Art Ba­sel

Die Mu er al­ler Mes­sen für mo­der­ne Kunst. Rund 4000 Künst­ler mes­sen in Ba­sel ih­ren Markt­wert und ih­ren Wert an sich

L'Officiel Hommes Germany - - Inhalt - text NA­DI­NE BARTH

Die Mut­ter al­ler Mes­sen für mo­der­ne Kunst. Von Na­di­ne Barth

EEs ist ein Ge­schie­be und Ge­drän­ge, ein Hoch­ko­chen von Krea­ti­vi­tät, In­ter­es­se, Ge­schäft, ein Draht­seil­akt der Ga­le­ris­ten, die um Samm­ler und Ku­ra­to­ren buh­len, ei­ne Zur­schau­stel­lung von Reich­tum, Ex­zen­trik und In­si­der­wis­sen – ei­ne flir­ren­de At­mo­sphä­re und sehr, sehr cham­pa­gner­las­tig. Die Re­de ist von der Art Ba­sel, der Kö­ni­gin al­ler Kunst­mes­sen, die jähr­lich im Schwei­zer Städt­chen Ba­sel statt­fin­det. Ge­grün­det 1970 von drei Ga­le­ris­ten, lock­te man schon im An­fangs­jahr mit 90 Ga­le­ri­en über 16 000 Be­su­cher an. Heu­te sind es an die 300 Ga­le­ri­en, die von knapp 100 000 Kun­st­in­ter­es­sier­ten heim­ge­sucht wer­den. 2002 wur­de der Ab­le­ger Art Ba­sel Mia­mi Beach ge­grün­det, seit 2013 gibt es die Art Ba­sel Hong Kong. Klas­sisch gut und all­seits be­liebt bleibt je­doch die Mut­ter­mes­se mit ih­rer Son­der­schau „Un­li­mi­ted“, die raum­grei­fen­de In­stal­la­tio­nen auf Mu­se­ums­ni­veau in ei­ner ei­ge­nen Hal­le prä­sen­tiert – in die­sem Jahr wer­den es 76 Pro­jek­te sein.

SLOH Was ist so span­nend an Kunst?

OA Künst­ler ha­ben ei­ne an­de­re Art, Din­ge zu se­hen. Und in­dem sie uns ih­re Sicht zei­gen, än­dern sie auch un­se­ren Blick. Wir wer­den of­fe­ner, kön­nen Hand­lun­gen über­den­ken, Sa­chen an­ders ma­chen. Die­se Er­kennt­nis ha­ben wir dem Fo­to­künst­ler Dan Holds­worth zu ver­dan­ken. Er soll­te das Val­lée de Joux fo­to­gra­fie­ren, in dem die Ma­nu­fak­tur von Au­de­mars Pi­guet steht. Das Re­sul­tat hat uns völ­lig über­rascht.

LOH Über­ra­schung ge­hört schließ­lich zu Kunst …

OA Ja, aber wir hat­ten Ber­gro­man­tik mit blau­em Him­mel er­war­tet. Statt­des­sen be­ka­men wir St­ei­ne, Fel­sen, ei­nen dunk­len Wald, lau­ter Wol­ken. Ehr­lich: Das war ein Schock. Wir dach­ten schon, er hät­te das in En­g­land fo­to­gra­fiert. Dann ha­ben wir nach­ge­dacht, über un­se­re Her­kunft. War­um sind un­se­re Vor­fah­ren da­mals in die­ses Tal ge­kom­men? In die­se un­wirt­li­che Ge­gend? Sie woll­ten frei sein, un­ab­hän­gig vom fran­zö­si­schen Hof. Sie hat­ten nur die na­tür­li­chen Res­sour­cen, die man auch auf Dans Bil­dern sieht. Erz zur Ei­sen­ge­win­nung. Und, wäh­rend der lan­gen Win­ter, viel Zeit. Al­so be­schäf­tig­ten sie sich mit der Fer­ti­gung kom­ple­xer Din­ge. Wie der Mecha­nik ei­ner Uhr.

