Be­hör­de feh­len In­ge­nieu­re für Stra­ßen­bau

Pri­vat­un­ter­neh­men wer­ben Mit­ar­bei­ter mit Prä­mi­en ab / Nach­wuchs er­hält Zu­schuss bei Stu­di­um

Lingener Tagespost - - VORDERSEITE - Von Ju­lia Mausch

LINGEN Der Lan­des­be­hör­de für Stra­ßen­bau und Ver­kehr in Lingen ge­hen die In­ge­nieu­re aus. Zum Jah­res­en­de ha­ben vier der Fach­leu­te die Be­hör­de ver­las­sen. Neu­es Per­so­nal ist schwer zu fin­den. Ei­ni­ge der In­ge­nieu­re sind in die freie Wirt­schaft ge­wech­selt. Dort wer­den Ge­häl­ter ge­zahlt, bei de­nen das Land nicht mit­hal­ten kann. Kon­kur­renz droht laut Be­hör­den­chef Klaus Ha­ber­land aber auch aus den ei­ge­nen rei­hen. Der Bund be­dient sich ei­ner Ge­sell­schaft pri­va­ten Rechts, um die Au­to­bah­nen zu sa­nie­ren. Die Län­der müs­sen da­für Per­so­nal ab­ge­ben, zu­sätz­lich schreibt die Ge­sell­schaft selbst Stel­len aus. Der Ader­lass kommt zu ei­nem un­güns­ti­gen Zeit­punkt. Gera­de erst ist der Lan­des­etat für die Sa­nie­rung von Stra­ßen, Brü­cken und Rad­we­ge in Nie­der­sach­sen um 115 Mil­lio­nen auf­ge­stockt wor­den.

Gera­de ist der Lan­des­etat für die Sa­nie­rung von ma­ro­den Stra­ßen, Brü­cken und Rad­we­ge in Nie­der­sach­sen um 115 Mil­lio­nen auf­ge­stockt wor­den. Von dem Geld pro­fi­tiert auch das Ems­land – doch die zu­stän­di­ge Bau­be­hör­de lei­det der­zeit un­ter In­ge­nieur­man­gel.

LINGEN Klaus Ha­ber­land, Lei­ter der Lan­des­be­hör­de für Stra­ßen­bau und Ver­kehr in Lingen, sitzt am Frei­tag­mor­gen in sei­nem Bü­ro. Vor ihm liegt ei­ne Stel­len­an­zei­ge. Nicht auf­ge­ge­ben von sei­ner Per­so­nal­ab­tei­lung, son­dern von der Stadt Hamm. „Ihr baut den High­way to Hamm“, steht auf ei­nem Bild in Fett­buch­sta­ben. Im Hin­ter­grund ist die Full Me­tal Crui­se, ein Kreuz­fahrt­schiff der Tui-Crui­ses, zu se­hen, das Hea­vy-Me­tal-Fes­ti­vals auf dem Schiff an­bie­tet. Die Stadt­ver­wal­tung rich­tet sich mit der Stel­len­an­zei­ge an Bau­in­ge­nieu­re und ver­spricht je­dem mit ei­ner er­folg­rei­chen Be­wer­bung ei­ne Rei­se die­ser Art.

„So et­was kön­nen wir na­tür­lich nicht bie­ten“, sagt Ha­ber­land. Auf der ei­nen Sei­te fin­det er die An­zei­ge krea­tiv, auf der an­de­ren Sei­te stel­len An­zei­gen die­ser Art ei­ne Art Ge­fahr für ihn und sein Team dar. Vier Mit­ar­bei­ter ha­ben in den ver­gan­ge­nen Wo­chen bei der Stra­ßen­bau­be­hör­de ge­kün­digt. Al­le­samt In­ge­nieu­re, und sie al­le ge­hör­ten dem Sach­ge­biet Stra­ßen­er­hal­tung an, das nun nur noch aus vier Mit­ar­bei­tern be­steht.

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Wäh­rend ei­ni­ge zu an­de­ren Be­hör­den ge­wech­selt sind, ar­bei­ten an­de­re in der frei­en Wirt­schaft. „In­ge­nieu­re wer­den der­zeit hän­de­rin­gend ge­sucht“, weiß Ha­ber­land. Dass dann pri­va­te Un­ter­neh­men Mit­ar­bei­ter mit Prä­mi­en ab­wer­ben oder Rei­sen mit Kreuz­fahrt­schif­fen ver­schen­ken, für den Be­hör­den­lei­ter nicht ver­wun­der­lich.

