Was Mar­le­ne Dietrich ihm ge­ra­ten hat

IM GE­SPRÄCH, SEI­TE 8

Lingener Tagespost - - VORDERSEITE -

ier­au­gen­ge­sprä­che mit Udo Lin­den­berg lie­fern im­mer be­son­de­re Mo­men­te. Mal lässt er sei­nen Hut ge­konnt auf der Stirn tan­zen. Mal fühlt man sich wie in ei­ner Plau­de­rei un­ter Ge­heim­agen­ten. Und mal steht er zwi­schen­durch auf, um tän­ze­risch zu zei­gen, wie ein rich­ti­ger Lin­den­berg-Mo­ve funk­tio­niert. Zwi­schen­durch re­den wir in sei­ner „Ho­tel-Re­si­denz“in Ham­burg über das Al­ter, das Le­ben da­nach und über ei­nen Rat­schlag von Mar­le­ne Dietrich.

Udo, ge­ra­de erst vor we­ni­gen Ta­gen soll­te ich ei­ni­gen Grund­schü­lern er­klä­ren, wer denn ei­gent­lich Udo Lin­den­berg ist. Wel­che Be­schrei­bung hät­ten Sie ge­ge­ben? (denkt län­ger nach) Ich bin zeit­los – und in al­len Zei­ten zu Hau­se. Mei­ne See­le ist ei­ne Art Rutsch­bahn. Ein schö­nes Ge­schenk, dass ich das kann und in kei­ner Zeit hän­gen ge­blie­ben bin. Ich bin so­zu­sa­gen der Er­fin­der der höchs­ten Cool­ness, der gei­le Mu­sik mit gu­ten In­hal­ten macht.

Füh­len Sie sich ei­gent­lich wie ein 72-Jäh­ri­ger? Nein. Das ist ei­ne an­de­re Ge­ne­ra­ti­on für mich.

Und wie ist Ihr ge­fühl­tes Al­ter?

Ich sa­ge ja, ich bin zeit­los und im Club der Hun­dert­jäh­ri­gen. Die Leu­te wol­len von mir doch noch lan­ge ih­ren Stoff ha­ben, die Pa­nik, ihr Udo­pi­um. Vie­le sind schon vor­ge­flo­gen – Da­vid Bo­wie, Lou Reed. Ich blei­be noch min­des­tens 30 Jah­re.

Glau­ben Sie denn dar­an, dass Sie ir­gend­wann Da­vid Bo­wie und Lou Reed wie­der­se­hen? Ich glau­be das – aber na­tür­lich auch, weil ich dar­an glau­ben möch­te. Das ist doch viel schö­ner und be­ru­hi­gen­der. Es ist ei­ne schö­ne Vor­stel­lung, ir­gend­wann mal wie­der mei­ne El­tern, mei­nen Bru­der Erich und wei­te­re Freun­de wie­der­zu­se­hen. Manch­mal neh­me ich auch Zei­chen und Lich­ter­grü­ße aus den Wol­ken mit Trä­nen in den Au­gen wahr. Ich spü­re die­se Me­ta­phy­sik.

Ma­chen Sie sich Ge­dan­ken über den Tod oder gar über Ih­re Trau­er­fei­er? Ja, ich ma­che mir vie­le Ge­dan­ken, aber nicht über mei­ne Trau­er­fei­er. Das ist zu weit weg. Ich bin ja auch ein Freund der Ba­sis­de­mo­kra­tie – das sol­len die Leu­te dann ent­sch­ei- den. Im Üb­ri­gen ver­ge­hen bis da­hin ja noch min­des­tens 30 Jah­re.

Das hof­fen wir al­le mal. Im Mo­ment sind Sie wie­der übe­r­all prä­sent. Neu­es Buch, neue CD, das Le­ben wird ver­filmt. Aber man sieht Sie nicht in Talk­shows.

Nee, ma­che ich nicht.

Aber ge­ra­de in po­li­ti­schen Talk­shows wä­ren Ih­re Ansichten viel­leicht gar nicht so un­in­ter­es­sant.

Okay, das könn­te man ja mal er­wä­gen. Aber die­se Bou­le­vard-Talk­shows? Nein. Das hat mir da­mals Mar­le­ne Dietrich per­sön­lich auch so emp­foh­len.