LOH Wie ging es dann wei­ter?

OA Wir ha­ben mitt­ler­wei­le ei­ne Art Com­mis­si­on eta­bliert, die je­des Jahr ei­nen Ku­ra­tor be­nennt. Die­ser lädt drei bis fünf Künst­ler ein, die uns be­su­chen und sich in­spi­rie­ren las­sen. Sie ma­chen ein Kon­zept, und ei­ner von ih­nen darf es dann um­set­zen.

LOH Gibt es Vor­ga­ben?

OA Das For­mat ist frei: Ob Fo­to­gra­fie, Ma­le­rei, Vi­deo, Sound, etc – al­les ist mög­lich. Die ein­zi­ge Vor­ga­be ist, dass es in der künst­le­ri­schen Ar­beit um Zeit ge­hen soll­te, um Na­tur, um Kom­ple­xi­tät. Wir stel­len die Res­sour­cen zur Ver­fü­gung. Bei dem Werk von Ro­bin Mei­er ging es um Syn­chro­ni­zi­tät. Er mach­te ei­ne In­stal­la­ti­on mit Glüh­würm­chen. Wir ha­ben ihm ge­hol­fen, in­dem wir ihn mit Wis­sen­schaft­lern zu­sam­men­ge­bracht ha­ben.

LOH Glüh­würm­chen?

Seit 2013 un­ter­stützt die Schwei­zer Lu­xus­uh­ren-ma­nu­fak­tur Au­de­mars Pi­guet al­le Mes­sen der Art Ba­sel. Ein Ge­spräch mit Oli­vier Au­de­mars, 57, Uren­kel des Mit­grün­ders Ed­ward Au­gus­te Pi­guet über sei­ne be­son­de­re Pas­si­on für Kunst.

OA Ja, und es war ein schö­nes Bei­spiel auch für uns: Als ich bei Au­de­mars Pi­guet an­fing, wa­ren da 200 Leu­te. Heu­te sind wir 1500. Ei­ni­ge sind in Sin­ga­pur sta­tio­niert, an­de­re in Me­xi­ko. Sie kom­men zwar ein­mal im Jahr ins Val­lée, aber wir müs­sen si­cher­stel­len, dass sie die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen tref­fen. Je­den Tag. Dass sie un­se­re Wer­te ein­hal­ten. Das Ex­pe­ri­ment mit den Glüh­würm­chen, die auch aus ver­schie­de­nen Tei­len der Welt stamm­ten, hat uns ge­zeigt, wie Ein­klang geht. Wir sind na­tür­lich kei­ne Glüh­würm­chen, aber es war in­spi­rie­rend.

LOH Wel­ches Ih­rer Pro­jek­te hat Sie noch be­ein­druckt?

Sun Xun. Ihn ha­ben wir letz­tes Jahr in Mia­mi prä­sen­tiert. Teil sei­ner In­stal­la­ti­on war ein Neun-mi­nu­ten-film. Ei­ne Ani­ma­ti­on aus Ein­zel­bil­dern, die Holz­schnit­te zei­gen. 18 in ei­ner Se­kun­de. Al­so 10 000 Bil­der. 150 Leu­te ha­ben dar­an ge­ar­bei­tet. 18 Mo­na­te. Für uns sind es nur neun Mi­nu­ten. Für ihn wa­ren es 18 Mo­na­te im Le­ben von 150 Leu­ten. Bei Mi­nu­te 2:15 hat vi­el­leicht je­mand sei­nen Va­ter ver­lo­ren, da war dann ei­ne Trau­rig­keit. Bei 7:08 hat vi­el­leicht je­mand ein Ba­by be­kom­men, da war dann gro­ße Freu­de. Im Film ist all dies drin, aus al­len Le­ben, als Kon­zen­trat. Die Uhr­ma­cher ar­bei­ten ge­nau so mo­na­te­lang an ei­ner ein­zi­gen Uhr. Vi­el­leicht schaf­fen sie 30 Uh­ren in ih­rem Le­ben. Ei­ne Uhr ist dann nicht nur ein Stück Me­tall, son­dern ein Teil ih­res Le­bens, das ich an mei­nem Hand­ge­lenk tra­ge. OA Ich bin In­ge­nieur der Ma­the­ma­tik­wis­sen­schaft. Mich in­ter­es­siert, wie Din­ge funk­tio­nie­ren. Quan­ten­phy­sik. Da­her ha­ben mich zu­nächst Künst­ler fas­zi­niert, die in ih­rer Ar­beit ei­ne ge­wis­se Lo­gik ver­fol­gen. Es gibt die­ses Buch „Gö­del Escher Bach – ein end­lo­ses ge­floch­te­nes Band“, das das ma­the­ma­ti­sche Werk Kurt Gö­dels mit den Kunst-il­lus­tra­tio­nen von M. C. Escher und der Mu­sik von Jo­hann Se­bas­ti­an Bach ver­bin­det. Das hat mich sehr be­ein­druckt, und erst da ha­be ich Künst­ler ge­mocht, die so ge­malt ha­ben wie Escher, al­so et­wa Re­né Mag­rit­te. Das In­ter­es­se an zeit­ge­nös­si­scher Kunst kam erst mit un­se­ren ei­ge­nen Kunst­pro­jek­ten.

