An­ge­klag­te liegt im Ge­richt auf dem Bo­den

Über­ra­schen­der Aus­gang des Pro­zes­ses ge­gen Roll­stuhl­fah­re­rin

Lingener Tagespost - - LOKALES - Von Wil­fried Rog­gen­dorf

LIN­GEN Die Atom­kraft­geg­ne­rin Cé­ci­le Le­comte lei­det an schwe­rem Rheu­ma, sitzt im Roll­stuhl. Vor dem Amts­ge­richt Lin­gen ist die 38-Jäh­ri­ge an­ge­klagt, bei ei­ner De­mons­tra­ti­on am 19. Ja­nu­ar 2019 Wi­der­stand ge­gen Po­li­zei­be­am­te ge­leis­tet zu ha­ben.

Der Vor­wurf der Staats­an­walt­schaft: Le­comte soll ei­nen zi­vi­len Strei­fen­wa­gen an der Weg­fahrt ge­hin­dert ha­ben, in­dem sie sich mit dem Roll­stuhl, des­sen Brem­se sie an­ge­zo­gen hat­te, vor das Fahr­zeug stell­te. Das Ver­fah­ren am Diens­tag nahm ei­nen Ver­lauf, mit dem kaum je­mand ge­rech­net hat­te.

Um 13.30 Uhr soll­te die Ver­hand­lung be­gin­nen. Doch die Tür des Sit­zungs­saals blieb für die Zu­schau­er zu­nächst eben­so ver­schlos­sen wie für die fünf als Zeu­gen ge­la­de­nen Po­li­zei­be­am­ten. Der Grund: Le­comte hat­te ei­nen Be­fan­gen­heits­an­trag ge­gen den Rich­ter ge­stellt. Es dau­er­te rund ei­ne St­un­de, bis ein an­de­rer Rich­ter die­sen An­trag ab­lehn­te.

Zu­schau­er stö­ren

Als dann die ei­gent­li­che Ver­hand­lung um 14.30 Uhr be­gann, leg­te Le­comte Wi­der­spruch ge­gen die Ein­lass­kon­trol­len am Ge­richt ein. Sie ver­las ei­ne ei­ne Vier­tel­stun­de dau­ern­de Er­klä­rung, in der sie die­se als un­ver­hält­nis­mä­ßig und ein­schüch­ternd be­zeich­ne­te. „Die Kon­trol­len zei­gen die Vor­ein­ge­nom­men­heit des Ge­richts ge­gen die An­ge­klag­te und ihr Um­feld“, er­klär­te Le­comte. Der Rich­ter lehn­te den Wi­der­spruch als im Rah­men der Haupt­ver­hand­lung un­zu­läs­sig ab. „Es han­delt sich um ei­ne An­ord­nung des Di­rek­tors des Amts­ge­richts im Rah­men sei­nes Haus­rechts.“Die­se Aus­sa­ge des Rich­ters rief An­hän­ger von Le­comte auf den Plan. Sie stör­ten mit Zwi­schen­ru­fen. „Sie lü­gen“, hieß es. Der Rich­ter re­agier­te mit dem Hin­weis, dass Stö­rer ge­ge­be­nen­falls aus dem Saal ent­fernt wür­den.

Nach­dem der Staats­an­walt die An­kla­ge ver­le­sen hat­te, ver­las Le­comte er­neut ei­ne rund 20 Mi­nu­ten dau­ern­de Er­klä­rung. Es sei ihr nicht klar, was für ei­ne Wi­der­stands­hand­lung man ihr vor­wer­fe. Ei­nen ge­gen sie er­gan­ge­nen

Laut­stark pro­tes­tier­te die be­kann­te Ak­ti­vis­tin Cé­ci­le Le­comte (Mit­te) im Roll­stuhl sit­zend wäh­rend der De­mo am 19. Ja­nu­ar 2019 in Lin­gen ge­gen Atom­kraft und blo­ckier­te da­bei ei­nen zi­vi­len Strei­fen­wa­gen.

Straf­be­fehl, ge­gen den sie Wi­der­spruch ein­ge­legt hat­te, be­zeich­ne­te Le­comte als Vor­ver­ur­tei­lung. „Es geht nicht um Wi­der­stand, son­dern po­li­tisch mo­ti­vier­te Ver­fol­gung“, warf die Atom­kraft­geg­ne­rin der Jus­tiz vor.

