Ka­ta­stro­phen­tag für die tür­ki­sche Wirt­schaft

Prä­si­dent Do­nald Trump ver­dop­pelt Ein­fuhr­zöl­le auf Stahl und Alu­mi­ni­um – Ankara kämpft mit neu­em Wirt­schafts­plan ge­gen Kurs­ver­fall

Märkische Allgemeine - - ERSTE SEITE - Von Gerd Höhler

Die tür­ki­schen Lan­des­wäh­rung be­fin­det sich im frei­en Fall. Prä­si­dent Er­do­gan be­schul­digt den Wes­ten. Und US-Prä­si­dent Trump ver­schärft auch noch die Straf­zöl­le.

Ankara. US-Prä­si­dent Do­nald Trump ver­schärft den Streit mit der Tür­kei: Auf Twit­ter schrieb er, er ha­be ei­ne Ver­dop­pe­lung der Ein­fuhr­zöl­le auf Stahl und Alu­mi­ni­um aus der Tür­kei an­ge­ord­net. Der Zoll auf Alu­mi­ni­um­im­por­te wer­de auf 20 Pro­zent er­höht, der auf Stahl­im­por­te auf 50 Pro­zent. Die Nach­richt führ­te so­fort da­zu, dass die tür­ki­sche Wäh­rung wei­ter nach­gab.

Schon am Frei­tag­mor­gen hat­te sich der Kurs­ver­fall der Li­ra dra­ma­tisch be­schleu­nigt. Zeit­wei­lig ver­lor die Wäh­rung ge­gen­über dem Dol­lar mehr als 18 Pro­zent. Das war der größ­te Kurs­ver­lust an ei­nem ein­zi­gen Tag seit der schwe­ren tür­ki­schen Fi­nanz­kri­se von 2001. Auch zum Eu­ro stürz­te die Li­ra auf ein neu­es his­to­ri­sches Tief. Vor al­lem die ho­he In­fla­ti­on und die Sor­gen vor po­li­ti­schen Span­nun­gen mit den USA drü­cken die Li­ra. Seit Jah­res­be­ginn hat die Li­ra 66 Pro­zent ih­res Wer­tes ver­lo­ren.

Die USA for­dern die Frei­las­sung des in der Tür­kei fest­ge­hal­te­nen US-Pas­tors And­rew Brun­son und wei­te­rer ame­ri­ka­ni­scher Staats­bür­ger. Wa­shing­ton hat­te des­we­gen ver­gan­ge­ne Wo­che Sanktionen ge­gen den tür­ki­schen In­nen­mi­nis­ter Sü­ley­man Soylu und ge­gen Jus­tiz­mi­nis­ter Ab­dül­ha­mit Gül ver­hängt. Da­mit wer­den mög­li­che Ver­mö­gen der Mi­nis­ter in den USA ein­ge­fro­ren, au­ßer­dem dür­fen US-Bür­ger kei­ne Ge­schäf­te mit ih­nen ma­chen. Der tür­ki­sche Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan er­ließ dar­auf­hin eben­falls Sanktionen ge­gen US-Mi­nis­ter. Die Tür­kei hat ge­gen den im De­zem­ber 2016 fest­ge­nom­me­nen Geist­li­chen Spio­na­ge- und Ter­ror­vor­wür­fe er­ho­ben.

In Ankara er­läu­ter­te Fi­nanz­mi­nis­ter Be­rat Al­bay­rak der­weil vor Wirt­schafts­ver­tre­tern die Leit­li­ni­en ei­nes neu­en mit­tel­fris­ti­gen Wirt­schafts­plans. Da­nach nimmt die Re­gie­rung ihr dies­jäh­ri­ges Wachs­tums­ziel von bis­her 5 auf „3 bis 4 Pro­zent“zu­rück. Im ver­gan­ge­nen Jahr war das tür­ki­sche Brut­to­in­lands­pro­dukt (BIP) noch um 7,4 Pro­zent ge­wach­sen, vor al­len dank staat­li­cher Kon­junk­tur­pro­gram­me. Die In­fla­ti­on, die im Ju­li 15,8 Pro­zent er­reich­te, will Fi­nanz­mi­nis­ter Al­bay­rak bis zum Jah­res­en­de un­ter 10 Pro­zent und das Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zit von der­zeit 5 auf 4 Pro- zent des BIP drü­cken. Das Haus­halts­de­fi­zit soll auf 1,5 Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung be­grenzt wer­den. Al­bay­rak ver­si­cher­te, die Zen­tral­bank blei­be un­ab­hän­gig.

Die Eck­da­ten des neu­en Wirt­schafts­pla­nes deu­ten dar­auf hin, dass die Re­gie­rung beim Wachs­tum den Fuß vom Gas nimmt, um ei­ne dro­hen­de Über­hit­zung zu ver­mei­den. Ob das reicht, das er­schüt­ter­te Ver­trau­en der An­le­ger und In­ves­to­ren zu­rück­zu­ge­win­nen, ist aber of­fen.

Er­do­gan sprach ges­tern von ei­nem „Wirt­schafts­krieg“, den sein Land je­doch ge­win­nen wer­de. Er sieht hin­ter dem Wäh­rungs­ver­fall ei­ne Ver­schwö­rung ge­gen die Tür­kei. Be­reits am Don­ners­tag­abend hat­te er ver­sucht, sei­ne Zu­hö­rer zu be­ru­hi­gen: „Die an­de­ren mö­gen ih­re Dol­lars ha­ben, aber wir ha­ben un­ser Volk und Al­lah.“Am Frei­tag rief er die Tür­ken er­neut da­zu auf, Dol­lar, Eu­ro und Gold in die Lan­des­wäh­rung um­zu­tau­schen. Da­bei han­de­le es sich um ei­ne „na­tio­na­le An­stren­gung“, so Er­do­gan. Die meis­ten Tür­ken le­gen ih­re Er­spar­nis­se tra­di­tio­nell in har­ten Wäh­run­gen oder in Gold an, um der In­fla­ti­on ein Schnipp­chen zu schla­gen.

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