LOH Sam­meln Sie selbst auch?

OA Das Gu­te an der Art Ba­sel oder dem Gal­le­ry Wee­kend ist, dass man Ge­le­gen­heit hat, die Künst­ler oder Ku­ra­to­ren zu tref­fen und mit ih­nen dis­ku­tie­ren zu kön­nen. Das Pro­blem ist, dass ich schon viel zu viel Kunst ha­be. Mein Haus in der Schweiz ist nicht so groß, au­ßer­dem ha­be ich kaum Wän­de, mehr Fens­ter. Ent­we­der kau­fe ich al­so ein neu­es Haus oder … kei­ne Ah­nung. Ich muss da ei­ne Lö­sung fin­den.

LOH Vi­el­leicht ein ei­ge­nes Mu­se­um? LOH Wann ha­ben Sie die Kunst für sich ent­deckt?

OA Das wä­re ei­ne Mög­lich­keit. Es ist ein­fach schon zu viel. Meine Frau hat vor ein paar Jah­ren für ei­ne klei­ne Kunst­zeit­schrift in der Schweiz ge­ar­bei­tet. Das war ein teu­res Ver­gnü­gen. Denn je­des Mal, wenn sie ei­nen Künst­ler in­ter­view­te, kam sie mit ei­nem neu­en Werk zu­rück. Das hat zum Glück auf­ge­hört.

Der Tv-bud­dha von Nam Ju­ne Pa­ik (1932–2006) ist ei­ne Iko­ne der Vi­deo­kunst. Erst­ma­lig 1974 prä­sen­tiert, re­flek­tier­te er nicht nur die ver­än­der­ten Seh­ge­wohn­hei­ten ei­ner Fern­seh­kul­tur, son­dern auch auf iro­ni­sche Art den Ge­gen­satz öst­li­chen und west­li­chen...

Links: Die Grand Da­me der ja­pa­ni­schen Ma­le­rei Tsu­ru­ko Ya­maz­aki (*1925) zeigt hier ei­nes ih­rer abs­trak­ten Ge­mäl­de von 1976. In den 1950er-jah­ren be­schäf­tig­te sie sich mit skulp­tu­ra­len Ob­jek­ten, me­tal­lisch schim­mernd, heu­te kom­bi­niert sie Blei­che, Lack...

Der Süd­afri­ka­ner Ro­bin Rho­de (*1976) ist ein Ak­ti­ons­künst­ler, der in sei­ne Hap­pe­nings Fo­to­gra­fie, Vi­deo, Graf­fi­ti und Zeich­nung mit ein­be­zieht. In sei­nem rie­si­gen Ber­li­ner Stu­dio heckt er im­mer neue Groß­pro­jek­te aus, z. b. ei­ne Oper, die er auf dem...

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