Der mo­der­ne Iran: Jung, ge­bil­det, weib­lich

Lingener Tagespost - - HINTERGRUND -

Die In­nen­ar­chi­tek­tin Sa­ba war vor zwei Jah­ren aus New York in den Iran zu­rück­ge­kehrt, um in ih­rer Hei­mat­stadt Te­he­ran ei­ne Kunst­ga­le­rie zu re­no­vie­ren. In­ner­halb we­ni­ger Mo­na­te hat­te sie ih­re ei­ge­ne Fir­ma ge­grün­det. „Ich hat­te im­mer ge­träumt, ei­ne Fir­ma zu grün­den, doch hat­te ich nicht da­mit ge­rech­net, dass es so schnell klappt“, sagt die 27Jäh­ri­ge.

Vier Jahr­zehn­te nach der is­la­mi­schen Re­vo­lu­ti­on hat sich im Iran die recht­li­che La­ge für Frau­en kaum ge­än­dert, doch den ge­sell­schaft­li­chen Wan­del ha­ben die re­strik­ti­ven Ge­set­ze nicht auf­hal­ten kön­nen. An­ge­sichts ei­ner über­wie­gend jun­gen und zu­neh­mend ge­bil­de­ten Be­völ­ke­rung hat der Staat in vie­len Be­rei­chen auf­ge­ge­ben, die Re­geln kon­se­quent durch­zu­set­zen. „Frü­her konn­test du nicht mal mit ei­nem Freund ins Au­to stei­gen“, sagt ei­ne Jour­na­lis­tin in Te­he­ran. „Wir hat­ten schreckliche Angst, kon­trol­liert zu wer­den“, doch „heu­te denkt nie­mand zwei­mal dar­über nach“, sagt sie. Denn un­ter Prä­si­dent Has­san Ru­ha­ni ist die einst ge­fürch­te­te Moral­po­li­zei weit­ge­hend von den Stra­ßen ver­schwun­den. Zwar sind Frau­en wei­ter­hin ver­pflich­tet, Kopf­tuch, Man­tel und lan­ge Ho­sen zu tra­gen. Doch in vie­len Städ­ten tra­gen Frau­en längst nur noch ein lo­cker über den Hin­ter­kopf ge­streif­tes Tuch zu tail­lier­tem Man­tel und Je­ans. Und auch wenn Frau­en bei Schei­dung, Erb­schaft und vor Ge­richt noch im­mer recht­lich be­nach­tei­ligt sind, sind sie längst in den meis­ten Be­rei­chen der Ge­sell­schaft prä­sent. Schon lan­ge stu­die­ren mehr Frau­en als Män­ner. „Zur Uni­ver­si­tät zu ge­hen ist ein Aus­weg für Mäd­chen wie uns, die nicht wie un­se­re Müt­ter in ei­ner tra­di­tio­nel­len Ge­sell­schaft en­den woll­ten“, sagt die 25-jäh­ri­ge Lin­gu­is­tik­stu­den­tin Mi­na. Der hö­he­re Bil­dungs­stand hat die Er­war­tun­gen der Frau­en ans Le­ben ver­än­dert. Den Staat bringt dies ins Di­lem­ma, weil die Ju­gend die stren­gen Moral­re­geln im­mer we­ni­ger ak­zep­tiert, der Staat sie aber auch nicht fal­len las­sen kann, oh­ne sei­ne is­la­mi­sche Iden­ti­tät auf­zu­ge­ben. Die Re­gie­rung greift da­her nur ein, wenn die Ju­gend die Re­geln of­fen in­fra­ge stellt. So nahm die Po­li­zei ver­gan­ge­nes Jahr meh­re­re Frau­en fest, die öf­fent­lich ge­gen das Kopf­tuch pro­tes­tiert hat­ten. So sehr sich die ira­ni­sche Ge­sell­schaft ver­än­dert hat, so bleibt sie doch im Kern kon­ser­va­tiv.

Foto: dpa

Op­po­si­ti­on: Ira­ne­rin­nen bei den „grü­nen“Pro­tes­ten 2009.

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