Lö­sung aus der Pro­vinz

Brau­chen wir Sham­poo oder Dusch­gel, das zu zwei Drit­teln aus Was­ser be­steht? Auf­wen­dig in Plas­tik­fla­schen ver­packt, aus de­nen im­mer zu viel her­aus­kommt? Oder Sei­fen und Cre­mes vol­ler Mi­kro­plas­tik? Ein klei­nes Un­ter­neh­men aus der Ucker­mark bie­tet Al­ter­nat

Lingener Tagespost - - VORDERSEITE - Von Mar­tin Eg­bert und Klaus Sieg

Wo ist denn das Sieb?!“An­ke Tho­ma reißt ei­ne Schrank­tür nach der an­de­ren auf. Töp­fe und Scha­len, Do­sen, Pa­ke­te und Tü­ten kom­men zum Vor­schein, mit La­ven­del, Man­del­pul­ver, Thy­mi­an, Mohn, Kur­ku­ma und vie­len an­de­ren le­cke­ren Zu­ta­ten. Sind wir hier in ei­ner Re­stau­rant­kü­che? Weit ge­fehlt, auch wenn es ap­pe­tit­an­re­gend riecht in der Na­tur­sei­fen­ma­nu­fak­tur und hier mit Töp­fen so­wie al­ler­lei an­de­ren Kü­che­nu­ten­si­li­en han­tiert wird. Al­les ist sau­ber und hat sei­ne Ord­nung. „Seit dem Um­zug aber fin­de ich gar nichts mehr.“Ge­ra­de erst ist die Un­ter­neh­me­rin in der Ucker­mark in die neu­en Räu­me um­ge­zo­gen, in ei­nen Neu­bau auf dem Hof, auf dem sie mit ih­rem Mann lebt. „Al­les bei lau­fen­der Pro­duk­ti­on.“

Rund 250 Qua­drat­me­ter sind es nun, auf de­nen sie mit ih­ren Mit­ar­bei­te­rin­nen Sham­poos, Sei­fen, Ba­de­pra­li­nen, Deo­do­rants und Cre­mes her­stellt. Al­les per Hand und aus­schließ­lich mit öko­lo­gi­schen Zu­ta­ten. Oh­ne Mi­kro­plas­tik oder an­de­re Erd­öl­de­ri­va­te, Kon­ser­vie­rungs­stof­fe, che­mi­sche Fär­bung oder Des­in­fek­ti­ons­mit­tel.

Die Na­tur­sei­fen­ma­nu­fak­tur ver­zich­tet aber nicht nur auf ge­fähr­li­che In­halts­stof­fe: Ih­re Ge­fä­ße kön­nen die Ver­brau­cher im­mer wie­der nut­zen, sie ein­sen­den und be­fül­len oder sich Nach­schub in Pap­pe aus Alt­pa­pier schi­cken las­sen. Auch gibt es hier kei­nen Schnick­schnack wie Sei­fen in Herz­chen- oder Wol­ken­form. Das kommt an. Im­mer mehr Men­schen wol­len pro­ble­ma­ti­sche Zu­ta­ten und Ab­fäl­le ver­mei­den. Aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den oder aus Sor­ge um un­se­re Um­welt. In jüngs­ter Zeit zei­gen vor al­lem die Hor­ror­mel­dun­gen über Mi­kro­plas­tik in Mee­ren, Flüs­sen, Bö­den und Le­be­we­sen Wir­kung. Mit ih­rem kon­se­quen­ten Weg hat An­ke Tho­ma in dem 100-See­len-Ört­chen Bu­chen­hain ein klei­nes Wirt­schafts­wun­der ge­schaf­fen. „Ich ha- be al­lei­ne in die­sem Jahr drei neue Mit­ar­bei­te­rin­nen ein­ge­stellt.“Die Na­tur­sei­fen­ma­nu­fak­tur liegt am Dor­f­rand. Hin­ter dem Neu­bau aus Holz kommt nur noch das gel­be Schild mit dem dia­go­nal in Rot durch­ge­stri­che­nen Orts­na­men. Ei­ne schma­le Stra­ße wellt sich da­hin­ter über wei­te Äcker und Wie­sen bis an den Rand ei­nes fer­nen Wal­des.

