50 Jah­re „Star Trek“

50 Jah­re „Star Trek“: Ei­ne per­sön­li­che Er­in­ne­rung ei­nes Fans der ers­ten St­un­de

Märkische Allgemeine - - ERSTE SEITE - Von Mat­thi­as Halbig

Es sind die wohl be­rühm­tes­ten ers­ten Sät­ze der TV-Ge­schich­te: „Der Welt­raum. Un­end­li­che Wei­ten. Wir schrei­ben das Jahr 2200. Dies sind die Aben­teu­er des Raum­schiffs En­ter­pri­se.“Vor 50 Jah­ren lief auf dem US-Sen­der NBC die ers­te Fol­ge von „Star Trek“, un­ter an­de­rem mit dem Vul­ka­nier Mr. Spock.

Der Welt­raum, un­end­li­che Wei­ten …“– mit die­sen Wor­ten be­gann je­de Fol­ge von „Raum­schiff En­ter­pri­se“. Und was al­les von die­sem un­end­li­chen Welt­raum an Ver­spre­chen ein­ge­löst wur­de: Es gab von In­dia­nern be­wohn­te Pla­ne­ten, sol­che mit Göt­tern des Olymps und sol­che mit Abra­ham-Lin­coln-Re­inkar­na­tio­nen.

Da­zu ka­men klei­ne pel­zi­ge gur­ren­de Tribbles, die aus­sa­hen wie le­ben­de Staubs­wif­fer und sich ex­plo­si­ons­ar­tig ver­meh­ren, son­nen­sys­tem­fres­sen­de Amö­ben und das All durch­schwe­ben­de Welt­un­ter­gangs­ma­schi­nen. Die gan­ze Pa­let­te der Wun­der von über­über­mor­gen! Und vor al­lem war da ein au­ßer­ir­di­scher Ers­ter Of­fi­zier na­mens Mis­ter Spock, mit spit­zen Oh­ren und Prinz-Ei­sen­herz-Fri­sur, des­sen vul­ka­ni­schen V-Gruß wir uns in der vier­ten Klas­se so­fort bei­brach­ten – mit­tels ei­nes st­un­den­lang zwi­schen Ring- und Mit­tel­fin­ger ge­klemm­ten Ra­dier­gum­mis.

Wo­chen fie­ber­ten wir dem 27. Mai 1972 ent­ge­gen: Zu­kunfts­se­ri­en hat­ten da­mals Sel­ten­heits­wert. Und „Raum­schiff En­ter­pri­se“lief nicht et­wa spät­abends wie zu­vor die für Schü­ler qua­si un­er­reich­ba­ren „In­va­si­on von der We­ga“und „Ufo“. Nein – am hell­lich­ten Sonn­abend­nach­mit­tag soll­te es ins All ge­hen, auf dem Dschun­gel­sen­de­platz zwi­schen „Län­der­spie­gel“und „ZDF-Hit­pa­ra­de“, wo zu­vor Tar­zan an Lia­nen ge­han­gelt und der Dak­ta­ri in sei­ner Ur­wald­pra­xis Wa­me­ru sei­nem schie­len­den Lö­wen die Mäh­ne ge­krault hat­te.

Und dann wur­de aus­ge­rech­net für die­sen letz­ten Mai­sonn­abend der Start der Grill­sai­son 1972 aus­ge­ru­fen. Zum Glück stand ein Wohn­wa­gen auf dem Ge­län­de, zu des­sen Ein­rich­tung ein Schwar­zWeiß-Fern­se­her zähl­te. Der wur­de Punkt 17.45 Uhr an­ge­wor­fen, und ei­ne Män­ner­stim­me ver­kün­de­te uns Bu­ben und Mäd­chen zu Brat­wurst mit Senf, es wer­de das Jahr 2200 ge­schrie­ben und dass dies die Aben­teu­er des „Raum­schiffs En­ter­pri­se“sei­en. Zu ei­nem poin­ti­lis­ti­schen Gris­sel­bild wur­de ich an die­sem Nach­mit­tag Trek­kie. Dar­an konn­ten sechs Jah­re spä­ter auch Darth Va­der und Lu­ke Sky­wal­ker mit ih­rem „Krieg der Ster­ne“nichts än­dern. Vor 44 Jah­ren brach das „Raum­schiff En­ter­pri­se“in Deutsch­land zu sei­ner Fünf­jah­res­mis­si­on auf. In den USA war das be­reits am 8. Sep­tem­ber 1966 ge­sche­hen. In „Star Trek“(so heißt die Se­rie im Ori­gi­nal) dran­gen Cap­tain Ja­mes T. Kirk, Spock, Dr. „Pil­le“Mc Coy, Scot­ty, Che­kov, Su­lu und die schö­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­frau Uhu­ra fort­an in Wel­ten vor, die nie ein Mensch und schon gar kein un­ter­frän­ki­sches Kind je zu­vor ge­se­hen hat­te. Und was für ein Raum­schiff das war: kei­ne fla­che Un­ter­tas­se und auch kei­ne Ra­ke­te, son­dern ein duf­te fe­mi­nin ge­schwun­ge­ner Welt­raum­schwan. Ich war ver­liebt in ein Raum­schiff, eins, das wahr­lich fu­tu­ris­tisch ein­ge­rich­tet war und nicht wie die deut­sche „Ori­on“mit Quirl und Bü­gelei­sen ge­steu­ert wur­de. Die Mis­ter-Spock-Kern­vo­ka­beln „lo­gisch“und „fas­zi­nie­rend“fan­den so­fort Ein­gang in die All­tags­spra­che. Man ver­wen­de­te sie, wo im­mer es ging („Has­te auch ein Bo­nan­za­rad?“– „Lo­gisch“– „Fas­zi­nie­rend“), und al­les wur­de ge­mäß der ato­mi­sie­ren­den Mann­schafts­trans­port­wei­se im Jahr 2200 nur noch „ge­beamt“(„Beams­te mir mal die But­ter rü­ber, bit­te?“).