Der Stra­ßen­bau­be­hör­de sind in die­ser Hin­sicht die Hän­de ge­bun­den, sagt Karl­Heinz Welt­ring, Lei­ter der Per­so­nal­ab­tei­lung. Hier gel­ten Ta­rif­ver­trä­ge, die we­nig Spiel­raum nach oben las­sen. „Im kom­men­den Jahr sind Ta­rif­ver­hand­lun­gen, da muss fi­nan­zi­ell was kom­men“, sagt Ha­ber­land. Hin­zu kommt, dass im Mai 2017 be­schlos­sen wur­de, dass sich der Bund ei­ner Ge­sell­schaft pri­va­ten Rechts – der In­fra­struk­tur­ge­sell­schaft für Au­to­bah­nen und an­de­re Bun­des­fern­stra­ßen (IGA) – be­die­nen wird, um die Bun­des­au­to­bah­nen zu sa­nie­ren. Die Län­der müs­sen da­für Per­so­nal ab­ge­ben, zu­sätz­lich schreibt die Ge­sell­schaft IGA selbst Stel­len aus. Die Be­zah­lung kommt aus ei­nem ei­ge­nen Ta­rif­ver­trag. Es herrscht al­so Kon­kur­renz aus den ei­ge­nen Rei­hen.

Doch auf­ge­ben wol­len Ha­ber­land und Welt­ring nicht. Sie wis­sen, was die Stra­ßen­bau­be­hör­de von der frei­en Wirt­schaft un­ter­schei­det. Nach­dem die vier In­ge­nieu­re ge­kün­digt hat­ten, wur­den Et­wa 40 Schü­ler En­de ver­gan­ge­nen Jah­res in Zei­tun­gen und auf an­de­ren Platt­for­men Stel­len­an­zei­gen ge­schal­tet. Es wur­de mit Ho­me­of­fice-Ar­beit, Orts­nä­he und Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Be­ruf ge­wor­ben. Laut Welt­ring müss­ten In­ge­nieu­re in der frei­en Wirt­schaft oft­mals wei­te We­ge zu Bau­stel­len in Kauf neh­men, dies sei hier im Ems­land nicht der Fall. Die An­zei­gen zei­gen Er­folg. Der­zeit lau­fen Vor­stel­lungs­ge­sprä­che.

Dass auf­grund von Per­so­nal­knapp­heit die Bau­ar­bei­ten in der Re­gi­on nicht plan­mä­ßig er­le­digt wer­den kön­nen, ver­neint der Be­hör­den­lei­ter. „Wir stel­len kei­ne Maß­nah­men öf­fent­lich vor, die wir dann nicht ab­ar­bei­ten kön­nen.“

Die Ar­beit wer­de ver­teilt wer­den, Per­so­nal aus an­de­ren Ab­tei­lun­gen müs­se un­ter­stüt­zen, um Lü­cken zu fül­len. Der­zeit sind im Ge­schäfts­be­reich Lingen 65 Mit­ar­bei­ter im In­nen­dienst, 13 Be­am­te im In­nen- und fünf Be­am­te im Au­ßen­dienst be­schäf­tigt. Hin­zu kom­men 92 Bun­des- und Lan­des­wär­ter, neun Aus­zu­bil­den­de und 19 Kreis­wär­ter. Un­ter den 203 Mit­ar­bei­tern sind rund 35 In­ge­nieu­re. All­ge­mein sind 83 Pro­zent Män­ner und 17 Pro­zent Frau­en be­schäf­tigt.

Stu­den­ten bin­den

Al­ter­na­tiv müss­te mehr Geld für ex­ter­ne In­ge­nieur­bü­ros aus­ge­ge­ben wer­den, die dann eben­falls un­ter­stüt­zen. Dass das nicht die op­ti­ma­le Lö­sung ist, wis­sen Ha­ber­land und Welt­ring. Mit ei­nem fi­nan­zi­el­len Zu­schuss Mit­ar­bei­ter zu bin­den, ist für sie nicht neu.

Seit zwei Jah­ren wer­den Stu­den­ten, die die­se Fach­rich­tung stu­die­ren, mit mo­nat­lich 900 Eu­ro un­ter­stützt. Vor­aus­set­zung: Sie wil­li­gen ein, nach dem Ab­schluss min­des­tens fünf Jah­re bei der Lan­des­be­hör­de zu ar­bei­ten. Zu­sätz­lich sind In­fo­ver­an­stal­tun­gen ge­plant, um die Vor­zü­ge die­ses Be­ru­fes, der laut Ha­ber­land vie­le Jah­re „ver­pönt“war, her­vor­zu­he­ben. Not­wen­dig, sagt Welt­ring. „Zwar sind die Stu­den­ten­zah­len an­ge­stie­gen, die Stu­di­en­an­fän­ger de­cken den Be­darf aber bei Wei­tem nicht.“

Fo­to: Ju­lia Mausch

muss der­zeit die nie­der­säch­si­sche Stra­ßen­bau­be­hör­de in Lingen ver­kraf­ten.

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