Es ist Di­ens­tag. Die Pro­duk­ti­on läuft auf Hoch­tou­ren. Den gan­zen Vor­mit­tag ha­ben zwei Mit­ar­bei­te­rin­nen ver­schie­de­ne Na­tu­rö­le für die Schafs­milch-Sei­fe er­wärmt und zu­sam­men­ge­rührt. Ko­kos-, Han­fund Ri­zi­nus­öl, Bie­nen­wachs, Ka­kaound Ka­rité­but­ter. Je­de Zu­tat hat ei­ne oder meh­re­re spe­zi­fi­sche Funk­tio­nen. Ri­zi­nus­öl ist gut für die Schaum­bil­dung. Die But­ter der afri­ka­ni­schen Ka­rité­nuss sorgt auch nach der Ver­sei­fung für ei­nen ho­hen An­teil an Pflan­zen­be­gleit­stof­fen. Die wir­ken pfle­gend und spen­den Feuch­tig­keit. Hanf­öl da­ge­gen hemmt Ent­zün­dun­gen und Schup­pen­bil­dung. An­de­re Zu­ta­ten för­dern die Här­tung, wo­für in In­dus­trie­sei­fen meist das preis­wer­te Palm­öl zu­stän­dig ist, über­wie­gend von Plan­ta­gen, die sich im­mer wei­ter in den Re­gen­wald hin­ein­fres­sen. „Auf Palm­öl ver­zich­ten wir aus öko­lo­gi­schen und ethi­schen Grün­den“, er­klärt An­ke Tho­ma be­stimmt. Eben­so auf che­mi­sche Ten­si­de zur Ver­bin­dung der un­ter­schied­li­chen In­halts­stof­fe oder auf Ge­la­ti­ne aus Kno­chen­mehl für die pas­sen­de Kon­sis­tenz. Wie aber wird dann die Ver­bin­dung der Öle be­werk­stel­ligt? „Lie­ben und rüh­ren.“An­ke Tho­ma lacht. Auf der grau­en Ar­beits­flä­che vor ihr lie­gen lan­ge Schnee­be­sen und Pü­rier­stä­be. Da­ne­ben ste­hen Koch­töp­fe groß wie Ei­mer, auf die die Mit­ar­bei­te­rin­nen mit schnel­ler Hand und schwar­zem Filz­stift Kür­zel ge­krit­zelt ha­ben. „So wis­sen sie im­mer, wel­che Zu­ta­ten schon im Topf sind.“

An­ge­fan­gen mit der Her­stel­lung von Sei­fen und Sham­poos hat die Mut­ter von drei Kin­dern in der ei­ge­nen Kü­che. In der Fa­mi­lie gab es Un­ver­träg­lich­kei­ten mit den kon­ven­tio­nel­len Hy­gie­ne­ar­ti­keln. Al­so be­gann sie am hei­mi­schen Herd zu ex­pe­ri­men­tie­ren. Lang­sam wuchs dar­aus ein klei­nes Ge­schäft, das sie bis vor we­ni­gen Jah­ren ne­ben ih­rer Haupt­tä­tig­keit in ei­nem Rechts­an­walts­bü­ro be­trieb. „Da­mals gab es viel­leicht mal fünf Be­stel­lun­gen am Tag, über­wie­gend aus dem pri­va­ten Um­feld.“Heu­te ver­schickt die Sei­fen­ma­nu­fak­tur täg­lich 150 Be­stel­lun­gen, in­ner­halb Deutsch­lands aber auch in die Schweiz und nach Ös­ter­reich. Ne­ben Pri­vat­per­so­nen be­lie­fert sie Apo­the­ken, Bio- und Un­ver­packt-Lä­den, zu­dem Fir­men, die ih­re Pro­duk­te als Prä­sen­te nut­zen. Ih­re ers­te Mit­ar­bei­te­rin stell­te An­ke Tho­ma vor acht Jah­ren ein. Heu­te sind es sie­ben.

