Dia­gno­se: Qu­er­schnitt­läh­mung

Ex­per­te zu The­ra­pie­mög­lich­kei­ten – Be­we­gungs­trai­ning regt Funk­tio­nen des Rü­cken­marks an

Märkische Allgemeine - - WISSENSCHAFT - Von Wal­ter Wil­lems

Nach ei­nem Trai­nings­un­fall im Ju­ni ist die deut­sche Bahn­rad-Olym­pia­sie­ge­rin Kris­ti­na Vo­gel quer­schnitts­ge­lähmt. Ihr Rü­cken­mark ist am sieb­ten Brust­wir­bel durch­trennt. Was das be­deu­tet, er­läu­tert der Lei­ter der Sek­ti­on Ex­pe­ri­men­tel­le Neu­ro­reha­bi­li­ta­ti­on in der Kli­nik für Pa­ra­ple­gio­lo­gie am Uni­k­li­ni­kum Hei­del­berg, Rüdiger Rupp.

Was be­deu­tet ei­ne Qu­er­schnitts­läh­mung am sieb­ten Brust­wir­bel?

▶ Bei ei­ner Qu­er­schnitt­läh­mung wird das Rü­cken­mark, das in­ner­halb der Wir­bel­säu­le ver­läuft, ge­schä­digt. Da­bei wer­den die Ner­ven­ver­bin­dun­gen zwi­schen Ge­hirn und je­nen Mus­keln, die un­ter­halb der Ver­let­zung lie­gen, un­ter­bro­chen. Ei­ne Ver­let­zung im sieb­ten Brust­wir­bel heißt, dass die Bei­ne ge­lähmt sind. Aber auch Bla­se und Darm kön­nen nicht mehr will­kür­lich ge­steu­ert wer­den.

Wel­che the­ra­peu­ti­schen Mög­lich­kei­ten gibt es?

▶ Das hängt ent­schei­dend da­von ab, wie vie­le Ner­ven­bah­nen im Rü­cken­mark un­ter­bro­chen sind. Je we­ni­ger Ge­we­be ge­schä­digt ist, des­to grö­ßer ist die Aus­sicht auf ei­ne Er­ho­lung von Funk­tio­nen. „Bei ei­ner kom­plet­ten Durch­tren­nung ist die Chan­ce sehr ge­ring“, sagt Rupp. Ur­säch­li­che The­ra­pi­en, bei de­nen man die Ner­ven­fa­sern im Rü­cken­mark wie­der zum Wach­sen an­regt, ge­be es in die­sem Fall der­zeit nicht. „Al­ler­dings ist das Rü­cken­mark nur in den we­nigs­ten Fäl­len wirk­lich kom­plett durch­trennt. Oft sind noch ein­zel­ne Ner­ven­fa­sern er­hal­ten.“

Was be­deu­tet das?

▶ Er­hal­te­ne Tei­le des Rü­cken­marks kön­nen wie­der Funk­ti­ons­ge­win­ne er­mög­li­chen. Das kann aber meh­re­re Mo­na­te dau­ern und ist auch ei­ne Fra­ge des Trai­nings. „Das Rü­cken­mark ist nicht nur ei­ne Art Ka­bel, das das Ge­hirn mit den Mus­keln ver­bin­det, son­dern es ist ein Teil des Ge­hirns und kann sich re­or­ga­ni­sie­ren“, sagt Rupp. Wich­tig beim Trai­ning sind The­ra­pi­en am Lauf­band, et­wa mit Exo­s­ke­let­ten, die die Be­we­gun­gen der Pa­ti­en­ten un­ter­stüt­zen. „In­zwi­schen ist die Tech­nik so weit, dass die Be­we­gungs­ab­sicht durch Elek­tro­den am Ge­hirn er­fasst wird, und das Exo­s­ke­lett setzt die­se Be­we­gung um“, sagt Rupp. „So kön­nen wir Pa­ti­en­ten ak­ti­ver in die The­ra­pie ein­bin­den. Das ist ganz wich­tig. Denn wer nicht trai­niert, ge­winnt de­fi­ni­tiv kei­ne Funk­ti­on zu­rück.“

Wo steht die the­ra­peu­ti­sche For­schung der­zeit?

▶ Zur­zeit lau­fen kli­ni­sche Stu­di­en, bei de­nen man ver­sucht, das Ner­ven­wachs­tum im Rü­cken­mark wie­der an­zu­re­gen. In Hei­del­berg soll An­fang nächs­ten Jah­res ei­ne Stu­die be­gin­nen, bei der ein An­ti­kör­per ins Rü­cken­mark ge­ge­ben wird. Der soll da­für sor­gen, dass Ner­ven wie­der zum Sprie­ßen an­ge­regt wer­den. In den USA lau­fen Stu­di­en mit Stamm­zel­len. Mög­lich ist, dass Pa­ti­en­ten da­mit wie­der un­ter­halb der Ver­let­zung et­was spü­ren kön­nen. „Aber dass Men­schen in den nächs­ten zehn Jah­ren da­durch un­ab­hän­gig vom Roll­stuhl wer­den kön­nen, ist nach ak­tu­el­lem Stand un­wahr­schein­lich“, sagt Rupp.

Ha­ben Spit­zen­sport­ler ei­ne bes­se­re Pro­gno­se als an­de­re Men­schen?

▶ „Sport­ler ha­ben ge­ne­rell kei­ne grö­ße­ren Chan­cen auf Funk­ti­ons­ge­win­ne“, sagt Rupp. Letzt­lich hän­ge die Pro­gno­se von sehr vie­len in­di­vi­du­el­len Fak­to­ren ab.

FO­TOS: IM­A­GO/MAT­THI­AS KOCH

Kris­ti­na Vo­gel in die­ser Wo­che auf dem Weg zur Pres­se­kon­fe­renz im Un­fall­kran­ken­haus in Ber­lin (gro­ßes Bild) und bei der Bahn­rad-WM im März 2018 in den Nie­der­lan­den.

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