Wer bremst die Rechts­ra­di­ka­len aus?

Die Po­li­tik will die Schu­len in die Pflicht neh­men. Doch neue Kon­zep­te sind rar.

Lübecker Nachrichten - - NORDDEUTSC­HLAND - Von Wolf­ram Ham­mer

Kiel. Ras­sis­ti­sche Pa­ro­len, Het­ze, At­ten­ta­te: Der Rechts­ra­di­ka­lis­mus ge­winnt lan­des­weit an Bo­den. Vor al­lem die Schu­le soll ge­gen­steu­ern, for­dern Po­li­ti­ker gern. Wie ge­nau, das bleibt oft va­ge.

Ein Drit­tel der Ju­gend­li­chen ist in­zwi­schen emp­fäng­lich für po­pu­lis­ti­sche Po­si­tio­nen, neun Pro­zent stim­men rechts­po­pu­lis­ti­schen Po­si­tio­nen zu. So hat es die jüngs­te Shell-stu­die her­aus­ge­ar­bei­tet. Thors­ten Mu­sch­in­ski, Vor­sit­zen­der des Lan­des­el­tern­bei­ra­tes der Ge­mein­schafts­schu­len, hält das noch für un­ter­trie­ben: „Wer täg­lich an den Schu­len un­ter­wegs ist, weiß, dass sol­che Ein­stel­lun­gen längst viel ver­brei­te­ter sind.“Wer wol­le sich auch dar­über wun­dern, dass Ju­gend­li­che über­neh­men, was ih­nen seit Jah­ren „ei­ni­ge Per­so­nen und Or­ga­ni­sa­tio­nen“an rechts­ra­di­ka­lem und an­ti­se­mi­ti­schen Ge­dan­ken­gut vor­be­ten und es so­mit sa­lon­fä­hig ma­chen wür­den.

Die so­ge­nann­ten „Fil­ter­bla­sen“im In­ter­net – das sind Zir­kel von Gleich­ge­sinn­ten, die sich in ih­ren Vor­ur­tei­len be­stär­ken –, tun ein Üb­ri­ges, war­nen Ex­per­ten. Dort wür­den sich vie­le Ju­gend­li­che ra­di­ka­li­sie­ren. Rechts­ra­di­ka­le wer­ben mitt­ler­wei­le aber auch of­fen Ju­gend­li­che an – in Bad Se­ge­berg zum Bei­spiel, wo die Po­li­zei auch des­we­gen ei­nen 45-Jäh­ri­gen als füh­ren­des Mit­glied der deut­schen Neo-na­zi­sze­ne ins Vi­sier ge­nom­men hat.

El­tern­ver­tre­ter wol­len ei­ne neue Ge­sprächs­kul­tur

Lehr­kräf­te bräuch­ten jetzt drin­gend ent­spre­chen­de Ma­te­ria­li­en für den Un­ter­richt, vor al­lem aber auch die „mas­si­ve Un­ter­stüt­zung“der Po­li­tik bei Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Schü­le­rin­nen und Schü­lern, die sol­che Ge­dan­ken über­neh­men – und das nicht nur, wenn wie­der ein­mal Be­rich­te et­wa über An­schlä­ge durch die Me­di­en lie­fen, sagt Mu­sch­in­ski. Zu­dem müs­se die Ge­sprächs­kul­tur wie­der „zur Nor­ma­li­tät“zu­rück­fin­den. Es sei doch der­zeit kaum noch mög­lich, sich „zu ei­ni­gen The­men ne­ga­tiv oder kri­tisch zu äu­ßern, oh­ne hier­für gleich in die rech­te oder lin­ke Ecke der Ge­sell­schaft ge­drängt zu wer­den“. Die Ver­ant­wor­tung für all das dür­fe aber nicht al­lein auf die Schu­len ab­ge­wälzt wer­den.

Das se­hen ei­ni­ge Po­li­ti­ker an­ders. „Wenn wir Rechts­po­pu­lis­mus den Nähr­bo­den ent­zie­hen wol­len, geht das nur über Auf­klä­rung der Schü­ler“, sagt et­wa die Fdp-po­li­ti­ke­rin Ani­ta Klahn. Sie müss­ten bei­spiels­wei­se ler­nen, wor­an sie die per­fi­de Rhe­to­rik von Rechts­ex­tre­mis­ten er­ken­nen kön­nen, müss­ten zwi­schen Fa­ke News und se­riö­ser Be­richt­er­stat­tung un­ter­schei­den kön­nen. „Und sie müs­sen ein Ver­ständ­nis für die be­son­de­re his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung Deutsch­lands ent­wi­ckeln.“Ak­tu­el­le po­li­ti­sche und ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen müss­ten im Un­ter­richt mehr Raum fin­den, Ängs­te von Schü­lern eben­falls the­ma­ti­siert wer­den.