Die gro­ße Mar­le­ne Dietrich?

Ja. Sie hat da­mals Fol­gen­des for­mu­liert: Das Ka­pi­tal des Lang­zeit-Stars ist die ge­heim­nis­vol­le Au­ra, die ihn um­gibt. Al­so: nicht al­les preis­ge­ben. Ich ha­be auch Ge­heim­nis­se, ich will nicht al­les aus mei­nem ganz pri­va­ten Le­ben er­zäh­len. Und in die­sen Talk­shows be­steht die Ge­fahr, dass im­mer wie­der nach­ge­fasst wird. Aber an­sons­ten bin ich ja als Sch­na­ckel­di­sch­nack-Fre­di mit mei­nen Mei­nun­gen und po­li­ti­schen State­ments gut am Markt ver­tre­ten. Auch mit mei­nen Songs: Ich ha­be schon vor 20 Jah­ren über die „neu­en Na­zi-Schwei­ne“ge­sun­gen.

Vor 20 Jah­ren. Es ist doch be­zeich­nend, dass nach 20 Jah­ren die­se The­men im­mer wie­der ak­tu­ell sind, oder?

Ja, viel­leicht. Aber wir müs­sen auch nicht so hys­te­risch dar­auf re­agie­ren und uns ver­rückt ma­chen las­sen, als wä­re jetzt un­se­re Kul­tur ge­fähr­det. Wir ha­ben hier ei­ne sehr kul­tu­rel­le Viel­falt – und dür­fen die Men­schen in ih­rer Un­si­cher­heit und Des­in­for­ma­ti­on nicht al­lei­nelas­sen. Im Va­ku­um der Unin­for­miert­heit ent­wi­ckeln sich die Tie­fen der Ur-Res­sen­ti­ments ge­gen man­che Men­schen. Zu­rück zur Mu­sik. Jetzt er­scheint schon Ihr zwei­tes „MTV un­plug­ged“-Al­bum. Man­che Künst­ler träu­men bis zum Le­bens­en­de da­von, über­haupt ein Al­bum aus die­ser Rei­he auf­neh­men zu dür­fen.

Ja, Wahn­sinn. Und jetzt sind al­te Per­len als Songs da­bei, die neu ge­sun­gen wer­den. Das hat mich sehr ge­reizt, weil die­se Lie­der es nicht ver­dient ha­ben, in ei­ner Ge­schichts­kis­te vor sich hin zu stau­ben.

Und Sie per­for­men die­se Per­len mit Kol­le­gen wie Mar­te­ria, Andre­as Bou­ra­ni, Gen­tle­man – und so­gar mit Ma­ria Furt­wäng­ler. Wie kam die­ses Du­ett denn zu­stan­de?

Über das Ho­tel hier. Ich ha­be sie ge­trof­fen, als sie mit ih­rer Mut­ter und ih­rer Schwes­ter zu ei­nem Mas­ken­ball ge­hen woll­te. Ma­ria hat­te noch kein Ko­s­tüm. Da ha­be ich ihr ge­ra­ten, ins Udo-Ko­s­tüm zu schlüp­fen: Hut, Ja­cke, Gür­tel, en­ge Ho­se, grü­ne So­cken. Das fand sie geil – und dann ist sie als Udo zur Par­ty ge­gan­gen. In dem Out­fit hat man gleich ei­nen an­de­ren Groo­ve, man schleicht re­gel­recht. Wir sind ins Ge­spräch ge­kom­men, ob wir nicht auch zu­sam­men ei­nen Song auf­neh­men soll­ten. Sie hat­te bis da­hin nur un­ter der Du­sche ge­träl­lert, ich ha­be sie ein biss­chen ge­coacht – und dann ha­ben wir zu­sam­men den Song „Bist du vom KGB?“ge­sun­gen. Geil. Das pass­te. Wir ha­ben ja auch bei­de Hüft­grö­ße 28. Mick Jag­ger üb­ri­gens auch. Frü­her hat­te ich auch schon 38 und sah aus wie ein Wal­ross.

