Staats­an­walt­schaft schießt mit Ka­no­nen auf Spat­zen

Lingener Tagespost - - LOKALES - Von Wil­fried Rog­gen­dorf w.rog­gen­[email protected]

W er Cé­ci­le Le­comte kennt, weiß, dass die Atom­kraft­geg­ne­rin auf Po­li­zis­ten na­he­zu all­er­gisch re­agiert, oft laut wird und die Be­am­ten nervt. Wer Le­comte, die in ih­rer Sze­ne Kult­sta­tus hat, kennt, weiß aber auch, dass sie noch nie durch wirk­lich ge­walt­tä­ti­ge Ak­tio­nen auf­ge­fal­len ist.

Jetzt muss sich ein Ge­richt mit der Fra­ge be­schäf­ti­gen, ob das An­zie­hen der Roll­stuhl­brem­se, wäh­rend sie vor ei­nem Po­li­zei­fahr­zeug steht, im straf­recht­li­chen Sin­ne Wi­der­stand ist. Selbst wenn das Ge­richt die­se Fra­ge be­ja­hen wür­de, dürf­te das Straf­maß eher ge­ring aus­fal­len.

Dem Bür­ger stellt sich ei­ne an­de­re Fra­ge: Ist das Ver­fah­ren, in dem aus Steu­er­gel­dern be­sol­de­te Po­li­zei­be­am­te stun­den­lang als Zeu­gen vor dem Ge­richts­saal war­ten, mit dem Staats­an­wäl­te und Ge­richt ta­ge­lang be­schäf­tigt sind, an­ge­sichts des Tat­vor­wurfs noch ver­hält­nis­mä­ßig?

Nein, an­ge­sichts ei­ner über­las­te­ten Jus­tiz ist das Ver­fah­ren ge­gen Le­comte über­zo­gen. Hier schießt die Staats­an­walt­schaft mit Ka­no­nen auf Spat­zen.

Es ist nur schwer zu ver­ste­hen, dass an­de­re Bür­ger in für sie we­sent­lich be­deut­sa­me­ren An­ge­le­gen­hei­ten un­ter Um­stän­den jah­re­lang auf ei­nen Ge­richts­ter­min war­ten müs­sen, wäh­rend sich das Amts­ge­richt Zeit für die Ver­hand­lung ge­gen Le­comte neh­men muss. Dass die schwer er­krank­te Atom­kraft­geg­ne­rin hier­bei kein Mit­tel aus­lässt, sich als An­ge­klag­te zu ver­tei­di­gen, ist ihr gu­tes Recht. Und da­für, dass ih­re Ge­sund­heit das Ver­fah­ren eben­falls be­ein­flusst, kann sie nichts.

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