Ekel und Ent­set­zen

Fa­tih Akin po­la­ri­siert auf der Ber­li­na­le mit „Der Gol­de­ne Hand­schuh“/ Schwer er­träg­lich

Lingener Tagespost - - KULTUR - Von Da­ni­el Be­ne­dict

Fa­tih Akin por­trä­tiert den Se­ri­en­mör­der Fritz Hon­ka – und prä­sen­tiert auf der Ber­li­na­le da­mit ei­nen ex­tre­men Ge­walt­film: „Der Gol­de­ne Hand­schuh“. BERLIN Ob­wohl die ers­te Pres­se­vor­stel­lung von Fa­tih Akins „Der Gol­de­ne Hand­schuh“erst kurz vor Mit­ter­nacht en­det, blei­ben die Kol­le­gen noch lan­ge vorm Kino ste­hen. Der Film ist ei­ner der Auf­re­ger, nach dem al­le so­fort ih­re Em­pö­rung los­wer­den wol­len: „War­um ver­filmt man so ei­nen Stoff ? Wel­ches Pu­bli­kum soll für so was Geld be­zah­len?“An­ge­sichts des mas­si­ven Ekels, den der Film auf je­den Fall aus­löst, muss man Akins Leis­tung jetzt um­so deut­li­cher ver­tei­di­gen.

Es stimmt: Schon die Er­öff­nungs­se­quenz ist kaum aus­zu­hal­ten. Der Se­ri­en­mör­der Fritz Hon­ka ver­sucht, ei­ne To­te in ei­nen Müll­sack zu stop­fen, schei­tert, stürzt ein Was­ser­glas Korn her­un­ter und setzt die Sä­ge an. Als er sein Op­fer ent­haup­tet, wird der Kopf zwar gnä­dig von ei­nem Tür­vor­sprung ver­deckt. Die Ton­spur ist da­für um­so gräss­li­cher. Weil die Ent­sor­gung der ers­ten Lei­che Schwie­rig­kei­ten be­rei­tet, geht Hon­ka da­zu über, Tor­si, Köp­fe und Glied­ma­ßen spä­te­rer Op­fer ein­fach in der Ab­sei­te ver­rot­ten zu las­sen. Wes­halb sich al­le Frau­en, die er in sei­ner Man­sar­de noch er­mor­den wird, vor ih­rem Tod über den Gestank be­schwe­ren.

Dass al­le die Woh­nung trotz­dem be­tre­ten, von nichts ge­lockt als der Hoff­nung auf Hon­kas Ol­des­lo­er Korn, ist das Ent­setz­lichs­te an die­sem Film. Das St. Pau­li der 70er-Jah­re, in dem al­le wie Zom­bies durch Ni­ko­tin­schwa­den und Schnaps­de­li­ri­en tau­meln, ist ei­ne Vor­höl­le. Je­der Blick zeugt von ei­ner tief emp­fun­de­nen Wert­lo­sig­keit des Le­bens. Hon­ka ist die bil­li­ge Ver­füg­bar­keit von Men­schen so selbst­ver­ständ­lich, dass er sich von ei­ner sei­ner Frau­en so­gar das Ver­fü­gungs­recht an ih­rer er­wach­se­nen Toch­ter über­schrei­ben lässt – und den Ver­trag für bin­dend hält.

Se­ri­en­kil­ler-Fil­me nei­gen mit­un­ter da­zu, den Mör­der als Mons­ter zu schil­dern, als gro­ße Ab­wei­chung von der Nor­ma­li­tät. Hon­ka da­ge­gen, so schau­rig ihn die ka­put­ten Zäh­ne, sein Schie­len und die Ha­sen­schar­te er­schei­nen las­sen, ist ganz und gar Teil sei­ner Welt. Die Schau­plät­ze se­hen schon vor den Mor­den wie Tat­or­te aus, die Kör­per der Men­schen sind Jah­re vor ih­rem Tod schon zer­stört. Hon­kas Ta­ten voll­enden ei­ne längst voll­zo­ge­ne Ent­wür­di­gung; und die dras­ti­schen Bil­der, in de­nen Akin sie im­mer wie­der zeigt, sind kaum schwe­rer zu er­tra­gen als der ganz nor­ma­le All­tag in sei­ner Woh­nung.

Ein biss­chen wir­ken Akins Sets wie die end­zeit­li­chen Ob­dach­lo­sen-Por­träts des Fo­to­gra­fen Boris Mik­hail­ov. Die fa­ta­lis­ti­sche Stim­mung kon­ter­ka­riert hier al­ler­dings ein bö­ser Hu­mor: Der Haupt­dar­stel­ler Jo­nas Dass­ler über­treibt Hon­ka bis kurz hin zum Gro­tes­ken; Akin setzt poin­tie­ren­de Schnit­te, legt sehn­süch­ti­ge Schla­ger auf die grau­sa­men Bil­der, ze­le­briert den Wort­witz der Säu­fer und lacht über die Ar­g­lo­sig­keit, mit der zwei Schü­ler durch die­se Apo­ka­lyp­se schlaf­wan­deln. Man könn­te das für zy­nisch hal­ten, aber mit ei­ner schö­nen Ges­te hebt Akin al­le Fi­gu­ren wie­der aus dem Elend her­aus: Im­mer wie­der zeigt er ih­re Ge­sich­ter wie ein Por­trät­fo­to­graf in sta­ti­schen Ein­stel­lun­gen. Als wä­ren sie vom Weg ab­ge­kom­me­ne Ver­wand­te, an die wir uns trotz­dem freund­lich er­in­nern sol­len.

Akins Film ge­fällt ganz si­cher nicht je­dem. Aber nie­mand wird die enor­me Wir­kung be­strei­ten, mit der er der Ber­li­na­le die Harm­lo­sig­keit des Er­öff­nungs­films ein für al­le Mal für be­en­det er­klärt.

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Foto: Warner/Bom­be­ro/Boris Laewen

Jo­nas Dass­ler als Fritz Hon­ka lockt in Fa­tih Akins Ber­li­na­le-Bei­trag „Der Gol­de­ne Hand­schuh“ver­wahr­los­te Frau­en mit Schnaps in sei­ne Woh­nung.

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