Ab­schied von der Koh­le

Im Ha­fen Kö­nigs Wus­ter­hau­sen wur­de der letz­te Braun­koh­le­wag­gon ent­la­den – für die Stadt geht da­mit ei­ne Ära zu En­de

Märkische Allgemeine - - BRANDENBURG / BERLIN - Von Fran­zis­ka Mohr

Kö­nigs Wus­ter­hau­sen. „Den gu­ten Steu­er­mann lernt man erst im Sturm ken­nen.“Die­se Le­bens­weis­heit des rö­mi­schen Phi­lo­so­phen Se­ne­ca ist schon seit ei­ni­gen Jah­ren im Trep­pen­haus der Lu­tra Gm­bH zu le­sen. Wie viel Wahr­heit dar­in steckt, wur­de so man­chem Lu­tra-Mit­ar­bei­ter die­ser Ta­ge er­neut be­wusst. Das Un­ter­neh­men, ei­ne hun­dert­pro­zen­ti­ge Toch­ter der Stadt Kö­nigs Wus­ter­hau­sen (Dah­me-Spree­wald), steht vor gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen. Der Grund ist die An­kün­di­gung des Kon­zerns Vat­ten­fall, die Braun­koh­le-Ver­feue­rung im Heiz­kraft­werk in Ber­lin-Rum­mels­burg be­reits am 24. Mai und nicht wie ur­sprüng­lich an­ge­kün­digt 2019 oder gar erst 2021 ein­zu­stel­len.

Ei­ne Zä­sur nicht nur für den seit über 100 Jah­ren be­ste­hen­den Ha­fen und sei­ne noch 34 Mit­ar­bei­ter, son­dern für die ge­sam­te Stadt Kö­nigs Wus­ter­hau­sen. An der 1986 er­rich­te­ten Kipp­an­la­ge fuhr der letz­te Zug mit Roh­braun­koh­le aus dem Lau­sit­zer Ta­ge­bau Wel­zow-Süd vor. Für den Lu­tra-Mit­ar­bei­ter KlausDie­ter Zipp­ler sind die 39 Wag­gons mit den 2000 Ton­nen Koh­le seit mehr als 40 Jah­ren Rou­ti­ne. Zu­mal im Win­ter je­den Tag gleich vier Zü­ge mit 156 Wag­gons und 8000 Ton­nen Koh­le an­roll­ten, da­mit das Kraft­werk Klin­gen­berg et­wa 151 000 Haus­hal­te mit Strom und 300 000 mit Fern­wär­me ver­sor­gen konn­te.

Den­noch merkt man Zipp­ler die Er­re­gung an. „Es ist ein Scheiß­ge­fühl, dass es heu­te das letz­te Mal ist“, sagt er. Schließ­lich ha­be hier schon sein Groß­va­ter ge­ar­bei­tet. Und sei­ne Mut­ter Mar­tha ent­lud in den 1930er-Jah­ren die Wag­gons teil­wei­se noch mit der Hand. „Der Ha­fen ist mein Le­ben“, sagt der 62Jäh­ri­ge, der ge­hofft hat­te, mit der Koh­le noch die Ren­te zu er­rei­chen.

Ähn­lich er­geht es sei­nem 61-jäh­ri­gen Kol­le­gen Rai­ner Her­furth, der im Steu­er­haus der Kipp­an­la­ge mit zit­tern­der Hand auf den Knopf drückt, um den letz­ten der 39 Wag­gons zum Ent­la­den auf das Schiff an­zu­kip­pen. Fast gleich­mä­ßig rie­seln die 50 Ton­nen Koh­le aus dem letz­ten Wag­gon auf das Schiff. Ei­ne Mit­ar­bei­te­rin wischt sich die Trä­nen ab und wirft ei­nen Blu­men­strauß auf den Koh­le­hau­fen des Schif­fes.

Der Steu­er­mann des Schub­boo­tes, Andre­as Paul, be­glei­tet dies mit ei­nem dröh­nen­den Hu­pen. Auch für ihn geht ei­ne Ära zu En­de. Der 58Jäh­ri­ge fuhr seit 1982 fast täg­lich mit dem Schiff von Kö­nigs Wus­ter­hau­sen nach Klin­gen­berg. Auf der drei­stün­di­gen Stre­cke kennt er, wie er Seit 1957 gab es ei­ne Kipp­an­la­ge für Koh­le, die sich da­mals aber am Not­te­ka­nal be­fand, ehe 1986 die heu­ti­ge an der Dah­me er­rich­tet wur­de. sagt, „je­des Was­ser­loch“. Der Bin­nen­schif­fer ist froh, dass es für ihn fort­an wei­ter­geht. Er wird Sand aus Ei­sen­hüt­ten­stadt be­zie­hungs­wei­se Ge­trei­de aus Fürs­ten­wal­de ho­len.

