Lübecker Nachrichten

Auf dem Ostseegrun­d

Seltener Fund vor Fehmarn – Wurde Boot vom Typ „Seehund“in den letzten Kriegstage­n versenkt?

- Von Susanne Peyronnet

Kleinst-u-boote vom Typ „Seehund“(hinten) waren eine der letzten Kriegshoff­nungen der Nazis. Bei 135 Einsätzen im Jahr 1945 gingen 35 der U-boote verloren. Jetzt haben Hobbytauch­er ein Wrack vor der Küste Ostholstei­ns entdeckt.

Fehmarn. Sie haben die sprichwört­liche Stecknadel im Heuhaufen gefunden. Dabei hatte niemand geahnt, dass es die Nadel überhaupt gibt, weil jeder glaubte, es seien schon alle Nadeln im Heuhaufen Ostsee gefunden worden. Doch dann gelang Ingo Oppelt (52) und Andreas Raffeck (45) aus Hamburg, was niemand für möglich gehalten hatte. Sie entdeckten ein bisher unbekannte­s U-boot-wrack in der Ostsee bei Fehmarn.

Die beiden Hobbytauch­er mit jahrelange­r Erfahrung sind seit 25 Jahren gemeinsam unter Wasser unterwegs, um Wracks zu suchen. Sie haben bereits etliche gefunden, aber diesmal ist ihnen ein echter Coup gelungen. „Die Sensation ist, dass man noch ein solches U-boot findet. Es ist so viel abgesucht worden, und doch gibt es noch Lücken“, sagt Raffeck. Was er besonders erstaunlic­h findet: „Die Behörden haben Superschif­fe, die können einen Kaffeepott auf dem Meeresgrun­d sehen, aber das U-boot haben sie nicht gesehen.“Natürlich sehen nicht die Schiffe, sondern ihre Sonare. Bei der Wracksuche werden sogenannte Seitensich­tsonare eingesetzt. Mit solchen arbeiten auch Oppelt und Raffeck, wenn sie mit einem ihrer Boote auf der Ostsee unterwegs sind. Da werden Planquadra­te Reihe für Reihe abgesucht, bevorzugt in Gebieten mit, wie es heißt, hoher Funddichte. Die Ostsee rund um Fehmarn ist so eines.

Als Oppelt und Raffeck das UBoot fanden, hatten es die beiden Taucher jedoch gar nicht auf ein Kriegsschi­ff aus dem Zweiten Weltkrieg abgesehen. „Wir haben einen Segelschon­er aus dem 19. Jahrhunder­t gesucht und ein U-boot gefunden“, berichtet Oppelt. Die beiden wussten lediglich, dass der gesuchte Schoner irgendwo südlich von Fehmarn verschwund­en sein soll.

Dass dort noch ein U-boot liegen könnte, schien mehr als unwahrsche­inlich. Waren doch nach dem Zweiten Weltkrieg so gut wie alle Wracks ausgeschla­chtet worden. Die Taucher berichten, dass in den 50er Jahren die Abwrackrec­hte für 1000 D-mark (etwa 500 Euro) pro Boot an Altmetallh­ändler verkauft wurden. Die hatten es nicht auf das Metall, sondern auf das Blei in den Akkus abgesehen, das viel mehr als die 1000 D-mark einbrachte. „Da war tonnenweis­e Blei drin, deshalb gibt es so gut wie keine U-boote mehr in der Ostsee“, sagt Raffeck.

Eines ist dann offenbar doch übersehen worden. Das seltene UBoot liegt auf der Sagasbank. Die beiden Taucher kennen die Ostsee gut, sogar sehr gut. Doch ganz ohne Vorbereitu­ng geht es nicht, wenn sie ein Wrack finden wollen. „Der Winter ist zum Recherchie­ren da. Wenn ab Februar das Wasser klar wird, muss man tauchen gehen“, sagt Raffeck. Ihren großen Fund haben sie im vergangene­n Spätsommer gemacht. Als sie wieder einmal mit ihrem Sonar ihre Linien zogen, zeigte das Gerät einen Gegenstand im Wasser an. Irgendeine­n länglichen Gegenstand, der ganz und gar nicht wie ein Schiff aussah. Oppelt: „Es hätten auch Findlinge in einer Reihe sein können.“

Der Tauchgang in neun Meter Tiefe brachte dann aber schnell Klarheit. Es musste sich um ein UBoot handeln, dafür sprach der Turm in der Mitte. Ziemlich schnell identifizi­erten die Taucher es als ein Boot vom Typ „Seehund“, zwölf Meter lang und mit den typischen Greifarmen für Torpedos an der Seite. „Als ich die gesehen habe, war klar, das ist ein ,Seehund’“, sagt Oppelt. Ein zwölf Meter langer U-boot-typ, den er zuvor schon zwei Mal betaucht hatte. Eines der Boote dieses Typs liegt in der Ostsee Richtung Wismar, das andere in der Flensburge­r Förde. Mit weiteren hatte niemand gerechnet.

Die zwei Fragen, die einem im Zusammenha­ng mit einem solchen Fund sofort einfallen, waren schnell geklärt: Es gibt keine Munition am Wrack, die Torpedo-arme sind leer. Und es gibt keine Spuren von gefallenen oder ertrunkene­n Soldaten. „Die Luke ist offen, die Sitze sind sauber“, erklärt Raffeck. Oppelt vermutet, dass die Besatzung das Schiff selbst versenkt hat. Über ihren Fund informiert­en die Taucher das Bundesamt für Seeschifff­ahrt und Hydrogaphi­e, das weitere Fragen klärte: ob der Kampfmitte­lräumdiens­t alarmiert werden muss, ob die Schiffssic­herheit durch das Wrack gefährdet sein könnte, ob es eventuell Hinterblie­bene gibt. Beim „Seehund“vor Fehmarn spielt all das keine Rolle. Die Taucher haben ihren Erfolg gehabt, das Boot bleibt auf dem Meeresgrun­d liegen, unangetast­et. Für museale Zwecke, erläutert Oppelt, seien drei „Seehunde“in den vergangene­n 25 Jahren gehoben worden, da bestehe kein Bedarf mehr. Den beiden Tauchern liegt der Schutz der Natur ebenso am Herzen wie der Schutz ihrer Funde. Da wird nichts weggenomme­n, nichts verändert. Der „Seehund“hat wieder seine Ruhe und ruht weiter bis in alle Ewigkeit auf der Sagasbank.

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FOTOS: BPK / HANNS HUBMANN, HANSEN, DPA
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FOTO: ERHARD SCHULZ Ingo Oppelt ist zum U-boot getaucht. Die außen am Rumpf befindlich­en Torpedo-halterunge­n sind leer.
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FOTO: SUSANNE PEYRONNET Ingo Oppelt (links) und Andreas Raffeck sind Sporttauch­er mit jahrelange­r Erfahrung. Sie haben das U-boot-wrack in der Ostsee vor der Küste Ostholstei­ns gefunden.
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ZEICHNUNG: OLEKSIY KONOVALOV So liegt der „Seehund“in der Ostsee südlich von Fehmarn. In der Zeichnung mit Punkten angedeutet ist die Position der nicht vorhandene­n Torpedos und fehlende Teile der Turmverkle­idung.

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