„Nie­mand hat uns ernst ge­nom­men“

Ein tra­gi­scher Un­fall­tod wird zum Po­li­ti­kum: War Po­li­zist am Steu­er al­ko­ho­li­siert? / Vor­wurf der Ver­tu­schung

Lingener Tagespost - - WELTSPIEGEL - Von Peter Gärtner

BERLIN Ei­gent­lich schien es ein nor­ma­ler Ver­kehrs­un­fall zu sein. Gut ein Jahr ist es her, dass ein Ein­satz­fahr­zeug der Po­li­zei mit 90 St­un­den­ki­lo­me­tern in ei­nen ge­ra­de ein­par­ken­den Klein­wa­gen ras­te. Die 21-jäh­ri­ge Fah­re­rin Fa­bi­en M. starb, die bei­den Po­li­zis­ten wur­den ver­letzt. Seit der ver­gan­ge­nen Wo­che ist der Un­fall­tod der jun­gen Frau zu ei­nem bri­san­ten Po­li­ti­kum ge­wor­den. Denn zu­min­dest der Po­li­zist am Steu­er war al­ko­ho­li­siert. Die Er­mitt­lun­gen ge­gen ihn we­gen fahr­läs­si­ger Tö­tung stan­den kurz vor dem Ab­schluss – bis ein an­ony­mer Hin­weis die Wen­de brach­te.

Seit­dem kom­men täg­lich mehr Un­ge­reimt­hei­ten hin­zu. So un­ter­blieb bei den Be­am­ten ei­ne Blut­ent­nah­me am Un­fall­ort. Die Pa­ti­en­ten­ak­te des Fah­rers wie­der­um, aus der ein Al­ko­hol­wert von 1,0 Pro­mil­le im Blut her­vor­geht, wur­de von der Staats­an­walt­schaft nie zur Ein­sicht an­ge­for­dert; erst jetzt wird sie aus­ge­wer­tet.

Völ­lig un­klar ist wei­ter­hin, war­um we­der Bei­fah­rer noch Vor­ge­setz­te ge­gen den Al­ko­hol­miss­brauch ein­ge­schrit­ten sind. Denn da sich die töd­li­che Blau­licht-Fahrt zur Mit­tags­zeit (13.22 Uhr) er­eig­ne­te, muss der Fah­rer ent­we- in den Fall der wäh­rend des Di­ens­tes ge­trun­ken oder be­reits al­ko­ho­li­siert sei­ne Ar­beit be­gon­nen ha­ben.

„Mein Kör­per hat völ­lig vi­briert“, be­rich­te­te die Mut­ter der ge­tö­te­ten Fa­bi­en M. dem „Ta­ges­spie­gel“, als sie vor we­ni­gen Ta­gen von der Al­ko­hol­fahrt der Po­li­zei­be­am­ten er­fuhr. Ein Po­li­zist soll vor ei­nem Jahr be­trun­ken ei­nen fa­ta­len Blau­lich­tEin­satz ge­fah­ren ha­ben – bei sei­nem Un­fall starb ei­ne jun­ge Frau. Die El­tern hat­ten stets ver­mu­tet, dass bei dem Un­fall ir­gend­et­was ver­tuscht wer­den soll­te. „Nie­mand hat uns ernst ge­nom­men, und statt­des­sen wur­de der Na­me un­se­rer Toch­ter in den Dreck ge­zo­gen.“

Un­mit­tel­bar nach dem Un­fall auf der Gru­n­er­stra­ße na­he dem Alex­an­der­platz wur­den gar Vor­wür­fe ge­gen Fa­bi­en M. laut, sie ha­be die Po­li­zei­ar­beit be­hin­dert. Heu­te spricht der An­walt der Fa­mi­lie von „un­halt­ba­ren Vor­gän­gen“und ei­nem „Jus­tiz­skan­dal“. Er warf Staats­an­walt­schaft und Po­li­zei­füh­rung vor, Ver­hal­tens­re­geln ver­letzt und die Sach­la­ge in der Öf­fent­lich­keit falsch dar­ge­stellt zu ha­ben.

Die Er­mitt­lun­gen zum Un­fall­tod sol­len jetzt im Ber­li­ner Ab­ge­ord­ne­ten­haus be­glei­tet wer­den. „Es darf nicht der An­schein er­weckt wer­den, ge­gen Po­li­zis­ten als Tat­ver­däch­ti­ge wer­de nach­läs­sig er­mit­telt und erst nach an­ony­men Hin­wei­sen die er­for­der­li­chen Schrit­te ein­ge­lei­tet“, er­klär­te der In­nen­ex­per­te Be­ne­dikt Lux (Grü­ne). Auch der CDUFrak­ti­ons­chef Bur­kard Dreg­ger ver­lang­te „ab­so­lu­te Trans­pa­renz“, da­mit auf­ge­klärt wer­den kön­ne, „was schief­ge­lau­fen ist“.

Ber­lins Po­li­zei­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Slo­wik, zum Zeit­punkt des töd­li­chen Un­falls noch nicht im Amt, zeig­te sich be­trof­fen. „Ich si­che­re der Fa­mi­lie zu, dass ich mit vol­lem Nach­druck und rück­halt­los al­les zur Auf­klä­rung Er­for­der­li­che bei­tra­gen wer­de.“Der Füh­rer des Po­li­zei­wa­gens ist laut Me­dien­be­rich­ten der­zeit aus bis­lang un­be­kann­ten Grün­den nicht im Di­enst.

Foto: dpa

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