Über ei­ne St­un­de nach Ver­hand­lungs­be­ginn konn­te dann der ers­te Zeu­ge ver­nom­men wer­den. Der Po­li­zei­haupt­kom­mis­sar war bei der De­mons­tra­ti­on als Ein­satz­lei­ter tä­tig. Die Si­tua­ti­on rund um den Strei­fen­wa­gen, mit dem die Po­li­zei ei­ne an­de­re De­mons­tran­tin, die zu­vor auf das Vor­dach des Lin­ge­ner Rat­haus­ein­gangs ge­klet­tert war, zur Wa­che brin­gen

woll­te, be­zeich­ne­te der Be­am­te als un­ge­wöhn­lich und un­über­sicht­lich. „Al­le wa­ren ziem­lich auf­ge­regt“, sag­te er aus. „Frau Le­comte hat Stim­mung ge­macht und ist mit dem Roll­stuhl vor den Strei­fen­wa­gen ge­fah­ren“, er­klär­te der Po­li­zist. Rund 30 De­mons­tran­ten hät­ten rund um das Fahr­zeug ge­stan­den.

Wäh­rend der Be­fra­gung des Zeu­gen durch ih­ren Ver­tei­di­ger leg­te Le­comte sich auf den Bo­den des Saals. Sie kön­ne we­gen Schmer­zen nicht mehr im Roll­stuhl sit­zen. Der An­walt woll­te un­ter­des­sen vie­le De­tails vom Zeu­gen wis­sen. So frag­te er bei­spiels­wei­se nach der Far­be

des Strei­fen­wa­gens. An vie­le die­ser De­tails von der De­mo konn­te sich der Zeu­ge nicht mehr er­in­nern. Al­ler­dings er­in­ner­te er sich ge­nau, dass er Le­comte „Maß­nah­men ein­fa­cher kör­per­li­cher Ge­walt“an­ge­droht und schließ­lich mit vier Be­am­ten die An­ge­klag­te im Roll­stuhl weg­ge­tra­gen ha­be. „Das Haupt­pro­blem war Frau Le­comte. Als wir sie weg­ge­bracht ha­ben, ha­ben die an­de­ren Per­so­nen Platz ge­macht.“Auf die Fra­ge, ob er ver­sucht ha­be, die Brem­se des Roll­stuhl zu lö­sen, er­klär­te der Zeu­ge, dies ha­be er nicht aus­pro­biert.

Zu ei­ner wei­te­ren Zeu­gen­ver­neh­mung kam es nicht

mehr. Der Ver­tei­di­ger stell­te ei­nen Be­weis­an­trag. Er for­der­te, ei­nen Ver­tre­ter des Roll­stuhl­her­stel­lers zu ver­neh­men. Die­ser wer­de er­klä­ren, dass Roll­stuhl­fah­rer im Stand im­mer die Brem­se an­zie­hen müss­ten, um bei­spiels­wei­se ei­ne un­ge­woll­te Be­we­gung zu ver­hin­dern. Zu­dem sei­en die Brem­sen auch von Drit­ten ein­fach zu lö­sen. „Das hät­ten die Be­am­ten leicht ma­chen kön­nen.“

Wäh­rend der An­walt die­sen An­trag ver­las, krampf­te Le­comte und leg­te sich wie­der auf den Bo­den des Ge­richts­saals. „Mei­ne Man­dan­tin fühlt sich heu­te nicht mehr in der La­ge, der Haupt­ver­hand­lung

wei­ter zu fol­gen“, er­klär­te der An­walt. Dies sah auch der Staats­an­walt so: „Es ist of­fen­sicht­lich, dass sie we­gen Schmer­zen nicht mehr fol­gen kann.“Auch der Rich­ter hielt Le­comte für ver­hand­lungs­un­fä­hig. Da der Ver­tei­di­ger im Fe­bru­ar kei­ne Ter­mi­ne mehr frei hat­te und der Rich­ter ab 1. März vier Wo­chen in Ur­laub ist, kann das Ver­fah­ren nicht wie vor­ge­schrie­ben in­ner­halb von drei Wo­chen fort­ge­setzt wer­den. „Was soll das Ge­richt jetzt tun?“, frag­te der Rich­ter. Ihm blei­be nicht an­de­res, als das Ver­fah­ren, wie schon ein­mal im Ok­to­ber 2019, er­neut aus­zu­set­zen.

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