Die Na­se Got­tes Auf ein Glas mit Whis­ky-le­gen­de Richard Pat­ter­son. Von Pe­ter Schmidt-fe­ne­berg

Seit 50 Jah­ren blickt Richard Pa­ter­son tief ins Glas, nur so konn­te er ei­ni­ge der bes­ten und ex­klu­sivs­ten Single Malts der Welt er­schaf­fen

L'Officiel Hommes Germany - - Inhalt - Text PE­TER SCHMIDT-FE­NE­BERG

Der flau­schi­ge pe­trolfar­be­ne Tep­pich hat schon mehr Whis­ky ge­se­hen als man­cher Schot­te. Denn das Ver­kos­tungs­ri­tu­al von Richard Pa­ter­son läuft seit Jahr­zehn­ten gleich ab: Vor­sich­tig gießt er ei­nen Schluck Single Malt in das tul­pen­för­mi­ge No­sing-Glas, schwenkt den bern­stein­schim­mern­den Inhalt ein paar Mal und drückt da­bei ein Au­ge zu, um sich ge­nau auf die Far­be und den Ver­lauf der Flüs­sig­keit zu fo­kus­sie­ren. Dann schüt­tet er mit läs­si­gem Schwung den Inhalt auf den Bo­den. Sei­ne Gäs­te hal­ten er­schro­cken den Atem an und den­ken wahr­schein­lich al­le das Glei­che in die­sem Au­gen­blick: Was für ei­nen Är­ger gä­be es, wenn ich das zu Hau­se ma­chen wür­de? Pa­ter­son blickt schmun­zelnd in die ver­dutz­ten Ge­sich­ter, wäh­rend er das ge­leer­te Glas mit der Öff­nung nach un­ten in den Fin­gern dreht: „Nur so wird die ge­sam­te Ober­flä­che in­nen vom Whis­ky be­netzt, und wir ha­ben den vol­len Ge­schmack beim Rie­chen und Schme­cken.“

Pa­ter­son füllt ei­nen neu­en Schluck Whis­ky in sein Glas und steckt sei­ne Na­se tief in die Öff­nung. Erst saugt er mit dem lin­ken Na­sen­loch den Duft ein, dann mit dem rech­ten, und wie­der mit dem lin­ken. „Va­nil­le, Ho­nig, Salz, Mar­me­la­de, Brom­bee­re“– er de­chif­friert mehr Aro­men und Nuan­cen in dem Dunst des Al­ko­hols als je­der an­de­re Mensch. Da­für ist Richard Pa­ter­son, ali­as „The No­se“, be­rühmt. Und es ist sein Job: Richard Pa­ter­son ist Mas­ter De­stil­ler der Whis­kyDe­stil­le­rie The Dal­mo­re. Im ver­gan­ge­nen Herbst konn­te er sein 50. Be­rufs­ju­bi­lä­um fei­ern, be­reits als jun­ger Mann mit 26 Jah­ren wur­de er Meis­ter­blen­der. Der Weg war ihm in die Wie­ge ge­legt. „Mein Groß­va­ter war Whis­ky­blen­der, mein Va­ter war es, und ich ha­be mein ers­tes Glas Whis­ky im Al­ter von acht Jah­ren pro­biert“, er­zählt er. Wenn Kol­le­gen und auch Kon­kur­ren­ten über Pa­ter­son spre­chen, rüh­men sie nicht nur ehr­fürch­tig sei­nen un­be­stech­li­chen Ge­schmacks- und Ge­ruchs­sinn, son­dern vor al­lem auch sei­ne Ga­be, die bes­ten Fäs­ser der Welt für die Whis­kys aus Dal­mo­re zu be­schaf­fen.

Um zu ver­ste­hen, wie ent­schei­dend das Fass für den Whis­kyGe­schmack ist, muss man ein­mal im Geist durch die pech­schwar­zen, weit über 100 Jah­re al­ten Hal­len von Dal­mo­re ge­hen. Vor­bei an den gro­ßen Bot­ti­chen, wo die Mai­sche zu gä­ren be­ginnt. Run­ter zu den zwei Mann ho­hen Kup­fer­kes­seln, in de­nen der Roh­stoff des Whis­kys ge­brannt wird, der Spirit. Glas­klar und mit 62 Pro­zent Vo­lu­me­n­al­ko­hol noch deut­lich hoch­pro­zen­ti­ger als das, was spä­ter in die Fla­sche kommt. Doch die ent­schei­den­den Jah­re, in de­nen der Spirit zum Whis­ky reift, ver­bringt er auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te im Wareh­ou­se.

