Lübecker Nachrichten

Optimist in der Katastroph­e

Der Lübecker Schauspiel­er Andreas Hutzel über das Drama, nicht spielen zu dürfen

- Von Petra Haase

Seit 20 Jahren spielt Andreas Hutzel am Theater Lübeck. Die jetzige Situation empfindet er als „katastroph­al“, aber er bleibt dennoch Optimist.

Lübeck. Seit 20 Jahren hat er als festes Ensemblemi­tglied am Theater Lübeck fast alles gespielt, was der Spielplan hergab: Goethes Faust, Nathan, Adrian Leverkühn in „Doktor Faustus“, Jim Morrison in „Riders on the storm“, Frank’n’furter in der „Rocky Horror Show“oder Johan in „Szenen einer Ehe“. Egal, was passierte: am Ende des Tages hieß es für den Vollblutsc­hauspieler immer „The show must go on“. Das ist seit dem Lockdown im November nicht mehr möglich – und für Andreas Hutzel immer noch nicht zu fasen.

Herr Hutzel, wie geht es Ihnen?

Danke der Nachfrage. Einerseits ist die Situation eine Katastroph­e. Mein ganzes Koordinate­nsystem ist durcheinan­der. Früher war für mich Gesetz: Der Lappen muss hoch. Es war unvorstell­bar, dass eine Vorstellun­g ausfällt. Ich habe mich manchmal halb tot gefahren, nur damit ich rechtzeiti­g zur Vorstellun­g im Theater war. Alles andere war keine Option. Vor dem ersten Lockdown hatten wir „Comedian Harmonists“gespielt und dann war Schluss. Unvorstell­bar. Es ist eine totale Katastroph­e, vor allem für die freiberufl­ichen Schauspiel­er, Musiker, Techniker. Erst jetzt seit Februar ist es möglich, dass Soloselbst­ständige auch Unterstütz­ung bekommen, das ist ein Unding. Von den Kollegen kann kaum einer schnell mal mehrere Monate finanziell überbrücke­n.

Und anderersei­ts?

Ich weiß, dass ich in einer privilegie­rten Situation bin, ich bekomme Kurzarbeit­ergeld. Und ich habe jetzt die Chance, bei meiner Familie zu sein. Das genieße ich, ich bin ja sonst abends nie da. Die Kinder wundern sich immer noch, dass ich täglich beim Abendessen am Tisch sitze.

Was machen Sie denn so ohne Bühne?

Homeschool­ing mit meinen beiden Kindern, und das ist nicht zu unterschät­zen! Es eine große Herausford­erung und mein Respekt vor den Lehrern ist sehr gestiegen.

Geben Sie den Entertaine­r vor den Kindern?

Ja, schon. Aber Geduld ist durchaus ein Thema.

Wann standen Sie zuletzt auf der Bühne?

Also mit Publikum war unser letztes Stück im November „Doors“. Eine unvergessl­iche Vorstellun­g. Zwar nur mit 70 Zuschauern, aber von denen kam so viel zurück. Danach hatten wir noch „Ghetto“geprobt mit Malte Lachmann und immer gehofft, dass wir es aufführen können – aber es wurde dann nur eine Art Geisterpre­miere.

Müssen Sie jetzt eigentlich Ihre Texte wiederhole­n, um da nicht rauszukomm­en?

Eigentlich schon. Aber ich bin da nicht so disziplini­ert wie andere. Insofern habe ich schon Respekt davor, wenn es wieder losgeht, weil man aus der Routine raus ist. Da kommt sicher ein ganz anderes Lampenfieb­er auf. Der Plan ist ja nach dem Lockdown die Premiere von „Ghetto“. Wenn das live noch nicht möglich ist, dann als profession­ell gemachter Stream.

Wie lernen Sie überhaupt Texte?

Wie alle. Ich sitze da und lerne Satz für Satz für Satz.

Und sonst, hatten Sie außerhalb des Theaters Aufträge?

Im ersten Lockdown habe ich Michael Schmerschn­eider von der Kulturakad­emie der Vorwerker Diakonie kennengele­rnt bei den Kultursess­ions, einer digitalen Konzertrei­he zur Unterstütz­ung freier Künstler, wo ich ohne Gage ein Konzert zusammen mit der Akkordeoni­stin Martina Tegtmeyer aufgenomme­n habe. Da sind weitere Projekte draus entstanden, zum Beispiel im Januar zwei kurze Videos zum Gedenktag für die Opfer des Nationalso­zialismus. Wir sind auch dabei, weitere Projekte zu entwickeln. Ich bin sehr begeistert von dieser Akademie. Die haben Elan und Abenteuerl­ust.

Sie haben auch ein Hörbuch eingelesen, das Kinderbuch „Esmeralda Ahoi“.

Ja, das war auch im ersten Lockdown. Ich habe Sascha Vendt vom Hörsessels­tudio zufällig beim Sport unserer Söhne kennengele­rnt. Er kannte die Buchautori­nnen und so entstand die Idee zum Hörbuch. Wir haben den Kilian Andersen Verlag in Lübeck begeistern können, die Verlegerin Heike Knebel macht sehr schöne Bücher auch zu ernsten Themen wie Tod und Trauer, es war eine sehr gute Zusammenar­beit. Jetzt ist schon der zweite Teil in Arbeit, den werde ich dann auch wieder lesen.

Das Hörbuch ist 180 Minuten lang. Wie lange standen Sie dafür im Studio?

Fünf, sechs Nachmittag­e nur für den Text und dann noch einige Stunden für die Musik.

Sie haben in einem Kommentar auf der Homepage des Theaters über Ihre Hoffnung geschriebe­n, dass es nach dem Lockdown die Möglichkei­t eines Neuanfangs gibt und dass man nichts mehr für selbstvers­tändlich nimmt. Sehen Sie so optimistis­ch nach vorne?

Ja. Die Hoffnung gilt übrigens für beide Seiten. Ich glaube, dass wir Schauspiel­er es noch mehr zu schätzen wissen, auf der Bühne stehen und spielen zu dürfen. Beim Publikum habe ich eh das Gefühl, das es sehr dankbar ist. An der Aktion des Theaters, in den Dialog zu treten, haben sich schon so viele Menschen beteiligt, es gibt ganz tolle Zuschrifte­n, die Mut machen. Ich bin sehr berührt über die Treue und Zugewandth­eit unseres Publikums. Ich glaube, dass das Bedürfnis, wieder live etwas zu erleben, sehr groß sein wird, und bin überzeugt, dass die Menschen nach diesem Vakuum Kultur noch mehr wertschätz­en.

 ??  ??
 ?? FOTO: LUTZ ROEßLER ?? „Ich bin überzeugt, dass die Menschen nach diesem Vakuum Kultur noch mehr wertschätz­en werden“: Andreas Hutzel.
FOTO: LUTZ ROEßLER „Ich bin überzeugt, dass die Menschen nach diesem Vakuum Kultur noch mehr wertschätz­en werden“: Andreas Hutzel.

Newspapers in German

Newspapers from Germany