In der Mit­tags­pau­se, bei Kaf­fee, Stul­le und Kip­pe, er­zäh­len die Frau­en, wie schwer es ist, in der Re­gi­on ei­ne Ar­beit wie die­se zu fin­den. Fair be­zahlt, oh­ne Schicht­dienst, in­ter­es­sant und nicht zu weit weg. „Bes­te Che­fin“nen­nen sie An­ke Tho­ma. Nach der Pau­se wird es ernst. „Ach­tung, Lau­ge!“An­ke Tho­ma schleppt die ers­ten zwei Ei­mer mit der kla­ren Flüs­sig­keit in den Pro­duk­ti­ons­raum. Sie trägt ei­nen gel­ben Schutz­an­zug aus Plas­tik, der bei je­der Be­we­gung knis­tert und ra­schelt. Mit Lau­ge ist nicht zu spa­ßen. Auch die zwei Mit­ar­bei­te­rin­nen, die heu­te Sei­fe her­stel­len, tra­gen Schutz­an­zü­ge und säu­re­fes­te Bril­len. Sie be­we­gen sich durch den Raum wie Kos­mo­nau­tin­nen auf Land­gang. Ei­ne ist vor­her schnell noch zum Kräu­ter­schnei­den in den Gar­ten ge­huscht. Aus Sal­bei, La­ven­del und Min­ze pü­riert sie ei­ne grü­ne Mas­se, die als Mar­mo­rie­rung in die Sei­fe soll.

Wenn die Lau­ge in die Öl­mi­schung ge­kippt ist, muss es schnell ge­hen. Un­ter stän­di­gem Rüh­ren ent­steht ei­ne gel­be Mas­se, der man da­bei zu­se­hen kann, wie sie fes­ter wird. Vor­her kom­men noch Schafs­milch und Duft­stof­fe hin­ein. Dann kip­pen die Frau­en die zä­he Mas­se in läng­li­che Holz­la­den, ge­ben die grü­ne Mar­mo­rie­rung hin­ein und strei­chen das Ge­misch mit Spach­teln glatt. Die Mas­se sieht aus wie Kar­tof­fel­pü­ree mit Ba­si­li­kum-Pes­to. Oder ein Mar­mor­ku­chen.

Am En­de sind so vie­le Holz­la­den ge­füllt, dass die Frau­en in den nächs­ten Ta­gen ein­tau­send Stück Sei­fe dar­aus schnei­den kön­nen. Bis hin zur Ver­pa­ckung sind dann zwei bis drei von ih­nen zwei Ta­ge lang da­mit be­schäf­tigt ge­we­sen. „Ma­nu­fak­tur kommt von Hand­ar­beit.“An­ke Tho­ma nickt und be­freit sich aus dem gel­ben An­zug. Sie wirkt er­leich­tert. Kurz vor dem ge­lun­ge­nen En­de ste­cken viel Zeit und Geld in dem Roh­ma­te­ri­al. Da soll­te nichts schief­ge­hen. „Das wird ei­ne schö­ne Sei­fe“, fügt sie hin­zu. Auch wenn al­les klappt, fällt die Sei­fe je­des Mal ein biss­chen an­ders aus. Wie bei ei­nem Wein vom Win­zer, der zwar im­mer gut, aber trotz­dem je­des Jahr un­ter­schied­lich schme­cken kann.