„Mehr Wirt­schaft- und Po­li­tik­un­ter­richt an al­len Schul­ar­ten“, for­dert der Spd-land­tags­ab­ge­ord­ne­te To­bi­as von Pein. Er ver­langt von den Schu­len aber auch noch mehr En­ga­ge­ment nach au­ßen ein: „Die Schu­len ste­hen in der Ver­ant­wor­tung, sich mit der Ge­sell­schaft zur Ab­wehr von Men­schen­feind­lich­keit zu ver­net­zen“, zum Bei­spiel mit Be­ra­tungs­pro­gram­men wie „Schu­le oh­ne Ras­sis­mus“. Der Grü­ne Las­se Pe­ters­dot­ter rät den Schu­len, die Un­ter­stüt­zung der mo­bi­len Be­ra­tungs­teams ge­gen Rechts­ex­tre­mis­mus et­wa der AWO zu nut­zen, da­mit sie rechts­ex­tre­me Be­we­gun­gen schnel­ler er­ken­nen könn­ten. Schu­len und Lehr­kräf­te bräuch­ten ge­ne­rell mehr Zeit, „um De­mo­kra­tie zu le­ben“und Schü­le­rin­nen und Schü­ler zu leh­ren, Un­ter­schied­lich­keit zu ak­zep­tie­ren, sagt die Lan­des­che­fin der Leh­rer­ge­werk­schaft GEW, As­trid Hen­ke. Und: Man müs­se noch ent­schlos­se­ner den Mund auf­ma­chen ge­gen rech­te Het­ze.

„Kein Leh­rer muss sich vor Mel­de­platt­for­men fürch­ten“

Die Leh­rer vor Ort al­ler­dings kämp­fen mit viel hand­fes­te­ren Pro­ble­men. Denn: Sie sind per Schul­ge­setz zu par­tei­po­li­ti­scher Neu­tra­li­tät ver­pflich­tet. Was aber tun, wenn aus ei­ner Land­tags- und Bun­des­tags­par­tei AFD im­mer mehr rechts­ra­di­ka­le Pa­ro­len kom­men? In Ham­burg hat die AFD be­reits ei­ne Mel­de­platt­form ins In­ter­net ge­stellt, auf der Schü­ler und El­tern be­scheid ge­ben sol­len, wenn sich Lehr­kräf­te ge­gen die AFD po­si­tio­nie­ren.

Vor so et­was müs­se sich „kein Leh­rer fürch­ten“, sagt von Pein zwar. Das Schul­ge­setz ge­be schließ­lich de­mo­kra­ti­sche und hu­ma­nis­ti­sche Bil­dungs­zie­le vor, die mit rechts­ra­di­ka­len Po­si­tio­nen nicht ver­ein­bar sei­en. Al­ler­dings muss der So­zi­al­de­mo­krat dann doch zu­ge­ben, dass es da vie­le „Grau­zo­nen“gä­be und dass auch die Rechts­spre­chung da­zu „sehr un­ein­heit­lich“sei. Und auch der Cdu-bil­dungs­po­li­ti­ker To­bi­as von der Hei­de for­dert am En­de nur ne­bu­lös: „Wir brau­chen Kon­zep­te ge­gen Ra­di­ka­li­sie­rungs-ten­den­zen in un­se­rer Ge­sell­schaft.“

Ka­rin Pri­en will der­weil im­mer­hin schon mal das The­ma An­ti­se­mi­tis­mus stär­ker in den Fo­kus rü­cken. Es sei bis­lang „zu we­nig Ge­gen­stand un­se­rer Lehr­plä­ne und Fach­an­for­de­run­gen und fo­kus­siert stark auf die Ver­gan­gen­heit“, sagt die Mi­nis­te­rin. Und: „Ich glau­be auch, dass die The­men jü­di­sches Le­ben und un­ser Ver­hält­nis zu Is­ra­el ei­nen grö­ße­ren Stel­len­wert be­kom­men müs­sen.“Ge­mein­sam mit den jü­di­schen Lan­des­ver­bän­den soll ei­ne Stra­te­gie da­zu er­ar­bei­tet wer­den. Ge­gen ju­den­feind­li­che Sprü­che von Schü­lern müss­ten Leh­re­rin­nen und Leh­rer so­fort ein­schrei­ten. Denn: „In Schu­len ver­mit­teln wir Wer­te.“Und das hei­ße zu al­ler­erst, „dass Re­spekt, Mit­mensch­lich­keit und To­le­ranz ge­gen­über je­der­mann ge­for­dert sind. Wenn die­se Grund­la­ge ge­legt wä­re, wä­ren wir schon ein gan­zes Stück wei­ter.“

FO­TO: FE­LIX KÄSTLE/DPA

Schü­ler ei­ner sie­ben­ten Klas­se wäh­rend des Un­ter­richts in ei­nem Gym­na­si­um.

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