„Psy­cho­lo­gi­sche Feh­ler“

Lübecker Nachrichten - - MEDIEN / WETTER - Von Im­re Grimm

Youtu­ber und Cdu-kri­ti­ker Re­zo staunt in ei­nem neu­en Vi­deo über die selt­sa­me Welt des Zei­tungs­jour­na­lis­mus – ei­ne Ent­geg­nung

Hpn­no­ver. Es ist ein ech­ter Kul­tur­schock. Ge­druck­tes Pa­pier! Das täg­li­che Fern­seh­pro­gramm als Lis­te! Ei­ne Zei­tung mit an­fass­ba­ren Sei­ten! Da sitzt Re­zo, blät­tert und staunt. „Das Fern­seh­pro­gramm ist da drin? Das ist zu krass!“, sagt er. Er wirkt wie ein Ur­zeit­for­scher, der in ei­nem sump­fi­gen Loch in Süd­frank­reich fri­sche Höh­len­ma­le­rei­en ent­deckt hat und jetzt die Sen­sa­ti­on wit­tert: St­ein­zeit­men­schen – sie le­ben noch! Potztau­send. Ei­ne Zei­tung. „Wer kauft das?“, fragt er.

Er hat es wie­der ge­tan. Re­zo, der Zer­stö­rer. Nach sei­ner viel be­ach­te­ten Auf­wal­lung über den Ber­li­ner Po­lit­be­trieb un­ter be­son­de­rer Be­rück­sich­ti­gung der CDU kurz vor der Eu­ro­pa­wahl hat sich der Youtu­ber nun die Print­welt vor­ge­nom­men. Als Gast im Youtube-ka­nal der Netz­sa­ti­ri­ker „Space Frogs“blät­tert er 14 Mi­nu­ten lang durch deut­sche Bou­le­vard­zei­tun­gen. Und of­fen­bart ei­ne tie­fe Ent­frem­dung, ge­paart mit Lü­cken in der Me­di­en­kom­pe­tenz.

„Ich le­se kei­ne Zei­tung“, sagt er. Dar­an ge­mes­sen fällt sein Ur­teil über­ra­schend pau­schal aus: „Die meis­ten Zei­tun­gen ma­chen Bil­loshit-un­ter­hal­tung.“Ar­g­los wirft er Bou­le­vard und Nicht­bou­le­vard durch­ein­an­der. Sei­ne vor­sätz­li­che Nai­vi­tät wirkt put­zig, aber künst­lich. Wirk­lich, Re­zo? Du wuss­test nicht, dass in „Bild“und „BZ“Klatsch­ge­schich­ten über So­ap­stars ste­hen? Du wuss­test nicht, dass bei­de Bou­le­vard­ti­tel aus dem­sel­ben Ver­lag re­dak­tio­nel­le In­hal­te tei­len? Du staunst, dass dich die „F.A.Z.“um ei­ne Stel­lung­nah­me zu ei­ner „Bild“-sto­ry bit­tet?

Selbst wenn die Hälf­te sei­nes schnap­p­at­men­den Alar­mis­mus dem Be­mü­hen um En­ter­tain­ment ge­schul­det sein soll­te: Dies­mal bleibt das Re­fle­xi­ons­ni­veau an der Ober­flä­che. Sich vor­zu­stel­len, dass sei­ne per­sön­li­che Le­bens­wirk­lich­keit nicht zwin­gend de­ckungs­gleich sein muss mit der von Mil­lio­nen an­de­ren Men­schen, ist ihm nicht ge­ge­ben. Und dass auf dem wei­ten Feld der jour­na­lis­ti­schen Spiel­ar­ten Platz ist für je­de Men­ge Selt­sam­kei­ten und Anachro­nis­men, ist ihm fremd. „Gibt es noch Leu­te, die sich das Fern­seh­pro­gramm zur Hand neh­men und gu­cken: Was kommt jetzt?“, fragt er. „Ich dach­te, das ist aus­ge­stor­ben.“Ähm: nein. Youtu­ber Re­zo