Nur mit viel Ge­schick und Wis­sen las­sen sich zwan­zig ver­schie­de­ne Sor­ten Sei­fe so­wie zahl­rei­che an­de­re Pro­duk­te zu­ver­läs­sig in den er­for­der­li­chen Men­gen Wo­che für Wo­che her­stel­len. Das meis­te hat An­ke Tho­ma sich an­ge­le­sen, in Bü­chern und im In­ter­net. „Le­sen kann ich ja“, sagt sie ver­schmitzt lä­chelnd.

An­ke Tho­ma ge­rät in Ra­ge über das, was wir mit un­se­rem Pla­ne­ten an­stel­len. Mit ih­rer Na­tur­sei­fen­ma­nu­fak­tur bie­tet sie sehr weit­rei­chen­de Lö­sun­gen an. Die er­folg­reichs­te sind die fes­ten Sham­poos. Er­fun­den hat An­ke Tho­ma die­se nicht, da­für aber in jah­re­lan­ger Tüf­te­lei drei­zehn Sor­ten ent­wi­ckelt, die sehr gut funk­tio­nie­ren. Im Ge­gen­satz zu an­de­ren fes­ten Sham­poos schäu­men sie aus­rei­chend, scho­nen die Kopf­haut und hin­ter­las­sen kein stump­fes Haar. Mit Zu­ta­ten wie Hanf­öl, Kof­f­e­in, Ar­gan­öl, Ro­sen­blü­ten­wachs, Ko­kos, Ho­nig, Wei­zen­kei­m­öl oder Wal­nuss sind sie auf un­ter­schied­li­che Haar- und Haut­ty­pen zu­ge­schnit­ten.

Und das bei ei­nem sehr ef­fi­zi­en­ten Um­gang mit Res­sour­cen. Ein run­des Stück Sham­poo reicht für 50 bis 80 Haar­wä­schen. Das Was­ser da­zu kommt erst aus dem Dusch­hahn. Nicht wie bei flüs­si­gem Sham­poo oder Dusch­gel, die zwei Drit­tel Was­ser ent­hal­ten kön­nen. Das muss mit Kon­ser­vie­rungs­stof­fen halt­bar ge­macht wer­den und ver­ur­sacht auf­grund sei­nes Ge­wich­tes und Vo­lu­mens ei­nen ho­hen Trans­port­auf­wand. Zu­dem er­for­dern die­se Pro­duk­te auf­wen­di­ge Plas­tik­fla­schen, die wie­der­um en­er­ge­tisch ver­brannt oder auf­wen­dig re­cy­celt wer­den.

Kurz vor Fei­er­abend lie­gen Kel­len und Schnee­be­sen auf der Ar­beits­flä­che, an de­nen ei­ne gel­be Sei­fen­krus­te klebt. An­ke Tho­ma legt ei­ne Bett­de­cke über die Käs­ten mit der frisch her­ge­stell­ten Schafs­milch-Sei­fe. „So un­ter­stüt­zen wir die wei­te­re che­mi­sche Re­ak­ti­on.“Un­ter an­de­rem färbt sich die Sei­fe noch ein­mal dun­kel und er­wärmt sich auf 50 Grad. Nach zwei Ta­gen ist sie dann wie­der fest. „Manch­mal kom­me ich nachts noch ein­mal rü­ber und gu­cke nach, ob das Kind auch gut schläft“, sagt An­ke Tho­ma mit ei­nem Au­gen­zwin­kern. „Das bringt mir dann Glücks­ge­füh­le.“Sei­fe macht al­so nicht nur sau­ber.

Fo­tos: Mar­tin Eg­bert

Kar­tof­fel­pü­ree mit Pes­to? Nein, die Mit­ar­bei­te­rin­nen von An­ke Tho­ma gie­ßen Sei­fen­mas­se in läng­li­che Holz­la­den. Bis zu 150 Be­stel­lun­gen täg­lich ver­pa­cken die Frau­en.

An­ke Tho­ma hat sich mit ih­rer Sei­fen­ma­nu­fak­tur in der Ucker­mark selbst­stän­dig ge­macht.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.