Auf der Su­che nach der Kar­tof­fel der Zu­kunft

Was müs­sen die Kar­tof­fel­bau­ern in In­di­en, Deutsch­land und Sü­deng­land be­den­ken? Bei der Po­ta­to Eu­ro­pe geht es um Dür­re, Gly­pho­sat und ver­än­der­te Ess­ge­wohn­hei­ten

Märkische Allgemeine - - WIRTSCHAFT - Von Patrick St­ein und Ralf Krü­ger

Sprin­ge.

Stau­nend blickt Amal Kur­a­mi auf die haus­ho­he Ma­schi­ne, die sich mit er­staun­li­cher Prä­zi­si­on ih­ren Weg über den Kar­tof­fel­acker tas­tet. Ja, schön sei das, sagt der et­wa 40Jäh­ri­ge. Aber in sei­ner Hei­mat, in In­di­en, könn­te man das nicht ge­brau­chen. Dort sei­en die Fel­der klei­ner, die meis­ten Hö­fe Selbst­ver­sor­ger – da brau­che man eher klei­nes Ge­rät. Wich­tig sei­en aber in je­dem Fall Kennt­nis­se über mo­der­ne An­bau­me­tho­den, er­gänzt Kur­a­mi – und des­halb hat der Kar­tof­fel­bau­er sich auf den Weg ge­macht, ein­mal um die hal­be Welt, in die Re­gi­on Han­no­ver. Al­le vier Jah­re nur tref­fen sich hier, auf dem Gut Bo­ckero­de bei Sprin­ge Kar­tof­fel-Ex­per­ten aus al­ler Welt auf der Po­ta­to Eu­ro­pe. Über 10 000 Gäs­te wa­ren in den ver­gan­ge­nen Ta­gen dort – nicht nur aus dem mit­tel­eu­ro­päi­schen Aus­land, son­dern auch aus Ost- und Süd­ost­eu­ro­pa, Russ­land, Süd­ame­ri­ka, Chi­na und In­di­en.

Die Mes­se wird von der Deut­schen Land­wirt­schafts-Ge­sell­schaft und den Land­wirt­schafts-Ge­sell­schaf­ten aus Frank­reich, Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den or­ga­ni­siert. 239 Aus­stel­ler aus 14 Län­dern ga­ben in die­sem Jahr ei­nen Ein­blick in neue Kar­tof­fel­sor­ten, tech­ni­sche Neue­run­gen in Bo­den­be­ar­bei­tung, Le­gen, Ro­den und Ver­la­den.

Die Dür­re­pe­ri­ode ist ei­nes der gro­ßen The­men: Ganz Eu­ro­pa hat­te mo­na­te­lang mit Dür­re zu kämp­fen. „Wir ha­ben in die­sem Jahr ei­nen mas­si­ven Ein­bruch in der Kar­tof­fel­ern­te er­lebt. Wir hal­ten jetzt Aus­schau nach neu­en Kar­tof­fel­sor­ten, die mit ei­ner an­de­ren Wit­te­rung bes­ser zu­recht­kom­men als die Sor­ten, die wir bis­lang an­ge­baut ha­ben“, sagt Ian Crow­ley aus Sü­deng­land.

„Das führt zwangs­läu­fig zu ei­ner eu­ro­pa­wei­ten Er­trags­min­de­rung. Die Pom­mes-Her­stel­ler kön­nen ein­fach sa­gen, wir ma­chen die Pom­mes kür­zer und die Prei­se hö­her. Als Spei­se­kar­tof­fel-Her­stel­ler hat man es da nicht so leicht, wir müs­sen uns et­was an­de­res ein­fal­len las­sen“, sagt Jo­erg Eg­gers von Eu­ro­plant, ei­ner der füh­ren­den Kar­tof­fel­zucht­fir­men Deutsch­lands. Auf ei­nem Ver­suchs­ge­län­de wer­den mehr als 30 Kar­tof­fel­sor­ten vor­ge­stellt, die an un­ter­schied­li­che Wit­te­run­gen und Bo­den­ver­hält­nis­se an­ge­passt sind.

Aber nicht nur die Züch­ter sind ge­for­dert. Mit neu­en Re­ge­lun­gen im Dün­ge­mit­tel- und Pflan­zen­schutz­ge­setz müs­sen sich vie­le Kar­tof­fel­an- bau­er an­de­re Stra­te­gi­en er­ar­bei­ten, wie sie ei­nen gu­ten Er­trag bei gleich­zei­tig ho­her Qua­li­tät er­zeu­gen kön­nen. Dar­um ist ein Schwer­punkt der Mes­se auf öko­lo­gi­schen Kar­tof­fel­an­bau hin aus­ge­rich­tet.