Vom Cro­m­ar­ty Firth, ei­nem Fjord, den das Meer hier in die High­lands ge­fres­sen hat, treibt der Wind fei­nen Regen über das Ge­län­de der Dal­mo­re De­stil­le­rie. „Regen ist schlecht für die Tou­ris­ten, aber gut für un­se­ren Whis­ky“, er­klärt Pa­ter­son und öff­net das gro­ße Tor, durch das an die­sem trü­ben Tag kaum Licht in den Schup­pen fällt. Im Halb­dun­kel zeich­nen sich Hun­der­te ge­sta­pel­ter Fäs­ser ab, die hier oft für Jahr­zehn­te la­gern, som­mers wie winters nur durch ei­ne dün­ne Bret­ter­wand von der Wit­te­rung der High­lands ge­trennt. Pa­ter­son zeigt auf ein Ei­chen­fass, in dem einst Bour­bon reif­te. Jetzt wächst dar­in ein neu­er Jahr­gang schot­ti­schen Single Malts her­an, nimmt aus dem Holz Ge­schmacks­no­ten und vor al­lem die Far­be des ame­ri­ka­ni­schen Vor­be­sit­zers auf. So ma­chen es al­le Whis­ky-de­stil­le­ri­en. Doch Pa­ter­son geht noch wei­ter: Je nach Ge­schmacks­ziel füllt er die Flüs­sig­keit spä­ter in ur­al­te Sher­ry-fäs­ser um, die er ex­klu­siv von Gon­za­les Byass aus Süd­spa­ni­en be­zieht. Oder er lässt den Whis­ky ganz am En­de sei­ner Rei­fe­zeit in aus­ge­such­ten Char­don­nay-fäs­sern la­gern. Zu sei­nem 50-jäh­ri­gen Di­enst­ju­bi­lä­um hat er ei­nen Whis­ky kre­iert, der ein hal­bes Jahr­hun­dert in di­ver­sen Fäs­sern her­an­ge­reift ist und ganz am En­de noch ein paar Mo­na­te in ei­nem Cham­pa­gnerFass zu­brach­te: „Für ei­ne Idee von Spit­zig­keit.“50 Fla­schen wur­den da­von ab­ge­füllt, je­de ein­zeln auf­wen­dig ver­packt in ei­ner Kis­te, die mehr Schrein ist als Trans­port­be­häl­ter. Preis: 50 000 bri­ti­sche Pfund.

Wahn­sinn? Ach was, Pa­ter­son führt sei­nen Be­such in das Bü­ro sei­ner Kol­le­gin Shau­na Jen­nens und öff­net mit ei­nem Ge­heim­schlüs­sel ei­nen manns­ho­hen Edel­holz­schrank. Zwölf Whis­ky­fla­schen ste­hen dar­in sorg­sam auf­ge­reiht. Da­zu ein von Pa­ter­son hand­ge­schrie­be­nes Buch, in dem er die Ge­schich­te je­der ein­zel­nen Pul­le er­klärt. Sie al­le er­in­nern an be­son­de­re Per­sön­lich­kei­ten auf dem Le­bens­weg des Whis­ky- Gu­rus, die äl­tes­te Fla­sche ist von 1926. Pa­ter­son Collec­tion heißt die Son­der­edi­ti­on, In­ter­es­sen­ten für das 987 500 Pfund teu­re Mö­bel­stück gibt es ei­ni­ge, „aber es war noch kei­ner dar­un­ter, der ge­passt hät­te“, sagt Pa­ter­son. Und man hat das Ge­fühl, es ist ihm ganz recht so. „Ich has­se es, wenn Men­schen in Whis­ky nur in­ves­tie­ren“, schüt­telt der Mann, den sie Na­se nen­nen, den Kopf. „Whis­ky ist zum Trin­ken da – und da­zu, ihn mit guten Freun­den zu tei­len.“

ICH HA­BE MEIN ERS­TES GLAS WHIS­KY IM AL­TER VON ACHT JAH­REN PRO­BIERT

the­dal­mo­re.com – Richard Pa­ter­son auf Twit­ter: @the_­no­se

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