Sie ma­chen mitt­ler­wei­le ja auch viel für Ih­re Ge­sund­heit. Ja. Drei Mo­na­te vor ei­ner Tour bin ich je­de Nacht un­ter­wegs und jog­ge. An­sons­ten ha­be ich mein Ru­der­ge­rät. Ich ma­che auch EMS. Be­kannt?

Nein.

Mus­kel­auf­bau mit Strom. Das macht mich top­fit.

Zwi­schen­durch las­sen Sie es aber auch noch kra­chen, oder? Ja, aber kon­trol­liert. Das konn­te ich frü­her nicht, da war ich der Ex­zes­sor. Da­mals bin ich in die Kn­ei­pe ge­gan­gen und ha­be ge­fragt, was denn noch weg­muss.

Gilt denn beim Song­schrei­ben im­mer noch Ihr Mot­to „Breit ge­schrie­ben, nüch­tern ge­gen­ge­le­sen“?

Ein biss­chen. Ne­ben dem Al­ko­hol gibt es ja noch ein paar an­de­re fern­öst­li­che Net­tig­kei­ten. Ein Schlück­chen Abs­inth geht auch zwi­schen­durch.

Kom­men wir noch mal zum Udo-Out­fit. Hut und grü­ne So­cken sind mitt­ler­wei­le Ihr Mar­ken­zei­chen. Die Wer­be­wirt­schaft wird doch be­stimmt Schlan­ge ste­hen.

Die fra­gen dau­ernd an. Aber das ma­che ich nicht. Die­sen Kom­merz leh­ne ich ab. Au­ßer wenn es um Au­tos geht. Ich bin ja Por­scheMar­ken­bot­schaf­ter.

Bei Por­sche geht Ih­nen das Herz auf ?

Ja. Im Mo­ment ha­be ich ei­nen Hy­brid-Por­sche. Nachts fah­re ich über die Au­to­bahn, da­zu gei­le Mu­sik. Und es geht ab.

Apro­pos gei­le Mu­sik: An was ha­ben Sie ei­gent­lich ge­dacht, als Sie Ih­ren neu­en Song „Wir zie­hen in den Frie­den“ent­wi­ckelt ha­ben?

Das ging über Mo­na­te. Nächs­tes Jahr liegt das le­gen­dä­re Wood­stock-Fes­ti­val 50 Jah­re zu­rück. Lo­ve an pe­ace – das hat­te ich im Kopf. Ge­nau­so John Len­nons „Gi­ve pe­ace a chan­ce“. Mei­ne al­te Hip­pie-Zeit kam wie­der hoch. Bei der Ent­wick­lung des Lie­des ha­be ich für ei­nen Mo­ment ge­dacht, dass es viel­leicht ein biss­chen na­iv ist. Aber dann war mir klar: Es ist ein uto­pi­sches Lied. Wir brau­chen Uto­pi­en, Vi­sio­nen.

Wie stel­len Sie sich Ih­ren mu­si­ka­li­schen Le­bens­abend vor? Mei­nen Le­bens­abend stel­le ich mir gar nicht kon­kret vor. Ich bin Hob­by­ist und Gam­bler und ha­be nichts mehr zu ver­lie­ren. Vie­le gro­ße Auf­ga­ben war­ten noch auf mich, un­ter an­de­rem möch­te ich ger­ne mei­ne Tex­te auf Ro­bert-Schu­mann-Lie­der sin­gen. Jetzt bin ich in der Kür, im Par­ty­be­reich. Ich sag­te ein­gangs ja schon: Ich bin im Club der Hun­dert­jäh­ri­gen. Und wenn ich 100 bin, hat die Me­di­zin schon wie­der ein le­bens­ver­län­gern­des Me­di­ka­ment er­fun­den, dann wird noch ein­mal ver­län­gert. Ich stre­be ei­gent­lich die Uns­terb­lich­keit an.

Las­sen Sie uns ab­schlie­ßend noch ei­ne wich­ti­ge und im­mer wie­der ge­stell­te Fra­ge klä­ren: Wer nu­schelt mehr – Herbert Grö­ne­mey­er oder Sie?

Ich glau­be, Herbert. Mei­ne Wor­te kann man ab­so­lut ein­wand­frei ver­ste­hen. Bei ihm muss man schon ge­nau­er hin­hö­ren.

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Fo­to: Ti­ne Acke

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