Grenz­schlie­ßun­gen: 2015 pfui, heu­te hui?

ESSAY War­um ist in Co­ro­na-Zei­ten mög­lich, was in der Flücht­lings­kri­se 2015 nicht mög­lich war – näm­lich Gren­zen zu schlie­ßen?

Lingener Tagespost - - VORDERSEIT­E - Von Tho­mas Lud­wig

OS­NA­BRÜCK Auf dem Hö­he­punkt der Flücht­lings­kri­se 2015 wur­den For­de­run­gen nach Schlie­ßung der Gren­zen ei­ne Ab­sa­ge er­teilt – in Zei­ten der Co­ro­na-Kri­se je­doch ging es schnell. Aber ist das ver­gleich­bar? Ge­dan­ken zu ei­ner ideo­lo­gisch und emo­tio­nal auf­ge­la­de­nen De­bat­te.

OS­NA­BRÜCK All je­ne, die in fun­da­men­ta­ler Op­po­si­ti­on zu Po­li­tik und Stil der schwarz-ro­ten Re­gie­rung un­ter Füh­rung von Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ste­hen, kön­nen ih­re un­ver­hoh­le­ne Freu­de in die­sen Ta­gen nicht ver­ber­gen. „Bis ges­tern warst du noch Na­zi, wenn du Grenz­schlie­ßung ge­for­dert hast, und heu­te?“, twit­tert die AfD in Bay­ern. So lang­sam müs­se al­so je­dem klar wer­den, dass „wir nur noch ver­ar **** wer­den“. Und die rhei­nisch-ber­gi­sche AfD tri­um­phiert auf dem­sel­ben Ka­nal: „Recht be­hal­ten ha­ben WIR!“

Al­les gut al­so? Recht be­hal­ten, Gren­zen dicht, Pro­ble­me ge­löst? Ei­ne sol­che Lo­gik wä­re wohl so ein­fach wie ein­fäl­tig. Tat­säch­lich hat die deut­sche, ja die eu­ro­päi­sche Po­li­tik vor dem Hin­ter­grund der gras­sie­ren­den Co­ro­na-Pan­de­mie jüngst ei­ne Kehrt­wen­de voll­zo­gen, die vie­le Bür­ger nicht mehr für mög­lich ge­hal­ten hat­ten.

Nicht nur, dass die Staa­ten des Schen­gen­raums – heu­te ist 25. Ju­bi­lä­um – die Frei­zü­gig­keit über ih­re Gren­zen hin­weg ein­ge­schränkt ha­ben und kon­trol­lie­ren. Die Ge­mein­schaft hat nach lan­gem Zö­gern so­gar ei­nen kom­plet­ten Ein­rei­sestopp für Nich­tEU-Bür­ger aus dem Aus­land

ver­hängt. Nun fra­gen sich vie­le Men­schen nicht oh­ne Grund: War­um ist heu­te mög­lich, was im Jahr 2015 auf dem Hö­he­punkt der Flücht­lings­kri­se und in den Fol­ge­jah­ren an­ge­sichts an­hal­ten­der Mi­gra­ti­on nicht mög­lich ge­we­sen sein soll, näm­lich Gren­zen zu schlie­ßen und Eu­ro­pa ab­zu­schot­ten? So sag­te die Kanz­le­rin sei­ner­zeit im Talk mit An­ne Will: „Wir kön­nen die Gren­zen nicht schlie­ßen. Wenn man ei­nen Zaun baut, wer­den sich die Men­schen an­de­re We­ge su­chen.“Das Co­ro­na­vi­rus kommt auch nicht über den Zaun. Was ist heu­te al­so an­ders als da­mals?

Von Äp­feln und Bir­nen

Kurz ge­sagt: so ziem­lich al­les. 2015 soll­te es dar­um ge­hen, aus Kriegs- und Kri­sen­ge­bie­ten ge­flo­he­nen Men­schen den Zu­gang zur EU zu ver­weh­ren und mit­hin auch die Mög­lich­keit, Asyl­an­trä­ge zu stel­len; Letz­te­res ist je­doch ein ge­setz­lich ga­ran­tier­tes Grund­recht. Heu­te geht es dar­um, ein un­sicht­ba­res Vi­rus dar­an zu hin­dern, die eu­ro­päi­schen Ge­sund­heits­sys­te­me zu spren­gen und da­mit den Tod Zehn­tau­sen­der eu­ro­päi­scher Bür­ger in Kauf zu neh­men.

Wer die Si­tua­ti­on 2015 mit der La­ge 2020 ver­gleicht, ver­gleicht Äp­fel mit Bir­nen. Die Wucht der Co­ro­na-Pan­de­mie

als ge­sell­schaft­li­che und öko­no­mi­sche Be­dräng­nis ist un­gleich grö­ßer, als es die Mi­gra­ti­ons­pro­ble­ma­tik je war – und zu­min­dest noch nicht ist.