Auch das um­strit­te­ne Her­bi­zid Gly­pho­sat spielt im Hin­ter­grund ei­ne Rol­le – die Bran­che ori­en­tiert

Ian Crow­ley, Kar­tof­fel­bau­er aus Sü­deng­land

sich neu und sucht nach Al­ter­na­ti­ven zum lan­ge Jah­re gän­gigs­ten Un­kraut­ver­nich­tungs­mit­tel, dem jetzt aber ein Aus­lau­fen der Zu­las­sung droht. Vie­le Stän­de in­for­mie­ren über bio­lo­gi­sche Dün­ge­mit­tel und Me­tho­den der Un­kraut­be­kämp­fung. Ei­ne Neue­rung ist die Feld­vor­füh­rung von Me­tho­den der me­cha­ni- schen Un­kraut­re­gu­lie­rung. Mit spe­zi­el­len Ma­schi­nen kann das Kraut ent­we­der zer­hackt, aus­ge­schla­gen, ther­misch ver­nich­tet oder mit Hoch­span­nung mi­ni­miert wer­den.

Da­ne­ben zie­hen die Vor­füh­run­gen der Le­ge- und Ern­te­ma­schi­nen Be­su­cher an. Mit im­mer grö­ße­ren und ef­fi­zi­en­te­ren Ma­schi­nen wol­len die Her­stel­ler das Op­ti­mum aus den Bö­den her­aus­ho­len, oh­ne die­se da­bei zu schä­di­gen. „Wir ent­wi­ckeln ge­mein­sam mit den An­wen­dern. Der Fah­rer ist nach wie vor das wich­tigs­te Glied, aber wir wol­len ihm die Ar­beit so leicht wie mög­lich ma­chen“, sagt Phil­ipp Grim­me vom gleich­na­mi­gen Land­tech­nik-Her­stel­ler.

Au­ßer mit ak­tu­el­len Wet­ter­la­gen und Po­li­ti­kent­schei­dun­gen muss die Kar­tof­fel auch mit dem sich wan­deln­den Zeit­geist um­ge­hen. Bun­des­weit ma­chen dem eins­ti­gen Lieb­ling der deut­schen Küche ver­än­der­te Ess­ge­wohn­hei­ten und re­gio­na­le Be­son­der­hei­ten zu schaf­fen. An­ge­sichts des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels mit im­mer klei­ne­ren Fa­mi­li­en geht der Trend seit Jah­ren weg von der rei­nen Spei­se­kar­tof­fel und hin zu ver­ar­bei­te­ten Kar­tof­fel­pro­duk­ten wie Kro­ket­ten, Gra­tins oder Puf­fern. „Ein Me­ga­trend, der wei­ter an­hält“, sagt Martin Um­hau, Kar­tof­fel­bau­er aus Sach­sen und DLG-Auf­sichts­rats­mit­glied.

Zu­dem gibt es in Kar­tof­felDeutsch­land ei­ne Nord-Süd-Spal­tung. Raue Scha­le, wei­cher Kern – so liebt man sie im Os­ten und Sü­den, wo die meh­li­gen Va­ri­an­ten et­wa in Bay­ern oder Thü­rin­gen auch für Knö­del hoch im Kurs ste­hen. „Die Nord­deut­schen da­ge­gen mö­gen es eher fest­ko­chend und kna­ckig“, sagt Um­hau. Die Sor­te Be­la­na ist deutsch­land­weit am be­lieb­tes­ten, sagt Eu­ro­plant-Ge­schäfts­füh­rer Eg­gers. Die Viel­falt ist enorm: Sie reicht von Bint­je über De­si­rée, Fes­to und So­kra­tes bis hin zu Xer­xes oder Tra­bant.

Wir hal­ten jetzt Aus­schau nach neu­en Kar­tof­fel­sor­ten.

FO­TOS: OLE SPATA/DPA

Ran an die Ma­schi­nen: Auf dem Feld in Sprin­ge bei Han­no­ver geht es auch dar­um, wie die Kar­tof­fel­ern­te op­ti­miert wer­den kann.

Ma­schi­nen, so groß und teu­er wie klei­ne Ein­fa­mi­li­en­häu­ser.

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