Heart Beat

Ein Va­ter. Ein Sohn. Ein An­lass, das Le­ben zu fei­ern. Und ei­ne Fahrt mit dem Rolls-royce Phan­tom

L'Officiel Hommes Germany - - Inhalt - Text GER­HARD RAI­NER

Wenn der Va­ter mit dem Soh­ne ei­nen Aus­flug macht … im Rolls-royce. Die Jagd nach ei­nem Phan­tom Von Ger­hard Rai­ner

IIch bin jetzt En­de fünf­zig. Das Haus ist ge­baut. Das Kind ge­zeugt – es amü­siert sich ge­ra­de im bri­ti­schen See­bad Brigh­ton. Meh­re­re Bäu­me sind ge­pflanzt. So weit al­so al­les gut. Grü­ne Ba­na­nen kau­fe ich al­ler­dings nicht mehr. Und: Ich bin noch nie ei­nen Phan­tom ge­fah­ren. Im gan­zen Le­ben ha­be ich so­gar nur ei­nen ge­se­hen – wenn man von de­nen in „Ja­mes Bond 007 – Gold­fin­ger“oder „In­dia­na Jo­nes und der letz­te Kreuz­zug“ab­sieht. Auf Sylt, na­tür­lich. Im Ho­bo­ken­weg, na­tür­lich. Deutsch­lands teu­ers­ter Stra­ße, wo der Qua­drat­me­ter an­geb­lich bis zu 35 000 Eu­ro kos­tet.

Aber kein So­zi­al­nei­dist. Denn ge­nau jetzt geht es los. Um­ge­rech­net schlap­pe 350 Eu­ro kos­tet der No­bel­Ho­bel in Brigh­ton bei Wed­ding Cars für ei­nen hal­ben Tag in­klu­si­ve uni­for­mier­tem Fah­rer und ei­ner Fla­sche Cham­pa­gner. Ein Schnäpp­chen, an­geb­lich.

„Der ist ja weiß“, sagt mein Sohn, als ich vor­fah­ren las­se. „Die Far­be der Din­ner-ja­ckets“, sa­ge ich. „Wir ha­ben den Wa­gen bis Mit­ter­nacht.“

Es dau­ert kei­ne zehn Se­kun­den, da sind wir als Ah­nungs­lo­se, als An­ge­ber ge­ou­tet. Höf­lich bit­tet der Fah­rer, ei­nen Schritt zur Sei­te zu tre­ten, die hin­te­ren Tü­ren wür­den sich ge­gen­läu­fig öff­nen. Was soll’s? Wer ei­nen Rolls-royce fährt, will nicht sub­til un­ter dem Ra­dar ent­lang­hu­schen. Das Kind hat ge­ra­de sei­nen Mas­ter of Arts in „Glo­ba­li­sie­rung: Po­li­tik, Kon­flikt und Men­schen­rech­te“er­hal­ten. Und ich er­fül­le mir ei­nen Traum.

Rolls-royce Phan­tom – im Au­to­quar­tett war das im­mer die si­chers­te Bank. Kein Wa­gen hat­te mehr Hu­b­raum (6400 ccm), nur ei­ner war teu­rer (der blö­de May­bach 62). Rolls-royce – das wa­ren auch Flug­zeug­tur­bi­nen. Sie nah­men mir die Angst vor dem Ab­sturz. Rolls-royce Phan­tom – das war zu­dem der Pa­ra­de­wa­gen von ge­lieb­ten Staats­ober­häup­tern (Queen Eliz­a­beth II.), ver­hass­ten Dik­ta­to­ren (Ge­ne­ral Fran­co) oder wirk­li­chen un­sterb­li­chen Pop­stars (John Len­non).

Das Kind starrt auf die nicht en­den wol­len­de Mo­tor­hau­be und den hand­po­lier­ten Küh­ler­grill, ei­nem Spie­gel­saal ähn­lich. Dann stei­gen wir ein. Wo­bei das der fal­sche Be­griff ist: Wir neh­men Platz wie auf ei­nem Thron. Das hand­schuh­wei­che Glatt­le­der duf­tet so­gar. „6800 Sti­che“, sagt der Fah­rer, „von Hand.“„Wow“, sagt das Kind.

Au­to­ma­tisch beu­ge ich mich vor, um die Tür zu schlie­ßen, aber der Fah­rer zeigt auf ei­nen Knopf am Drei­ecks­fens­ter: „Ich er­le­di­ge das.“Er drückt ein­mal, die Tür schließt elek­tro­nisch. Laut­los. Und mit ei­nem Mal ist die Au­ßen­welt weit weg.

Der Fah­rer hält Blick­kon­takt über den Rück­spie­gel, weist auf das Bar­fach, das Kind und ich sto­ßen an. Ob wir ein paar De­tails über den Wa­gen wis­sen wol­len, fragt der Fah­rer. „Wir wol­len fah­ren“, sagt das Kind. „Wir sind schon un­ter­wegs, Sir“, ant­wor­tet der Fah­rer. Tat­säch­lich, die Land­schaft hin­ter den Fens­tern be­wegt sich.