Doch der Rei­he nach: Dass Grenz­schlie­ßun­gen nicht mög­lich sind, wie bis­wei­len von man­chen Po­li­ti­kern rhe­to­risch ver­ord­net, ist blan­ker Un­sinn. Na­tür­lich sind sie das, zur Not mit mas­si­vem Ein­satz mo­der­ner Über­wa­chungs­tech­nik, Grenz­schutz, Po­li­zei und Mi­li­tär. Nord­ko­rea und die eins­ti­ge DDR las­sen grü­ßen.

Auch auf dem Hö­he­punkt der Flücht­lings­kri­se 2015 ha­ben Län­der wie Un­garn und Bul­ga­ri­en in letz­ter Kon­se­quenz die ent­spre­chen­de Reiß­lei­ne ge­zo­gen und die Bal­kan­rou­te für Mi­gran­ten dicht­ge­macht, mit St­a­chel­draht und mas­si­ver Prä­senz von Si­cher­heits­kräf­ten – auch zum Nut­zen Deutsch­lands. Und die Grie­chen ha­ben in den ver­gan­ge­nen Wo­chen ent­lang der Gren­ze zum Nach­bar­staat Tür­kei eben­falls Tat­kraft un­ter Be­weis ge­stellt.

Kon­se­quen­te Grenz­si­che­rung hat aber ih­ren Preis. Sie pro­du­ziert und hin­ter­lässt häss­li­che Bil­der, die, an hu­ma­ni­tä­ren Maß­stä­ben ge­mes­sen, für vie­le Bür­ger nur schwer er­träg­lich sind. Gren­zen zu schlie­ßen – oder eben nicht – hat al­so we­ni­ger mit

Mach­bar­keit zu tun als mit po­li­ti­schem Wil­len.

„Man kann mit Wil­len sehr, sehr viel schaf­fen“, be­ton­te sei­ner­zeit auch Kanz­le­rin Mer­kel. Frei­lich spiel­te sie da­mit auf et­was an­de­res an, näm­lich auf ei­ne „Will­kom­mens­kul­tur“, die das schier Un­mög­li­che – näm­lich die Auf­nah­me und In­te­gra­ti­on zahl­lo­ser Frem­der aus ei­ner an­de­ren Kul­tur – mög­lich macht; doch das stieß schnell an Gren­zen.

Akt der So­li­da­ri­tät

Dass Mer­kel in der Nacht vom 4. auf den 5. Sep­tem­ber 2015 der Re­gie­rung in Wi­en zu­sag­te, Deutsch­land wer­de die Flücht­lin­ge aus dem Bu­da­pes­ter Bahn­hof auf­neh­men, war auch als ein Akt der So­li­da­ri­tät mit dem Al­pen­Nach­barn ge­dacht und ei­ne Re­ak­ti­on auf Bit­ten der ös­ter­rei­chi­schen Re­gie­rung, man mö­ge das Land doch bit­te nicht mit dem Pro­blem al­lein­las­sen. Dass die deut­schen Gren­zen auch in der Fol­ge­zeit of­fen blie­ben, war dem Wunsch ge­schul­det, Deutsch­land im Schen­gen­raum zu hal­ten; Ber­lin kam da­mit auch For­de­run­gen von Un­ter­neh­men, Pend­lern und Po­li­ti­kern baye­ri­scher Land­krei­se nach.

Die Schlie­ßung der EUAu­ßen­gren­zen und sys­te­ma­ti­sche Kon­trol­len an den Bin­nen­gren­zen des Schen­gen­raums

als ekla­tan­te Ein­grif­fe in das eu­ro­päi­sche Grund­recht der Frei­zü­gig­keit dre­hen das Rad der In­te­gra­ti­on nicht gleich zu­rück. Sie sind der dras­ti­schen Dy­na­mik der Co­ro­na-Kri­se ge­schul­det.

Erst wenn Gren­zen ge­schlos­sen sind, er­weist sich der Nut­zen of­fe­ner Über­gän­ge von ei­nem Land zum an­de­ren und ei­nes bar­rie­re­frei­en Wa­ren- und Di­enst­leis­tungs­ver­kehrs. Sehr schön ließ sich das zu­letzt an der deutsch­pol­ni­schen Gren­ze be­ob­ach­ten, wo sich Last­wa­gen über Dut­zen­de Ki­lo­me­ter stau­ten und Brum­mi­fah­rer War­te­zei­ten von bis zu 30 St­un­den hin­neh­men muss­ten.

Für ei­ne Wirt­schaft, die sich wie die eu­ro­päi­sche der Just-in-ti­me-Pro­duk­ti­on ver­schrie­ben hat, für ei­ne li­be­ra­le Ge­sell­schaft, die Viel­falt von au­ßen als Im­pul­se für Wei­ter­ent­wick­lung und Fort­schritt ver­steht, sind of­fe­ne Gren­zen es­sen­zi­ell. War­um dann aber Grenz­schlie­ßun­gen in Zei­ten der Co­ro­na­Pan­de­mie?

