„Ei­ne Spen­de soll Spen­de blei­ben“

MAZ-Le­ser dis­ku­tie­ren zur Wi­der­spruchs­lö­sung bei der Or­gan­spen­de

Märkische Allgemeine - - LESERFORUM - Ka­rin Mar­kert, Pots­dam Stef­fen Schu­mann, MAZ-Face­book Hans-Joa­chim Schulz, Zeh­de­nick In­grid Irm­scher, Pots­dam Hel­mut Krü­ger, Pots­dam Da­ri­us Höh­ne, MAZ-Face­book Ro­se­ma­rie Wie­se, Rangs­dorf Mat­hil­de Nop­pel, MAZ-Face­book

Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn ist vor Kur­zem da­mit vor­ge­prescht: Er hat sich für ei­ne Wi­der­spruchs­lö­sung aus­ge­spro­chen, um mehr Or­gan­spen­den zu er­hal­ten. Das heißt, dass je­der au­to­ma­tisch als Spen­der gilt – es sei denn, man wi­der­spricht. MAZ be­rich­te­te über die­ses The­ma am 4. und 10. Sep­tem­ber. Hier ei­ne Aus­wahl von Mei­nun­gen:

Ich bin ge­gen die vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter be­vor­zug­te Re­ge­lung für Or­gan­spen­den, weil ich ei­ne Spen­den­pflicht als un­de­mo­kra­tisch und die Wi­der­spruchs­lö­sung als un­nö­ti­gen bü­ro­kra­ti­schen Auf­wand emp­fin­de. Rech­net Spahn da­mit, dass vie­le Men­schen dann ver­ges­sen oder zu be­quem sind, zu wi­der­spre­chen? Wie in der Ko­lum­ne „Ak­ti­ves Ja zur Or­gan­spen­de“ar­gu­men­tiert, muss je­der Bür­ger wie bis­her das Recht ha­ben, zu sei­nen Leb­zei­ten selbst dar­über zu ent­schei­den. Ab­ge­se­hen von ethi­schen und re­li­giö­sen Grün­den für ei­ne Ab­leh­nung gibt es ei­ne Viel­zahl von Men­schen, die als Spen­der über­haupt nicht in Fra­ge kom­men, weil sie zum Bei­spiel un­ter bös­ar­ti­gen Er­kran­kun­gen lei­den. Da auch mit Or­gan­spen­den schon Schind­lu­der ge­trie­ben wur­de, darf ich gar nicht dar­an den­ken, was pas­sie­ren könn­te, wenn Kran­ken­häu­ser da­für noch be­son­de­re, fi­nan­zi­el­le An­rei­ze er­hal­ten. Ei­ne Spen­de soll ei­ne Spen­de blei­ben. Kei­ner hat das Recht, die Frei­wil­lig­keit in­fra­ge zu stel­len. Al­les an­de­re führt den Be­griff ad ab­sur­dum. Der Staat soll­te nicht per Ge­setz die Aus­wei­dung Ver­stor­be­ner re­geln. Po­si­tiv zu be­wer­ten ist, dass die­ses Vor­ha­ben nur die Ent­schei­dungs­mög­lich­keit Ja oder Nein zu­lässt, wo je­der zu Leb­zei­ten wäh­len muss. Aber auch das wird in un­end­li­chen Dis­kus­sio­nen zer­re­det wer­den. Wer es nicht will, soll es schrift­lich fest­le­gen. Dass die Be­reit­schaft zur Or­gan­spen­de rück­läu­fig ist, liegt we­ni­ger im Nicht­wol­len, son­dern mehr in der Ge­dan­ken­lo­sig­keit der Men­schen, wenn sie nicht be­trof­fen sind. Wenn Jens Spahns Vor­schlag zum Ge­setz wird, muss sich je­der mit die­ser Pro­ble­ma­tik be­fas­sen und ent­spre­chend re­agie­ren. Ich den­ke, dass dies nicht zu mehr Spen­den­be­reit­schaft führt, aber den An­ge­hö­ri­gen ist die