„Luft­fe­de­rung“, sagt der Fah­rer. „Bü­gelt bis 100 St­un­den­ki­lo­me­ter al­le Une­ben­hei­ten der Stra­ße glatt.“Und dann ist für ein paar Mi-

nu­ten kein Hal­ten mehr. Mit ei­nem Stolz, als hät­te er im Werk in Good­wood per­sön­lich Hand an­ge­legt, re­fe­riert der Fah­rer Da­ten des fahr­ba­ren Schlos­ses. Seit 1925 wird der Phan­tom pro­du­ziert, ma­nu­ell, oh­ne je­des Fließ­band. Län­ge: 5,84 Me­ter. Rad­stand: 3,57 Me­ter. Spurtge­schwin­dig­keit: von null auf 100 in 5,9 Se­kun­den. Mo­tor: V12 mit 6,75 Li­ter Hu­b­raum. Schal­tung: Acht­stu­fen-wand­ler­au­to­ma­tik. Leer­ge­wicht: 2,5 Ton­nen. PS: ge­nü­gend. Zahn­stan­gen­len­kung, ser­voun­ter­stützt. Per Knopf­druck ver­senk­ba­re Küh­ler­fi­gur. La­ckie­rung: in 40 000 Farb­tö­nen mög­lich. Den psy­che­de­li­schen Sgt.-pep­per-an­strich hät­te John Len­non aber ex­tra in Auf­trag ge­ge­ben. Ba­sis­preis üb­ri­gens: 385 000 Eu­ro. Auf­preis für Pan­ze­rung oder pro­gram­mier­ba­re Leuch­ten im Dach­him­mel, die Stern­zei­chen. Aber sein Fetisch ist nicht un­ser Fetisch: Wir wol­len durch Brigh­ton glei­ten.

Vor­bei am Grand Pa­ra­de Cam­pus, am Roy­al Pa­vi­li­on, durch das North-lai­ne-vier­tel, zum Pa­lace Pier. Auf Wunsch des Kin­des ho­len wir uns Fish and Chips, es hat sich of­fen­bar ein­ge­lebt. „Ich bin un­tröst­lich, Sir“, sagt der Fah­rer. „ Aber im Wa­gen zu es­sen ist lei­der nicht ge­stat­tet.“„dür­fen wir we­nigs­tens auf der Küh­ler­hau­be ho­cken?“, fragt

das Kind. Der Fah­rer nickt ge­quält. Das Kind mampft fröh­lich, und wenn Frau­en oder Kür­ze­re er­staunt die Au­gen auf­rei­ßen, winkt es huld­voll und re­gen­ten­haft. Ich kann die­sen Im­puls ge­ra­de noch un­ter­drü­cken. „Män­ner müs­sen den Wa­gen of­fen­bar igno­rie­ren“, stellt der Fah­rer nach ei­ner Wei­le fest.

Wir ver­fah­ren wei­te­re 15 Li­ter Ben­zin auf 100 Ki­lo­me­ter, min­des­tens. Der Fah­rer macht de­zent Wer­bung für die kom­men­de RR- Ge­ne­ra­ti­on, das Mo­dell VIII, das ab 2018 zu ha­ben sein wird – ei­nen Tick schnit­ti­ger ist und in­di­vi­du­el­le, von Künst­lern ge­stal­te­te Ar­ma­tu­ren­bret­ter an­bie­tet. Man weiß ja nie.

Wir ge­nie­ßen der­weil. In ei­nem Rolls-royce Phan­tom durch die Stra­ßen zu crui­sen äh­nelt ein we­nig dem Ge­fühl, als Ka­pi­tän ei­nes Flug­zeug­trä­gers den Oze­an zu durch­schnei­den. Man fühlt sich un­an­greif­bar, un­be­sieg­bar, na­he­zu un­sterb­lich. Oder wie der Bi­sch­off ei­ner mäch­ti­gen Ka­the­dra­le, der als (un­fehl­ba­rer) Hir­te den un­zu­läng­li­chen Scha­fen den Weg wei­sen muss. Für ei­nen Mo­ment hö­re ich nichts als mei­nen Herz­schlag.

Kurz vor Mit­ter­nacht. „Ich bin ein biss­chen ent­täuscht“, sagt das Kind nach dem Aus­stei­gen. Ich schaue es fra­gend an. „ Am Sitz fehl­te mein Mo­no­gramm. Und die Reg­ler für die Kli­ma­an­la­ge wa­ren auch nicht aus hand­po­lier­ten Ein­horn-hu­fen.“Es grinst und nickt dem Fah­rer zu: „Just kid­din’. Neh­men Sie sich den Rest des Abends frei.“Der Fah­rer ver­beugt sich form­voll­endet.

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