Pres­se­frei­heit in Deutsch­land in Ge­fahr?

ANA­LY­SE Ge­plan­tes Ge­schäfts­ge­heim­nis­ge­setz sorgt für Kri­tik / Bun­des­tag be­rät

Lingener Tagespost - - POLITIK - Von Ma­ri­on Trim­born

OS­NA­BRÜCK Wann ist in Deutsch­land Whist­leb­lo­wing er­laubt? Die­se Fra­ge soll künf­tig ein neu­es Ge­setz be­ant­wor­ten. Es klärt, wann die Wei­ter­ga­be ge­hei­mer In­for­ma­tio­nen durch Hin­weis­ge­ber recht­mä­ßig ist. Der Bun­des­tag be­rät in die­ser Wo­che über das The­ma. Schon seit Mo­na­ten ha­gelt es Kri­tik an dem Ent­wurf. Jour­na­lis­ten fürch­ten um in­ves­ti­ga­ti­ve Re­cher­chen, Ge­werk­schaf­ten um­Mit­be­stim­mungs­rech­tein Fir­men. Hier ein Über­blick über den Stand der De­bat­te:

Was ist ein Whist­leb­lo­wer? Dar­un­ter ver­steht man Mit­ar­bei­ter, die Miss­stän­de oder Fehl­ver­hal­ten in Un­ter­neh­men oder Be­hör­den of­fen­le­gen. Der be­kann­tes­te Fall ist der ehe­ma­li­ge US-ame­ri­ka­ni­sche Ge­heim­dienst­mit­ar­bei­ter Ed­ward Snow­den. Er ent­hüll­te 2013 das welt­wei­te Aus­maß an Über­wa­chung und Spio­na­ge durch die US-Ge­heim­diens­te. In den USA droht ihm da­für Haft. Auch in Deutsch­land gibt es kei­nen sys­te­ma­ti­schen Schutz für Hin­weis­ge­ber, das Recht kennt punk­tu­ell Aus­nah­men.

War­um ist das neue Ge­setz nö­tig? Das „Ge­setz zum Schutz von Ge­schäfts­ge­heim­nis­sen“setzt ei­ne EU-Richt­li­nie um. Das Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um, das den Ent­wurf er­ar­bei­te­te, sagt: Ge­schäfts­ge­heim­nis­se wer­den ge­schützt – aber genau­so auch Hin­weis­ge­ber, weil das Ge­setz Aus­nah­men für Whist­leb­lo­wer ent­hält. Das ist strit­tig.

Wann ist die Preis­ga­be von Ge­heim­nis­sen dann er­laubt? Wenn der Hin­weis­ge­ber in der Ab­sicht han­delt, das all­ge­mei­ne öf­fent­li­che In­ter­es­se zu schüt­zen. Oder wenn Jour­na­lis­ten das Recht der frei­en Mei­nungs­äu­ße­rung aus­üben. Das Pro­blem: Das Ge­setz nennt die­se Aus­nah­men nur als „Recht­fer­ti­gungs­grund“.

Was be­deu­tet das für die Pres­se? Es ist zu be­fürch­ten, dass Jour­na­lis­ten sich we­gen der Ver­öf­fent­li­chung von Ge- schäfts­ge­heim­nis­sen erst ein­mal straf­bar ma­chen und sich hin­ter­her – vor Ge­richt – recht­fer­ti­gen müs­sen. Ih­nen könn­ten bald ei­ne Ge­fäng­nis­stra­fe oder Geld­bu­ßen bis zu 100 000 Eu­ro dro­hen – et­wa für ver­deck­te Re­cher­chen oder heim­li­che Dreh­ar­bei­ten. Al­lein der Ab­schre­ckungs­ef­fekt trä­fe klei­ne Ver­la­ge und freie Re­por­ter.

Was for­dern Me­di­en­ver­tre­ter? Ei­ne grund­sätz­li­che Aus­nah­me für die Pres­se – die es üb­ri­gens auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne gibt. Der Vor­sit­zen­de des Deut­schen Jour­na­lis­ten­ver­bands (DJV), Frank Übe­r­all, sag­te un­se­rer Re­dak­ti­on: „Die jour­na­lis­ti­sche Ar­beit muss durch die Ge­set­zes­re­form un­be­rührt blei­ben.“Me­di­en dürf­ten zu­dem kei­nes­falls ge­zwun­gen wer­den, ih­re Hin­weis­ge­ber zu nen­nen: „Der In­for­man­ten­schutz ist ein un­ver­zicht­ba­res Ar­beits­prin­zip für Jour­na­lis­ten.“

Was ver­langt die Op­po­si­ti­on ? Die Grü­nen ha­ben dem Bun­des­tag ei­nen An­trag vor­ge­legt, wo­nach der Be­griff „Ge­schäfts­ge­heim­nis“kon­kre­ter de­fi­niert wird. Das Ge­setz soll­te klar­stel­len, dass der In­ha­ber ein be­rech­tig­tes In­ter­es­se an der Ge­heim­hal­tung ha­ben müs­se. Au­ßer­dem sei­en Aus­nah­men für Jour­na­lis­ten, Hin­weis­ge­ber und Ar­beit­neh­mer so­wie ih­re In­ter­es­sen­ver­tre­ter nö­tig. Denn sonst könn­te ei­ne Fir­ma be­stim­men, was Ge­schäfts­ge­heim­nis ist – et­wa Plä­ne zum Per­so­nal­ab­bau.

Hat der Ge­set­zes­ent­wurf über­haupt ei­ne Mehr­heit? Oh­ne Än­de­run­gen wohl nicht. Der Be­richt­er­stat­ter im Bun­des­tag, Ing­mar Jung (CDU), sag­te un­se­rer Re­dak­ti­on: „In der jet­zi­gen Fas­sung kann die CDU/CSU-Bun­des­tags­frak­ti­on dem Ge­setz nicht zu­stim­men.“Al­le Par­tei­en sä­hen Nach­bes­se­rungs­be­darf am Re­gie­rungs­ent­wurf. Weil Deutsch­land bei der Um­set­zung der EU-Richt­li­nie aber zu spät dran ist, herrscht Zeit­druck. Noch im Fe­bru­ar will der Bun­des­tag das (über­ar­bei­te­te) Ge­setz be­schlie­ßen.

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