Ge­kom­men sind auch Mit­ar­bei­ter der Was­ser­schutz­po­li­zei. „Der Be­trieb der Kipp­an­la­ge wird uns feh­len“, sagt Hei­ko Jusch­kat. Nach­denk­lich steht Frank Milb­radt vorm Steu­er­haus der Kipp­an­la­ge. „Ich ha­be mor­gen mein 30-jäh­ri­ges Be­triebs­ju­bi­lä­um“, sagt er lei­se. Der 52-Jäh­ri­ge kann sei­ne Sor­ge um die Zu­kunft schwer ver­ber­gen. Der 31jäh­ri­ge Mat­thi­as Vo­gel ist be­reits ge­kün­digt. „Ich ha­be hier zwei­ein­halb Jah­re su­per mit den Kol­le­gen zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Da woll­te ich den Um­schlag des letz­ten Koh­len­zu­ges nicht ver­pas­sen“, sagt er. Ei­ne Zeit­ar­beits­fir­ma hat ihm ei­nen neu­en Job in Aus­sicht ge­stellt.

„Wir ha­ben teil­wei­se vier Pull­over an­ge­zo­gen, um bei der Käl­te Die kom­mu­na­le Lu­tra Mit­tel­bran­den­bur­gi­sche

hat jähr­lich an die Stadt ei­nen Ge­winn von 100 000 Eu­ro ab­ge­führt. Das ist 2017 vor­bei. durch­zu­hal­ten“, er­in­nert sich Ha­fen­meis­ter Det­lef Jak­scha­gu­loff. Die Klap­pen der Wag­gons wa­ren stän­dig zu­ge­fro­ren. Das schweiß­te die Män­ner zu­sam­men, so dass es am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag nicht vie­ler Wor­te be­durf­te. Je­der wuss­te, wie dem an­de­ren zu­mu­te war. Da schweif­te ihr Blick über all das, was über die Jah­re im Ha­fen ent­stan­den ist. Die neue Brü­cke, die Nord- und Süd­ha­fen ver­bin­det, die ver­län­ger­ten Kai­mau­ern, die neue An­bin­dung zur Au­to­bahn. Bran­den­burg und die EU in­ves­tier­ten nach der Wen­de 65 Mil­lio­nen Eu­ro För­der­gel­der in den Aus­bau des Ha­fens.

Je­mand ruft: „Auf­stel­len zum letz­ten Grup­pen­bild“. Die Frau­en und Män­ner ver­su­chen noch ein we­nig zu lä­cheln. „Bei der Er­öff­nung der neu­en Brü­cke und der Über­ga­be von För­der­schecks wim­mel­te es hier nur so vor Mi­nis­tern und Ab­ge­ord­ne­ten. Heu­te aber lässt sich nicht ein­mal der Bür­ger­meis­ter bli­cken“, ist aus ei­ner Ecke zu ver­neh­men. Selbst Lu­tra-Ge­schäfts­füh­rer Rein­hard Schus­ter be­fin­det sich auf ei­ner Mes­se in Mün­chen.

In­zwi­schen ist das letz­te Schiff mit 850 bis 900 Ton­nen Koh­le be­la­den. Zum Ab­schied plat­ziert KlausDie­ter Zipp­ler dar­auf ei­nen von den Kol­le­gen ge­fer­tig­ten Kranz mit der Auf­schrift „Der letz­te Gruß“. Es be­ginnt die letz­te Koh­le­fahrt nach Klin­gen­berg. Der Ha­fen war­tet dar­auf, dass ein neu­es, kli­ma­freund­li­ches Ka­pi­tel auf­ge­schla­gen wird. Schließ­lich ori­en­tiert sich die zwei­te Le­bens­weis­heit im Lu­tra-Ge­bäu­de an He­ra­klit „Al­les fließt, nichts ist fest.“Kon­zep­tio­nell wird an ei­nem Um­schlag­ter­mi­nal für Sat­tel­auf­lie­ger auf den Bahn­ver­kehr ge­ar­bei­tet.

FO­TO: F. MOHR

Die Mit­ar­bei­ter der Lu­tra so­wie der Was­ser­schutz­po­li­zei schau­en dem Um­schlag der letz­ten Braun­koh­le an der Kipp­an­la­ge an der Dah­me zu.

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