CDU-Gran­de Schäu­b­le all sei­ne Re­pu­ta­ti­on in die Waag­scha­le und lässt je­de Zu­rück­hal­tung fah­ren, da­mit sein Freund Merz nicht nur in sei­nem Pri­vat­flug­zeug Luft un­ter die Flü­gel be­kommt.

Klar, dass dies nicht un­wi­der­spro­chen bleibt. Höchst ver­är­gert tritt Pe­ter Alt­mai­er, der Ver­trau­te von Noch-Par­tei­che­fin Mer­kel, auf den Plan. Der Vor­stoß von Schäu­b­le ha­be ihn über­rascht und ge­wun­dert, da­mit sei der „Damm ge­bro­chen“, sagt Alt­mai­er der Düs­sel­dor­fer „Rhei­ni­schen Post“. Er per­sön­lich ha­be sei­ne Prä­fe­renz für Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Kramp-Kar­ren­bau­er aus Re­spekt vor den De­le­gier­ten bis­lang nicht öf­fent­lich ge­äu­ßert.

Nun wirft sich Alt­mai­er für sei­ne Lands­frau in die Bre­sche. „Da Wolf­gang Schäu­b­le nun den Damm ge­bro­chen hat, kann ich sa­gen: Ich bin über­zeugt, dass wir mit An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er die bes­te Chan­ce ha­ben, die CDU zu ei­nen und Wah­len zu ge­win­nen. Das hat sie mehr­fach un­ter schwie­ri­gen Be­din­gun­gen im Saar­land als In­nen­mi­nis­te­rin und Mi­nis­ter­prä­si­den­tin be­wie­sen.“Merz wür­de zwar „si­cher­lich der FDP vie­le Stim­men ab­ja­gen“, räumt Alt­mai­er ein. Uni­on und FDP soll­ten sich aber nicht ge­gen­sei­tig kan­ni­ba­li­sie­ren. Au­ßer­dem müs­se die CDU in der Mit­te ver­an­kert blei­ben.

Ist Schäu­bles Pro-Mer­zPlan da­mit durch­kreuzt? Schwer zu sa­gen, die Stim­mungs­la­ge in der Uni­on ist nach wie vor sehr un­über­sicht­lich. Nach der­zei­ti­ger La­ge ist in Ham­burg mit ei­nem Kopf-an-Kopf-Ren­nen zu rech­nen. Die gro­be Rich­tung steht fest: Ge­winnt Kramp-Kar­ren­bau­er, kä­me weit­ge­hend ei­ne Fort­set­zung der Mer­kel’schen Po­li­tik. Un­ter Merz ist da­ge­gen mit ei­ner Neu­aus­rich­tung der CDU zu rech­nen – markt­wirt­schaft­lich, rechts­staat­lich, wert­kon­ser­va­tiv, na­tio­na­le In­ter­es­sen be­to­nend.

Kramp-Kar­ren­bau­er weiß zwei Mi­nis­ter­prä­si­den­ten hin­ter sich, Da­ni­el Gün­ther (Kiel) und Tobias Hans, ih­ren ei­ge­nen Nach­fol­ger in Saar­brü­cken. Hin­ter AKK ste­hen auch An­net­te Wid­man­nMauz, Staats­mi­nis­te­rin im Kanz­ler­amt und Vor­sit­zen­de der Frau­en-Uni­on, und der So­zi­al­flü­gel in der Bun­des­tags­frak­ti­on. Der Nord­rheinWest­fa­le Ar­min La­schet lässt zwar ver­brei­ten, er wer­de AKK wäh­len, legt sich aber öf­fent­lich nicht fest.

Der Christ­de­mo­krat aus Aa­chen warnt statt­des­sen ein­dring­lich vor ei­ner Spal­tung der Par­tei. Auch Kramp­Kar­ren­bau­er treibt dies of­fen­bar um. „Wich­tig ist – und das wis­sen, glau­be ich, al­le drei Kan­di­da­ten –, dass die CDU auch nach der Wahl mor­gen ge­schlos­sen bleibt“, sagt sie im ZDF. Drei Kan­di­da­ten? Ja, denn Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn ist wei­ter im Spiel. Er wird al­ler­dings schon zum Rück­zug ge­drängt.

Und was macht Noch-Che­fin Mer­kel? Sie lässt die rest­li­chen CDU-Grö­ßen strei­ten. Den Plan, vor Be­ginn des Par­tei­tags noch den Ham­bur­ger Ha­fen zu be­su­chen, muss­te sie we­gen der Teil­nah­me an der Trau­er­fei­er für Ex-USPrä­si­dent Bush aber strei­chen. Im Con­tai­ner-Ter­mi­nal Al­ten­wer­der wä­re ein Helm Pflicht ge­we­sen – letz­te­rer könn­te auch am Frei­tag in der Ham­bur­ger Mes­se­hal­le si­cher nütz­lich sein.

„Es wä­re das Bes­te für das Land, wenn Fried­rich Merz ei­ne Mehr­heit auf dem Par­tei­tag er­hiel­te.“ Wolf­gang Schäu­b­le, Bun­des­tags­prä­si­dent

„Ich bin über­zeugt, dass wir mit An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er die bes­te Chan­ce ha­ben, die CDU zu ei­nen und Wah­len zu ge­win­nen.“ Pe­ter Alt­mai­er, Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter

Fo­to: dpa/Micha­el Kap­peler

Span­nung vor dem gro­ßen Show­down: Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) stellt sich al­ler­dings ges­tern auf der Büh­ne des Par­tei­ta­ges in Ham­burg sehr ge­las­sen den Fra­gen der Jour­na­lis­ten.

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