gro­ße Last der nach­träg­li­chen Ent­schei­dung ge­nom­men. Ich glau­be, dass sich die Fra­ge „Wi­der­spruchs­re­ge­lung“oder „Ein­ver­ständ­nis­er­klä­rung“in ei­nem wirk­li­chen Sin­ne nicht lö­sen lässt, weil zwei gleich­wer­ti­ge Prin­zi­pi­en ge­gen­ein­an­der­ste­hen. Denn es ist ei­ne ethi­sche und kei­ne vor­ran­gig tech­ni­sche Fra­ge, zu der es mit­un­ter ge­macht wer­den soll. Das ei­ne ist die Hil­fe für Men­schen, die Hil­fe un­ab­ding­bar be­nö­ti­gen. Das an­de­re ist die ei­ge­ne Ver­fü­gung über den Kör­per, sprich: die Ethik der Un­ver­letz­lich­keit des Kör­pers und des Selbst­be­halts, wo­zu auch die Wür­de des Ster­be­pro­zes­ses ge­hört. Kon­kret: die­sen nicht zu un­ter­bre­chen. Or­ga­ne von ganz und gar Ge­stor­be­nen wä­ren un­brauch­bar, al­so müs­sen sie Men­schen ent­nom­men wer­den, die noch ei­ne Spur Leben in sich tra­gen. Je­de Ver­pflich­tung soll­te aus­schei­den, die Mög­lich­keit ei­ne Mög­lich­keit blei­ben. Ob sie wahr­ge­nom­men wer­den soll, soll­te m. E. aus­drück­lich er­klärt wer­den. Ich fin­de es sehr gut! Je­der wird so ge­zwun­gen, sich mit die­sem The­ma aus­ein­an­der­zu­set­zen. Hier wer­den nur die Dum­men be­straft, die sich nicht in­for­mie­ren. Je­der kann doch in die La­ge kom­men, ein Or­gan zu be­nö­ti­gen und ich weiß nicht, ob je­der zehn Jah­re war­ten will und kann. Mich graust es vor un­se­ren ver­ant­wort­li­chen Po­li­ti­kern, Me­di­zi­nern und sons­ti­gen mo­ra­li­schen In­stan­zen, die das The­ma Or­gan­spen­de er­neut für sich ent­deckt ha­ben. Je­der Mensch soll Or­gan­spen­der sein, wenn er oder sei­ne An­ge­hö­ri­gen nicht wi­der­spro­chen ha­ben. Da­zu ein pas­sen­der Be­griff – Hirn­tod. Ei­ne ju­ris­ti­sche To­des­de­fi­ni­ti­on, um das Tö­ten ei­nes ster­ben­den Men­schen straf­frei ge­sche­hen zu las­sen. Es wird vor­ge­gau­kelt, dass der Mensch eben tot sei. Von ei­nem wirk­lich to­ten Men­schen (kein Herz­schlag, kein Blut­druck und auch kein Stoff­wech­sel mehr) kön­nen je­doch kei­ne le­ben­den Or­ga­ne ent­nom­men und wie­der trans­plan­tiert wer­den. Er­go muss der Mensch am Leben ge­hal­ten wer­den, da­mit der Ein­griff er­fol­gen kann. Was das für ein grau­sa­mes Ge­sche­hen ist, dar­über soll­te sich je­der in­for­mie­ren. Ich bin ab­so­lut da­ge­gen. Men­schen sind kei­ne Er­satz­teil­spen­der! Ärz­te ver­die­nen dar­an, an­de­re leben mit den Or­ga­nen, aber an die­je­ni­gen, die spen­den, denkt nie­mand ... Es ist doch mehr als ma­ka­ber, wenn ein Arzt ei­ner Frau, die auf ein Spen­der­herz an­ge­wie­sen ist, er­klärt, sie ha­be gu­te Chan­cen, denn die Mo­tor­rad­sai­son be­gin­ne.

FO­TO: DPA

Le­bens­wich­tig – ein Or­gan­spen­de­aus­weis.

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