Quo va­dis, Nah­les?

Mit ei­nem dras­ti­schen Links­schwenk ver­sucht die SPD-Che­fin sich selbst und ih­re Par­tei zu ret­ten

Lingener Tagespost - - EINBLICKE - Von Ge­org Is­mar

Ist es nur Kal­kül vor Wah­len oder ein dau­er­haf­ter Ruck der SPD nach links? Mit ih­rem Ide­en-Feu­er­werk für mehr So­zi­al­staat und Re­for­men für die neue Ar­beits­welt wagt die SPDSpit­ze ei­nen Be­frei­ungs­schlag. Es ist viel­leicht Andrea Nah­les’ letz­te Chan­ce. BERLIN Das Lied mach­te vor hun­dert Jah­ren in der Wei­ma­rer Re­pu­blik Kar­rie­re, als die SPD Mo­tor gro­ßer Ve­rän­de­run­gen wur­de. Bis heu­te wird es auf je­dem SPD-Par­tei­tag am En­de an­ge­stimmt, als Si­gnal, dass man Ve­rän­de­run­gen nur ge­mein­sam er­kämp­fen kann: „Wann wir schrei­ten Seit an Seit [. . .] füh­len wir, es muss ge­lin­gen: Mit uns zieht die neue Zeit.“

Die neue Zeit zieht bis­her nicht so mit der SPD, und auch mit dem Schrei­ten Seit an Seit klappt es an­no 2019 nur be­dingt. Den­noch kom­men die Mit­glie­der des Vor­stands ges­tern recht fro­hen Mu­tes zur Klau­sur in das Wil­ly-Brandt-Haus, um die Wei­chen zu stel­len für ein enorm wich­ti­ges Jahr. Und um ei­ne Er­neue­rung, den Schwenk nach links, zu be­schlie­ßen. SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tär Lars Kling­beil sagt, ein Jahr lang ha­be man in die Par­tei hin­ein­ge­horcht, rund 10 000 Vor­schlä­ge und Ide­en aus­ge­wer­tet. „Wir schau­en nach vorn“, be­tont er. Er­freut wer­den Bes­se­run­gen bei den Um­fra­gen re­gis­triert, doch über im­mer noch ka­ta­stro­pha­le 17 Pro­zent kommt man bis­her nicht hin­aus.

Aber wer soll all die Mil­li­ar­den­plä­ne für ei­ne bes­se­re Ab­si­che­rung von Ar­beits­lo­sen, Rent­nern und Kin­dern be­zah­len? Und scha­det es nicht der Glaub­wür­dig­keit, wenn das meis­te nicht um­ge­setzt wer­den kann in der Gro­ßen Ko­ali­ti­on? „Es darf kei­nen ideo­lo­gi­schen Links­ruck der Re­gie­rung ge­ben“, sagt CSU-Chef Mar­kus Sö­der. Und CDU-Vi­ze Vol­ker Bouf­fier meint: „Die SPD plant die Be­er­di­gung der so­zia­len Markt­wirt­schaft.“

Der Ost­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung, Chris­ti­an Hir­te (CDU), hat mit sei­ner Kri­tik an der So­zi­al­po­li­tik der SPD gar ei­nen Ko­ali­ti­ons­streit her­auf­be­schwo­ren. SPD-Vi­ze Ma­nue­la Schwe­sig warf Hir­te Amts­miss­brauch vor. Hir­te hat­te den So­zi­al­de­mo­kra­ten we­gen ih­rer ak­tu­el­len So­zi­al­staats­kon­zep­te „Lar­mo­yanz“be­schei­nigt, mit der sie nur „das fal­sche Image des Jam­me­ros­sis“be­stä­ti­gen wür­den. „Die SPD hat den fal­schen An­satz für die Ent­wick­lung in den neu­en Län­dern“, sag­te Hir­te der „Thü­rin­ger All­ge­mei­nen“. „Es hilft nicht, nur her­um­zu­jam­mern, dass

die Ost­deut­schen zu kurz ge­kom­men sind und des­halb mehr Geld ver­teilt wer­den muss.“

Die SPD schlägt in ih­rem 17sei­ti­gen Kon­zept mit dem Ti­tel „Ein neu­er So­zi­al­staat für ei­ne neue Zeit“sehr viel vor: Ein Min­dest­lohn von zwölf Eu­ro, ein „Bür­ger­geld“statt Hartz IV. Es ist auch der Ver­such, die „al­te Zeit“hin­ter sich zu las­sen, durch Kor­rek­tu­ren Frie­den zu ma­chen mit dem Trau­ma der Agen­da2010-Re­form von Ger­hard Schrö­der. Al­ler­dings war­nen wirt­schafts­li­be­ra­le Ge­nos­sen da­vor, zu sehr al­les wie­der zu­rück­zu­dre­hen. Denn die SPD könn­te in der Mit­te mehr Wäh­ler ver­lie­ren als links ge­win­nen.

Um lang­jäh­ri­ge Ein­zah­ler vor plötz­li­cher Al­ters­ar­mut zu schüt­zen, soll Ar­beits­lo­sen, die 58 Jah­re alt oder äl­ter sind, min­des­tens 33 Mo­na­te

lang das hö­he­re Ar­beits­lo­sen­geld I ge­zahlt wer­den, be­vor es auf Hartz-IV-Ni­veau (424 Eu­ro Re­gel­satz im Mo­nat) her­un­ter­geht. Die Sank­tio­nen bei un­ter 25-Jäh­ri­gen sol­len so ge­min­dert wer­den, dass sie nicht mehr durch Leis­tungs­kür­zun­gen oh­ne Woh­nung da­ste­hen.