„Es ist re­la­tiv gut er­forscht, dass Men­schen die Din­ge, die sie selbst frü­her hat­ten, gut fin­den“, sagt er. Sein Bei­spiel: Vhs-kas­set­ten. Das soll die Gest­rig­keit und die „psy­cho­lo­gi­schen Feh­ler“(Re­zo) von äl­te­ren Zei­tungs­le­sern ent­lar­ven. Aber das trifft ex­akt so eben auf al­le Fil­ter­bla­sen zu, auch di­gi­ta­le. Es wä­re ein fei­nes Ex­pe­ri­ment, ein­mal ei­nen 58-jäh­ri­gen Gym­na­si­al­leh­rer vor Bi­bisbe­au­ty­pa­lace zu set­zen und zu fra­gen: Na? Was siehst du? Das Er­geb­nis gli­che in der Sa­che ge­wiss Re­zos Es­ka­la­ti­on: Echt? Das kau­fen die? Das ge­fällt de­nen?

Nichts ge­gen pu­ber­tä­re Po­le­mik. Pau­schal­ver­dam­mung macht auch mal Spaß. Aber „Bild“auf die­ser Re­fle­xi­ons­hö­he zu kri­ti­sie­ren ist eben­so wohl­feil wie wir­kungs­los. Re­zo ist weit ent­fernt von der teils clever re­cher­chier­ten Fak­ten­fül­le sei­nes Cdu-vi­de­os. Wir fas­sen zu­sam­men: Die deut­schen Zei­tun­gen, die Re­zo al­le­samt nicht liest, ma­chen Un­ter­hal­tung und Pro­mi­k­latsch. Zwei Gen­res, die im Netz be­kannt­lich eben­so we­nig ei­ne Rol­le spie­len wie in Vi­de­os von Re­zo. Iro­nie aus.

Die Glei­chung Jung = In­ter­net = Cool und Alt = Zei­tung = Vhs-kas­set­te ist deut­lich zu schlicht. Mo­ti­va­ti­on für den Wu­t­aus­bruch sind ge­wiss auch per­sön­li­che Er­fah­run­gen von Über­grif­fig­keit im Nach­gang sei­nes Cdu-vi­de­os. „Bei mir stand die ,Bild‘ ein­mal vor der Tür“, schäumt er. „Die ha­ben bei mir ge­klin­gelt und ge­fragt: Kannst du mal run­ter­kom­men?“Konn­te er nicht.

Dass er selbst so­wie die me­di­en­kri­ti­schen Blogs Bild­blog und Über­me­di­en frei­lich die Ein­zi­gen sei­en, die in der Bran­che auch mal feucht durch­wi­schen, ist schlicht falsch. Bei al­ler Starr­köp­fig­keit und Hy­bris der Me­di­en­welt: Die deut­sche Me­di­en­kri­tik exis­tiert und funk­tio­niert; brei­te Dis­kur­se über den Wan­del, die Fol­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung und die Ethik der Bran­che gibt es nicht nur di­gi­tal. Man müss­te halt nur mal die rich­ti­gen Zei­tun­gen le­sen. Je­mand mit der Wirk­macht die­ses 26Jäh­ri­gen – der sei­ne wah­re Iden­ti­tät an­walt­lich schüt­zen lässt – darf gern ein biss­chen tie­fer boh­ren.

„Jour­na­lis­ten sind teil­wei­se so dumm“, schilt Re­zo. Zwei­fel­los gibt es Klü­ge­re und Düm­me­re in je­der Bran­che. Dar­aus aber ein Pau­schal­ur­teil ab­zu­lei­ten ist, als wür­de man sa­gen: Mir ist ges­tern ein Ap­fel auf den Kopf ge­fal­len – jetzt has­se ich Obst.

Das Fern­seh­pro­gramm ist da drin? Das ist zu krass!

FO­TO: PRI­VAT/DPA

„Ich Anch­te, ANS ist N9s:es­tor­be5“: Yo9t9ber Re­zo rech5et fit BO9LEVNRAF­EAIE5 Nb – sgri5:t Nber z9 k9rz.

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