Dass uns die pa­zi­fis­ti­sche, in­ter­na­tio­na­le „En­ter­pri­se“-Be­sat­zung zu Frei­heit, Gleich­heit, Brü­der­lich­keit er­zog, ge­schah ganz ne­ben­bei. Als ich mich an Fa­sching 1973 als Cap­tain Kirk ko­s­tü­mier­te (fälsch­li­cher­wei­se in blau­er Uni­form, weil ich kei­nen gel­ben Ni­cki-Schlaf­an­zug hat­te), war mein Pha­ser (Ma­mas uto­pisch wir­ken­der Fünf­zi­ger­jah­re-Föhn wur­de vom Ka­bel be­freit) zu­nächst auf Be­täu­bung ge­stellt. Erst als die vie­len Win­ne­tous im Pfarr­saal mit ih­ren Gum­mi­b­ei­len all­zu der­be auf mich ein­hie­ben und mir ein weib­li­cher Clown das mit Uhu auf den Py­ja­ma ge­kleb­te, „A“-ähn­li­che Fö­de­ra­ti­ons­ab­zei­chen von der Brust ge­ris­sen hat­te, wur­den erst der Schal­ter, da­nach Clown und Apa­chen um­ge­legt.

Fan­lie­be war 1972 noch ein har­tes Brot. Da­mals gab es we­der Vi- de­os noch In­ter­net, man war noch an fest­ge­leg­te Sen­de­zei­ten ge­bun­den, Wie­der­ho­lung aus­ge­schlos­sen. Es gab kei­ne Bau­sät­ze und Ac­tion­fi­gu­ren. Auch die ers­te deut­sche „Star Trek“-Con­ven­ti­on lag noch 20 Jah­re in der Zu­kunft. So bas­tel­te ich mir aus al­lem Mög­li­chen schie­fe Klin­go­nen­schif­fe und freu­te mich auf die Fern­seh­zeit­schrift „Gong“, die nicht in Deutsch­land ge­zeig­te „En­ter­pri­se“-Fol­gen (40 der 79 Fol­gen be­fand das ZDF für un­in­ter­es­sant oder zu bru­tal) als Fo­to­ro­ma­ne brach­te. Ich hat­te bis zum Aus­zug von zu Hau­se ein klei­nes Pos­ter von Spock mit dem Spreiz­fin­ger­gruß am Klei­der­schrank hän­gen. Und ich schick­te im Som­mer 1972 ei­ne in­ter­na­tio­na­le Ant­wort­post­kar­te mit der Bit­te um ein Au­to­gramm von Cap­tain Kirk los. Sie kam nie zu­rück. Ich ver­mu­te, dass sie auf dem Weg ins Jahr 2200 in ir­gend­ei­nem Wurm­loch ste­cken ge­blie­ben ist. Sind halt un­end­li­che Wei­ten in die­sem ver­flix­ten Welt­raum.

FO­TO: PARAMOUNT

Ei­ner muss ster­ben – wer wohl? Das Lan­dungs­team der „En­ter­pri­se“, be­ste­hend aus Dr. McCoy (v. l.), Mis­ter Spock, dem ob­li­ga­to­ri­schen, un­be­kann­ten Be­sat­zungs­mit­glied und Cap­tain Kirk.

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