Zu­dem will die SPD das ein­zel­ne Be­an­tra­gen und Leis­tungs­ver­rech­nen et­wa bei Kin­der­geld, Kin­der­frei­be­trä­gen und Hartz-IV-Zah­lun­gen be­en­den, und ei­ne un­bü­ro­kra­ti­sche­re Kin­der­grund­si­che­rung aus ei­ner Hand an­bie­ten, die vor al­lem die Kin­der­ar­mut min­dern soll. Das „Recht auf Ar­beit“will man stär­ken durch mehr Qua­li­fi­zie­rungs­an­ge­bo­te. Um der Di­gi­ta­li­sie­rung bes­ser Rech­nung zu tra­gen, sol­len fle­xi­ble Ar­beits­mo­del­le ge­stärkt wer­den, die auch mehr Zeit fürs Kind las­sen: durch das Recht auf „Ho­me­of­fice“, das Ar­bei­ten von zu Hau­se – bis­her sei das erst für zwölf Pro­zent der Be­schäf­tig­ten mög­lich, kri­ti­sie­ren So­zi­al­de­mo­kra­ten.

Al­ler­dings fällt auf, dass aus­ge­rech­net jetzt ein Pa­pier nach dem nächs­ten vor­ge­legt wird, als Zei­chen der „Er­neue­rung“: Erst ei­nes zu Ver­bes­se­run­gen für die Men­schen im Os­ten (An­glei­chung Ren­ten und Löh­ne), nun für ei­ne teil­wei­se Ab­kehr von bis­he­ri­gen Hartz-IV-Re­ge­lun­gen. Da­zu noch ei­ne Ren­ten­auf­sto­ckung um bis zu 447 Eu­ro im Mo­nat für Bür­ger, die we­nig ver­dient, aber 35 Jah­re lang Bei­trä­ge ge­zahlt ha­ben. Die Uni­on lehnt wei­te­re Mil­li­ar­den im So­zi­al­be­reich bis­her ab, zu­mal die Kon­junk­tur schwä­chelt und Geld eher für Kon­junk­tur­pa­ke­te ge­braucht wer­den könn­te.

Am 26. Mai ste­hen die Eu­ro­pa­wahl und die Wahl in Bre­men an, wo die SPD erst­mals das Rat­haus ver­lie­ren könn­te. Dann fol­gen noch im Sep­tem­ber und Ok­to­ber Wah­len in Sach­sen, Bran­den­burg und Thü­rin­gen, wo wei­te­re De­ba­kel dro­hen. SPD-Che­fin Andrea Nah­les wird nun auch dar­an ge­mes­sen wer­den, was von dem Feu­er­werk an Vor­schlä­gen über­haupt um­setz­bar sein wird oder ob es nur Blau­pau­sen für ei­ne fer­ne Zeit sind. Denn das Kanz­ler­amt er­scheint der­zeit weit weg.

Es ist die viel­leicht letz­te Chan­ce für Nah­les, ei­ne Wen­de zu er­rei­chen. Füh­ren­de Ge­nos­sen schimp­fen auf die Me­di­en, auf Ex-Kanz­ler Ger­hard Schrö­der und ExPar­tei­chef Sig­mar Ga­b­ri­el, die zur Treib­jagd auf Nah­les bla­sen wür­den. Aber auch in den Wahl­krei­sen und der Bun­des­tags­frak­ti­on ist im­mer wie­der zu hö­ren: Mit Nah­les ge­he es de­fi­ni­tiv nicht wei­ter, der Nie­der­gang sei mit ihr nicht zu stop­pen.

Nah­les könn­te das neue So­zi­al-Kon­zep­tLuft­ver­schaf­fen. Aber ge­hen die Wah­len schlecht aus, dürf­ten Per­so­nal­fra­gen wie­der al­les über­la­gern. Es sind schwie­ri­ge Zei­ten. Die ers­te De­mo­kra­tie in Deutsch­land hät­te es vor hun­dert Jah­ren oh­ne die So­zi­al­de­mo­kra­ten nicht ge­ge­ben, nun, wo die zwei­te De­mo­kra­tie un­ter Druck ist, droht die SPD in der Be­deu­tungs­lo­sig­keit zu ver­schwin­den.

Und so be­sinnt man sich auf die lin­ken Wur­zeln. Und re­gis­triert den Mi­ni-Auf­schwung in Um­fra­gen. Nah­les ver­weist auf 61 Pro­zent Zu­stim­mung zu dem Kon­zept ei­ner Grund­ren­te für Ge­ring­ver­die­ner. Doch ei­ne Mehr­heit stand auch schon frü­her hin­ter So­zi­al­plä­nen der SPD, ge­hol­fen hat es kaum. Im­mer­hin kann in die­sen Ta­gen kei­ner mehr sa­gen, die Gro­ße Ko­ali­ti­on sei ein gro­ßer Klum­pen, Uni­on und SPD lie­ßen sich nicht mehr un­ter­schei­den.

Foto: dpa/Swen Pförtner

Es scheint, als be­fra­ge die SPD-Vor­sit­zen­de Andrea Nah­les ihr Spie­gel­bild über ih­re Zu­kunft in der Par­tei.

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