Zu­min­dest aus Sicht der Wis­sen­schaft ist der Nut­zen of­fen­bar tat­säch­lich be­schränkt. „Aus epi­de­mio­lo­gi­scher Sicht er­reicht man mit Grenz­schlie­ßun­gen we­nig“, sag­te et­wa Su­ne Leh­mann, der sich an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Dä­ne­mark in Lyng­by bei Ko­pen­ha­gen an der Schnitt­stel­le von Phy­sik,

So­zio­lo­gie und In­for­ma­tik mit kom­ple­xen Netz­wer­ken be­fasst, dem „Spie­gel“. Auch das Fa­zit des Epi­de­mio­lo­gen Chris­to­pher Dye von der Uni­ver­si­ty of Ox­ford ist ein­deu­tig: Der Kampf ge­gen das Vi­rus wer­de in der ak­tu­el­len La­ge kaum an den Au­ßen­gren­zen ge­won­nen, son­dern – wenn – nur in den Län­dern selbst.

Spä­ter je­doch, da sind sich vie­le Ex­per­ten ei­nig, kön­nen Grenz­schlie­ßun­gen sehr wohl an­ge­bracht sein – dann näm­lich, wenn es ge­lun­gen ist, die Pan­de­mie ein­zu­däm­men. Denn dann heißt es vor­beu­gen und den Re-Im­port von In­fek­tio­nen aus dem Aus­land zu ver­mei­den; die­ser Her­aus­for­de­rung se­hen sich der­zeit die Chi­ne­sen aus­ge­setzt.

Si­gnal an die Ge­sell­schaft

War­um sind Eu­ro­pas Gren­zen dann aber jetzt schon dicht? Als po­li­ti­sches Si­gnal an die Ge­sell­schaft kön­nen ge­schlos­se­ne Schlag­bäu­me den Ernst der La­ge in der Pan­de­mie un­ter­strei­chen. Denn ist es nicht so, dass die Be­völ­ke­rung weit­rei­chen­de Maß­nah­men zum ei­ge­nen Nach­teil im In­ne­ren eher ak­zep­tiert, wenn der Staat nach au­ßen hin Ge­schlos­sen­heit im Wort­sin­ne de­mons­triert?

So die­nen die Grenz­schlie­ßun­gen die­ser Ta­ge auch da­zu, die Rei­hen nach in­nen zu schlie­ßen, aus Na­tio­nen ei­ne

Schick­sals­ge­mein­schaft der Ein­ge­schlos­se­nen zu ma­chen.

Hät­te ein sol­cher Schritt dann nicht auch wäh­rend der Flücht­lings­kri­se für mehr Ak­zep­tanz ge­gen­über je­nen ge­sorgt, die es in­fol­ge of­fe­ner Gren­zen zu­vor nach Deutsch­land ge­schafft ha­ben? Nach dem Mot­to: Je­nen, die nun ein­mal hier sind, wird ge­hol­fen, doch mehr kön­nen wir mo­men­tan nicht leis­ten? Das ist nicht aus­ge­schlos­sen.

Kei­ne Ord­nung oh­ne Kon­trol­le – das ist ei­ne Leh­re aus dem Kri­sen­herbst 2015. Kei­ne Frei­heit oh­ne Gren­zen. Denn die Frei­heit des ei­nen muss ih­re Gren­ze zwin­gend in der Frei­heit des an­de­ren fin­den. In die­sem Sin­ne ist ei­ne Grenz­schlie­ßung auch we­der hu­man noch un­mensch­lich. Sie be­inhal­tet das Recht ei­nes Staa­tes, sei­ne Be­woh­ner vor Un­bill von au­ßen zu schüt­zen.

Dar­über ver­stellt ei­ne ideo­lo­gisch wie emo­tio­nal höchst auf­ge­la­de­ne De­bat­te um die Be­grif­fe „Grenz­schlie­ßung“und „-kon­trol­le“heu­te oft den Blick. Und doch: Grenz­schlie­ßun­gen ber­gen die Ge­fahr, ei­nem Akt der Selbst­täu­schung zu er­lie­gen: Gren­zen dicht, Pro­blem ge­löst, al­les gut. Ei­ne sol­che Lo­gik wä­re so ein­fach wie ein­fäl­tig – so­wohl in Zei­ten mas­si­ver Zu­wan­de­rung wie auch in Zei­ten des Co­ro­na­vi­rus.

Fo­to: dpa/Peter Kn­ef­fel

Hier geht es nicht wei­ter: In der Co­ro­na-Kri­se ge­schlos­se­ne Gren­ze zwi­schen Bay­ern und Ös­ter­reich na­he Aschau.

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